Nachruf

Kinogigant aus Prag

Verließ 1968 die Tschechoslowakei und emigrierte nach Amerika: Miloš Forman (1932–2018) Foto: imago

Gleich das erste große Interview, das Miloš Forman 1970 im amerikanischen Exil gab, dokumentierte ein ausgeprägtes künstlerisches Selbstbewusstsein. »Die wollen mich, aber sie wollen, dass ich ihre Dinge mache«, erklärte er offenbar amüsiert der Zeitschrift »Film Comment«. »Sie verstehen hier nicht, dass der Regisseur tun muss, was er für richtig hält.« Für Miloš Forman hieß das, in den USA sein in der Tschechoslowakei begonnenes filmisches Werk fortzuführen, das im Rückblick als Zelebrierung künstlerischen Eigensinns erscheint.

Als die sowjetischen Panzer 1968 dem Prager Frühling eine Ende machten, emigrierte der 1932 im mittelböhmischen Cáslav geborene Regisseur, dessen protestantische Eltern als Widerstandskämpfer von den Nazis ermordet worden waren, nach Amerika. Dort erfuhr er 1964 von einer Frau, die mit seiner Mutter in Auschwitz war, dass sein biologischer Vater ein jüdischer Architekt gewesen sei, der inzwischen in Ecuador lebte.

Gespür Einige seiner Filme durften in seiner früheren Heimat nicht gezeigt werden. Wie so oft bewies die Zensur auch hier ein sicheres Gespür bei der Identifizierung von unterschwelliger Gesellschaftskritik.

Der 1965 erschienene Film Die Liebe einer Blondine, eines der stilbildenden Werke der an der Nouvelle Vague orientierten tschechischen Neuen Welle, erzählt in spartanischen Bildern von Lust und Liebe unter erschwerten gesellschaftlichen Bedingungen. Der Film fügte sich, schrieb der Filmhistoriker Hans-Jürgen Wulff, »in das verdeckte Programm der tschechischen Neuen Welle ein, Ideale des Sozialismus aus der stalinistischen Umklammerung zu lösen und den Prager Frühling ideologisch und künstlerisch vorzubereiten«. Das gilt auch für Formans letzten in der alten Heimat gedrehten Film, die Komödie Der Feuerwehrball von 1967.

Um den Konflikt zwischen Freiheitsstreben und gesellschaftlichen Instanzen kreisen Formans Filme auch nach seiner Emigration immer wieder. Drei seiner großen amerikanischen Streifen sind Künstlergeschichten. Und die Vermutung liegt nahe, dass die Sensibilität und Genauigkeit, die Miloš Forman in der Konstruktion seiner Outlaw-Helden an den Tag legte, sich auch aus seiner eigenen Biografie speiste.

Sein populärster Film, der mit acht Oscars ausgezeichnete Amadeus, zeigt Mozart als schrill kichernden Lüstling mit rosa Perücke. Man on the Moon erzählt die Geschichte des Komikers Andy Kaufman, der sich jedweder Erwartungshaltung radikal entzog.

Larry Flint Schließlich das Biopic Larry Flynt – Die nackte Wahrheit über das Leben des Herausgebers des Männermagazins »Hustler« – ein Künstler nur im allerweitesten Sinne. Der Film ließ den Porno-Produzenten als Vorkämpfer für sexuelle Befreiung und freie Rede erscheinen und wurde Ende der 90er-Jahre kontrovers diskutiert (und auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet). Es gehört nicht zu den geringsten Qualitäten von Formans Filmen, dass man lange, sehr lange über sie diskutieren kann.

Sein Durchbruch in Hollywood, Einer flog über das Kuckucksnest, zeigt eine Re­bellion, die am Ende scheitert, im Setting einer psychiatrischen Anstalt. Trotz des Scheiterns bleibt sie glückverheißender als alles, was die Instanzen der gesellschaftlichen Normalität repräsentieren. Der von Jack Nicholson gespielte Antiheld R.P. McMurphy wird von den Pflegern der Anstalt einer Gehirnoperation unterzogen und versinkt in Apathie. »Versucht hab ich’s wenigstens«, insistiert er in einer der vielen unvergesslichen Szenen dieses Films. »Das hab ich wenigstens getan.« In all diesen Geschichten ist Hoffnung. Auch wenn sie nicht im Triumph enden.

Am 13. April ist Miloš Forman nach kurzer Krankheit im Alter von 86 Jahren in Danbury, Connecticut, im Kreise seiner Familie gestorben.

Hollywood

Die »göttliche Miss M.«

Schauspielerin Bette Midler dreht mit 80 weiter auf

von Barbara Munker  28.11.2025

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025

Projektion

Rachsüchtig?

Aus welchen Quellen sich die Idee »jüdischer Vergeltung« speist. Eine literarische Analyse

von Sebastian Schirrmeister  28.11.2025

Kultur

André Heller fühlte sich jahrzehntelang fremd

Der Wiener André Heller ist bekannt für Projekte wie »Flic Flac«, »Begnadete Körper« und poetische Feuerwerke. Auch als Sänger feierte er Erfolge, trotzdem konnte er sich selbst lange nicht leiden

von Barbara Just  28.11.2025

Aufgegabelt

Hawaij-Gewürzmischung

Rezepte und Leckeres

 28.11.2025

Fernsehen

Abschied von »Alfons«

Orange Trainingsjacke, Püschelmikro und Deutsch mit französischem Akzent: Der Kabarettist Alfons hat am 16. Dezember seine letzte Sendung beim Saarländischen Rundfunk

 28.11.2025 Aktualisiert

Fernsehen

»Scrubs«-Neuauflage hat ersten Teaser

Die Krankenhaus-Comedy kommt in den Vereinigten Staaten Ende Februar zurück. Nun gibt es einen ersten kleinen Vorgeschmack

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025

Imanuels Interpreten (15)

Elvis Presley: Unser »King«

Fast ein halbes Jahrhundert nach Elvis’ Tod deutet viel darauf hin, dass er Jude war. Unabhängig von diesem Aspekt war er zugleich ein bewunderns- und bemitleidenswerter Künstler

von Imanuel Marcus  28.11.2025