Debatte

Klare Kante oder Kuschelkurs?

Daniel Barenboim Foto: imago/Future Image

Götterdämmerung der Patriarchen. Ende einer Ära. Wer dieser Tage die Feuilletons liest (selbst die »New York Times« berichtet ausführlich), erlebt in der diskret wirkenden, jedoch vertratscht-gehässigen und von Neidern bevölkerten Klassikszene eine Affäre, die uns ratlos fragen lässt: In wen ist der Dibbuk jetzt eigentlich hineingefahren? In den Dirigenten? In die Musiker, die ihn kritisieren oder ihn verteidigen? In jene Journalisten, die mit Furor-Federn Partei ergreifen für und gegen den Maestro? Oder gar ins Publikum, sollte es eine cholerische Legende angebetet oder abgelehnt haben? Piano. Zunächst die Fakten.

Daniel Barenboim, 76, ist seit 1992 Generalmusikdirektor an der Staatsoper Berlin. Das Orchester hat ihn auf Lebenszeit zum Chefdirigenten gewählt. Dennoch muss er momentan mit dem Berliner Senat über die Verlängerung seines Vertrages ab 2022 verhandeln. Mehrere ehemalige Musiker und Mitarbeiter der Staatskapelle haben Anfang Februar zunächst anonym, später namentlich berichtet, Daniel Barenboim habe sie gedemütigt, in Proben schikaniert, er habe einige gar geschüttelt. Er sei höflich zu den Stars und nehme andere Menschen oft gar nicht wahr. Er verfüge über unendliche Macht, niemand wage es, sich ihm zu widersetzen, weil die Karriere sonst enden würde.

Der Vorwurf: Barenboim habe Musiker gedemütigt und schikaniert. Einige habe er gar geschüttelt.

Daniel Barenboim selbst erklärte mir daraufhin im RBB, er rege sich hin und wieder mal auf. Das passiere eben. Leider auch, wenngleich selten, vor Publikum, was er bei sich selbst nicht ausstehen könne. Er sei kein Lamm. Gedemütigt haben wollte er niemanden. Einige Musiker hätten seine Erwartungen nicht erfüllt, das habe er ihnen mitgeteilt. Ein gutes Konzert rechtfertige noch lange kein schlechtes Benehmen. Er sei im Gegenteil dankbar, wenn man ihn klug und nachvollziehbar kritisiere, und gewillt, sich zu ändern.

STURM Der Orchestervorstand steht zu ihm und will noch viele Jahre mit ihm arbeiten. Happy End? Schön wär’s. Marschiert die Medienmaschine los, stoppt sie niemand. Eine frühere Großkritikerin nennt die anonymen Berichte eine Katastrophe. Das ärgert den vor vielen Jahren gepiesackten Münchner Pauker, er outet sich namentlich mit anderen im Bayerischen Rundfunk.

Daraufhin fegt ein Sturm an Mutmaßungen über Barenboim durch die Feuilletons, die Opernleitung muss ihr Schweigen brechen, Journalisten kolportieren Kantinengerüchte und missachten die Regeln der Recherche. Eine Lawine des gnadenlosen Gossip rollt über die Staatsoper, ihre Chefs und das Orchester hinweg. Und jeder erzählt auf Partys oder auf Facebook seine persönliche Barenboim-Geschichte.

Ich erinnere mich an eine spontane Barenboim-Rede auf der Bühne unmittelbar nach den Schlussakkorden einer Bruckner-Sinfonie in der New Yorker Carnegie Hall. Es war der Tag von Trumps Inauguration. Barenboim beschwor die amerikanische Literatur, die Kunst, die Musik der USA. Make the World great, so sein Fazit.

Während der Krise um seinen Führungsstil habe ich zum Interview einen angriffslustigen Barenboim erwartet – und einen selbstkritischen Dirigenten getroffen.

