Kino I

Kleine Lügen, große Konflikte

»Ich habe nur Befehle meiner Vorgesetzten befolgt.« In Deutschland wird diese Ausrede als »Befehlsnotstand« bezeichnet, eine moralisch höchst umstrittene Kategorie. Nicht gerade also die glücklichste juristische Verteidigungsstrategie für israelische Soldaten. Wir hören sie dennoch mehr als einmal in Soldier/Citizen (»Bagrut Lochamim«), einem hoch spannenden Dokumentarfilm aus Israel, der bei der an diesem Donnerstag beginnenden Berlinale im Internationalen Forum des Jungen Films seine Weltpremiere hat.

Die 1965 geborene Regisseurin Silvina Landsmann begleitet eine Gruppe israelischer Soldaten beim dreiwöchigen Unterricht in Staatsbürgerkunde. Der gehört zu einem Angebot für Wehrpflichtige, gegen Ende des Militärdienstes verpasste Schulabschlüsse nachzuholen. Der zivil gekleidete Lehrer erklärt seinen uniformierten Schülern, was Pluralismus bedeutet und was für Konsequenzen es hat, dass Israel ein Rechtsstaat und eine Demokratie ist.

Alltag Dabei werden der Gründungsmythos und das komplexe Selbstverständnis des jüdischen Staates mit der Wirklichkeit nach 60 Jahren und den Erfahrungen der Soldaten im Alltag des Nahostkonflikts sowie in Gesprächen mit Freunden und Familien konfrontiert. Es geht hoch her, denn die Soldaten sind untereinander so uneinig wie der Rest der israelischen Gesellschaft.

Viele der jungen Männer sind erschreckend uninformiert und geben im saloppen Gerede auch mal einige Grundlagen des Staates oder gleich die Menschrechte preis. Als einer sagt, man solle »die Araber rauswerfen nach Jordanien«, ist er überrascht, zu hören, dass die Gemeinten die israelische Staatsbürgerschaft besitzen.

Manche kommen mit der Kritik aus den Reihen der Friedensbewegung nicht zurecht – »Sie nennen mich Nazi. Bin ich ein jüdischer Nazi?« –, andere haben vor ultraorthodoxen Juden genauso viel Angst wie vor Muslimen: »Der Tag wird kommen, an dem die Ultras und die Araber die Mehrheit sind und den säkularen Staat abschaffen.« Man hört Soldaten auch sagen, sie würden lieber in »der Schweiz oder Holland leben«, nur um dann verwundert zu erfahren, dass es dort auch Militärdienst gibt.

So wird dieser Film zum kondensierten Porträt der israelischen Gesellschaft. Zugleich bietet er auch – mitunter erschreckende – Einblicke in Angst, Paranoia und Unversöhnlichkeit. An die Möglichkeit friedlicher Koexistenz glaubt in diesem soldatischen Männerbund keiner. Araber sind ausnahmslos Terroristen, denen keinerlei Rechte zugestanden werden. Wenn einer widerspricht, ist er ein »Leftist«. Und wenn Gerichte Soldaten für Übergriffe und Verbrechen im Einsatz verurteilen, dann fällt der bereits zitierte Verweis auf den »Befehlsnotstand«.

Vater‐Tochter Ganz andere Facetten zeigen die anderen israelischen Filme. Besonders gelungen ist Maya Kenigs Off White Lies (»Orchim LeRega«), der zwar in der Sektion »Generation« läuft, jedoch keineswegs ein reiner Kinder‐ und Jugendfilm ist. Kenig erzählt von der 13‐jährigen Libby, die die letzten Jahre in Amerika gewohnt hat, nun aber von ihrer Mutter nach Israel geschickt wurde, um dort in den nächsten Monaten bei ihrem Vater Shaul zu leben, den sie bisher kaum kennt.

Nachdem die Eltern sich getrennt hatten, war der Vater nur noch gelegentlich am Telefon präsent. Kaum in dem nördlichen Grenzdorf angekommen, in dem der Vater lebt, gerät Libby gleich in einen arabischen Granatenangriff und muss im Bunker Zuflucht suchen.

Der Nahostkonflikt bleibt auch im weiteren Verlauf des Films im Hintergrund präsent. Vor allem geht es aber um die Annäherung zwischen Vater und Tochter, die sich zögerlich und in gegenläufigen Bewegungen vollzieht. Libby erfährt, dass der Vater sich als Erfinder mehr schlecht als recht durchschlägt und zurzeit gerade kein Dach überm Kopf hat. Das Leben meistert er trotzdem einfallsreich, mit viel Charme und mit Hilfe von »little white lies«, halbverzeihlichen Schwindeleien. Zu ihnen gehört, dass sich Shaul bei einer wohlhabenden Familie als Kriegsopfer ausgibt und mit Libby dort einzieht.

Das führt zu neuen Problemen: Shaul beginnt ein Verhältnis mit der Gastgeberin, Libby aber fühlt sich in ihrem neuen Leben völlig alleingelassen. Sie begreift, dass sie ihren Vater erziehen muss, um ihm sein Leben im permanenten Ausnahmezustand abzugewöhnen. Off White Lies ist eine gut gespielte, leichte Komödie mit ernsten Untertönen über ein Leben mit kleinen Lügen und großer Unsicherheit, das Libby und ihr Vater mit vielen Israelis gemeinsam haben.

Um Beduinen, die am nördlichen Rand der Negevwüste leben, geht es in Ami Livnes Sharqiya. Einer von ihnen ist Sicherheitsmann, der auf einem Busbahnhof das Gepäck der Durchreisenden nach verdächtigem Inhalt durchsucht, vor allem nach versteckten Bomben. Zugleich lebt er mit seiner Familie als Nomade und ist mit die‐ sem Leben den Behörden ein Dorn im Auge. Fern aller Wüstenromantik beschreibt der Film den Konflikt zwischen Tradition und Moderne im Alltag einer israelischen Minderheit.

stars Zwei weitere Filme verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die mit Tom Hanks, Sandra Bullock und Max von Sydow hochgradig stargespickte Produktion Extrem laut und unglaublich nah ist die Verfilmung von Jonathan Safran Foers Bestseller durch den Regisseur Stephen Daldry (The Hours, Der Vorleser). Held des Films ist der neunjährige Oskar Schell, dessen Vater beim 9/11‐Attentat getötet wird. Mithilfe einiger Hinterlassenschaften des Verstorbenen begibt sich der Junge auf Spurensuche und findet mehr, als er gesucht hat.

Eine Spurensuche ist auch der polnische Forumsbeitrag Sekret – ein komplex erzählter Film, der auf den ersten Blick recht affektiert wirkt, mit der Zeit aber einen ganz eigenen Reiz entwickelt. Ksawery und Karolina, ein schwuler Tänzer und seine jüdische Agentin, besuchen Ksawerys Großvater Jan auf dem Land. Jan war Kommunist, saß unter Stalin im Lager, hat sich zuvor allerdings auch an polnischen Pogromen beteiligt.

Was als heitere Sommergeschichte beginnt, wird zum nur scheinbar vorhersehbaren Drama um Schuld, Sühne, Verdrängen und Vergebung. Eine Tiefenbohrung in Identitätsschichten, die bei allen drei Figuren verborgene Geheimnisse zutage fördert.

www.berlinale.de

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