»Licorice Pizza«

Kino, das wir brauchen

Freunde und Geschäftspartner: Alana Kane (Alana Haim) und Gary Valentine (Cooper Hoffman) Foto: imago images/ZUMA Press

Vergessen Sie die Maske, vergessen Sie 2G-plus, wenigstens für zweieinviertel Stunden, und lassen Sie sich einfach mitreißen! Hollywoodregisseur Paul Thomas Anderson, bisher eher bekannt für Leinwand-Schwergewichte wie There Will Be Blood oder Magnolia, schenkt uns wunderbar leichten, aber keine Minute flachen Eskapismus für diese zutiefst verunsichernde Zeit. Danke dafür, Mister Anderson!

Vor allem aber auch danke für den Mut, eine der Hauptrollen von Licorice Pizza mit der kino-unerfahrenen Musikerin Alana Haim zu besetzen, der Jüngsten der drei Haim-Schwestern der gleichnamigen kalifornischen Popband. Ja, schauspielern kann die Tochter eines Israelis und einer Amerikanerin auch noch! Die Golden-Globe-Nominierung und diverse Kritikerpreise stehen bereits fest.

Die 30-jährige Alana Haim spielt Alana Kane, eine junge, etwas ziellose Frau Mitte 20, die sich in Los Angeles Anfang der 70er-Jahre von Job zu Job hangelt, während sie noch bei den Eltern wohnt, als sie den 15-jährigen Gary trifft. Gary Valentine, gespielt von Philip Seymour Hoffmans Sohn Cooper, für den es auch die erste Rolle ist, verliebt sich unsterblich in die coole Frau, die ihn sofort abblitzen lässt. »Ich date kein Kind«, schnauzt sie den einen halben Kopf größeren Jungen an und stolziert weiter ihres Weges, als wäre sie im Haim-Video »Want You Back«.

Die kino-unerfahrene Popmusikerin Alana Haim trägt den ganzen Film.

Doch Gary lässt nicht locker. »Ich habe die Frau getroffen, die ich heiraten werde«, lässt er seinen kleinen Bruder wissen. Dass er bereits eine Schauspielkarriere hinter sich hat, neben der Schule am Erfolg seiner PR-Agentur arbeitet und vor Selbstvertrauen nur so strotzt, beeindruckt Alana dann doch ein bisschen.

WASSERBETTEN Vor allem aber macht die junge Frau mit dem Renaissance-Gemälde-Gesicht in dem großherzigen, ambitionierten Witzbold einen Seelenverwandten aus, der, so wie sie, in einer Welt, in der alles möglich scheint, nach seinem Platz sucht. Und wenn geteiltes Leid halbes Leid ist, warum nicht einfach zusammen!? Sie werden Freunde und bald auch Geschäftspartner, als Gary ins Wasserbetten-Business einsteigt.

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Alana und Gary verbringen Zeit miteinander, verstehen sich ohne Worte und geben einander Sicherheit, ohne je miteinander intim zu werden. Sie streiten sich, sie versöhnen sich, ihre Leben driften auseinander. Was bleibt, ist, dass sie ein Teil vom Leben des anderen geworden sind. So wie Gary gleich zu Beginn feststellt: »Ich werde dich genauso wenig vergessen wie du mich!«

AMOUR FOU Licorice Pizza erzählt auf angenehm harmlose Weise von einer Amour fou. Vor allem aber ist die Lakritz-Pizza (in den 70ern ein Slang für eine Vinyl-Schallplatte) ein Ausflug in eine vermeintlich heile, analoge Welt. Die Jungs tragen Koteletten, die Mädchen Miniröcke, und Telefone hängen an Kabeln. David Bowie und Blood, Sweat & Tears spielen im Radio, und der Himmel ist ewig blau und grenzenlos.

Dieses Fest der Nostalgie stellt Regisseur Anderson eher nebenbei, aber entschieden in den Kontext, zeigt Hollywoods ignorante Seite genauso wie den Vietnamkrieg-Präsidenten Richard Nixon, der im Fernsehen versucht, seine Landsleute zu beruhigen. Wegen der Ölpreiskrise geht ihnen nicht nur das Benzin aus, als die arabischen, Erdöl exportierenden Staaten anlässlich des Jom-Kippur-Krieges ihre Fördermengen drosseln, um vom Westen zu erpressen, dass dieser seine Unterstützung für Israel einstelle.

AGENTIN Und apropos Israel: In einer Szene sitzt die Film-Alana, die wie die reale Alana Jüdin ist, einer antisemitischen Hollywood-Agentin gegenüber, die über jüdische Nasen und die hebräische Sprache lacht.

Für befreiendes Gelächter sorgt ein Kiddusch bei den Film-Eltern – gespielt von Alanas realen Eltern.

Für befreiendes Gelächter hingegen sorgt ein Kiddusch bei den Eltern von Film-Alana (die wiederum von den ganz realen Haim-Eltern gespielt werden). Zu Garys Verdruss ist seine Angebetete seinem Kollegen Lance näher gekommen, den Alana mit nach Hause bringt. Als der den vom Vater freundlich angebotenen Hamozi-Segen verweigert, weil er Atheist sei, wird Alana ungehalten. »Bist du beschnitten? Dann bist du verdammt nochmal auch Jude!« Denn etwas anderes kommt für Vater Moti nicht infrage. Deshalb hat der ehemalige IDF-Soldat seinen Töchtern wohl auch Krav Maga beigebracht.

SCHWESTERN Die Haim-Schwestern Este und Danielle machen die Film-Familie komplett. Und was auf der Bühne gut klappt, ist auf der Leinwand ebenfalls eine Freude. Die Band, die bei ihrem ersten Auftritt noch in Matzahball-Soup bezahlt wurde, ist mittlerweile die erfolgreichste jüdische Popband seit den Beastie Boys. Anderson, der bereits Musikvideos und eine Doku für Haim gedreht hatte, schickte Alana dann plötzlich einfach das Licorice Pizza-Skript. Im Kino ist von der ersten Sekunde an klar, warum. Alanas Talent trägt den ganzen Film.

Mit dem Kopf im Himmel und einem Bein fest auf dem Boden entwickelt Licorice Pizza einen unwiderstehlichen Sog. Und wenn Gary und Alana immer mal wieder in wildes Rennen ausbrechen, erinnert das fast ein bisschen an den französischen Liebesfilm Jules et Jim. Da will man einfach nur mitlaufen!

»Licorice Pizza« wird ab dem 27. Januar im Kino gezeigt.

Jürgen Habermas

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