Ich erinnere mich an seine heute noch regelmäßigen Grüße an eine gemeinsame Bekannte, eine ehemalige Krankenschwester, die vor über 30 Jahren die britische Cellistin Jacqueline du Pré gepflegt hat. Das alles mag sentimental und subjektiv sein, ich habe nie unter ihm gespielt, geschweige denn gelitten. In Gesprächen fand ich ihn witzig und geistreich. Zudem umgibt ihn eine Aura, die manch interne Kritiker vielleicht kuschen ließ.

INSTINKT Die dritte Erinnerung ist frisch. Während der Krise um seinen Führungsstil habe ich zum Interview einen angriffslustigen Barenboim erwartet und einen selbstkritischen Dirigenten getroffen. Show? Die hätte ich instinktiv gespürt. Das charakterlich Widersprüchliche gehört zur conditio humana und damit auch zu seiner Person. Barenboim scheint gleichsam maßlos und bescheiden, besessen und locker, flegelhaft und fürsorglich. Bei all dem Gerede und Geschreibsel um Genie und Charakter aber verliert sich das Entscheidende: der Blick in jene Zeit, da Barenboim seine Kunst erlernte.

Die Causa Barenboim beschäftigt uns vor allem, weil die Führungskultur heute eine andere ist als vor 40 Jahren. Tilman Krause in der »Welt« titelt dazu klug: »Kunst kommt nicht von Kuscheln«. Das benennt den Kern der Misere. Ihre Kindheit und Jugend haben Musiker in A-Orchestern symbiotisch mit ihrem Instrument verbracht, sie reagieren auf harsche Kritik verständlicherweise empfindlich. Barenboim selbst saß mit sieben Jahren zum ersten Mal als Solist am Flügel im Konzertsaal von Buenos Aires, begeisterte mit 14 das Publikum der Carnegie Hall und wuchs seither zur Legende.

Früher beschrieben Zeitungen Dirigenten noch als Pultgötter, Interna aus Orchestern veröffentlichte niemand.

Das ist ein Weilchen her. Damals beschrieben Zeitungen Dirigenten noch als Pultgötter, Interna aus Orchestern veröffentlichte niemand. Aber alle wussten um die schauerlichen Ausbrüche von Ferenc Fricsay, nach denen Musiker sich umgebracht haben sollen. Solti hat gedemütigt, Karajan intrigiert, Toscanini Karrieren vernichtet. Celibidache hat Anne-Sophie Mutter vor versammeltem Orchester ein dummes Huhn genannt. Sie nahm ihre Geige und ging. Tempi passati. Zum Glück. Schikanieren ist out.

LERNEN Die Ikonen der modernen Führungskultur heißen Wertschätzung und Respekt. Kritik bitte nur unter vier Augen. Das sollte für Behörden und Unternehmen funktionieren, aber was passiert, wenn die Flöte das Fis zu lange hält? »Herr Fridolin, könnten wir die Stelle nach der Probe noch einmal gemeinsam entwickeln ...« Das ist lächerlich. Orchesterproben werden immer heikel bleiben.

Wir, die Journalisten und das Publikum, aber auch die Musiker, sollten nicht überheblich zu Gericht sitzen.

Bei Daniel Barenboim trifft ein Ausnahmekünstler mit alten Erziehungsmustern und bisweilen machomäßigen Manieren auf Musiker, die den ollen Götter-Groove nicht mehr ertragen wollen. Barenboim wird das akzeptieren. Nach diesem öffentlichen, für ihn unangenehmen Diskurs um seine Person sollte er einen gepflegteren Ton auch im höheren Alter noch lernen. Intelligent und empathisch genug ist er, das klappt.

Wir, die Journalisten und das Publikum, aber auch die Musiker sollten nicht überheblich zu Gericht sitzen über einen antiquierten Zeitgeist, der den Dirigenten maßgeblich geprägt hat. Möge Barenboim sein Temperament kontrollieren. Möge ihm die Politik, die früher gern an seiner Seite geglänzt hat und die heute zu allem beredt schweigt, ein respektables Angebot präsentieren. Mögen vor allem keine heftigeren Beschuldigungen die Affäre zur Tragödie machen. Und möge der Dibbuk der noch immer köchelnden Gerüchteküchen sich endlich fortschleichen. Er stört den Genuss hinreissender Opern und Konzerte.

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