Medizin

Kiffen als Therapie

Inhalieren erlaubt Foto: Thinkstock

Gegen Parkinson und andere Krankheiten ist ein Gras gewachsen. Während in Deutschland die gesetzlichen Hürden für den medizinischen Gebrauch von Marihuana nach wie vor extrem hoch sind, ist man in Israel eindeutig weiter. Gibt es hierzulande gerade einmal rund 150 Schwerstkranke, die Cannabis auf Rezept erhalten dürfen, so sind es im jüdischen Staat bereits knapp 11.000. Dazu zählen Menschen, die an Krebs, Multipler Sklerose oder Aids erkrankt sind oder unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) leiden. Ihnen hilft der gelegentliche Joint, sich zu entspannen, Schmerzen besser zu ertragen und wieder Appetit zu bekommen.

Erst vor wenigen Wochen verdoppelte das Gesundheitsministerium in Jerusalem die Zahl der Ärzte, die das Kiffen als therapeutische Maßnahme verordnen dürfen, auf über 20. Zudem wurde der Kriterienkatalog auf weitere Patientengruppen erweitert. »Einerseits müssen wir sicher sein, dass bestehende Gesetze eingehalten werden, andererseits wollen wir allen, die eine Behandlung mit Marihuana dringend benötigen, den Zugang erleichtern«, erklärte dazu Gesundheitsministerin Jael German.

Schmerz Grund für diese Entscheidungen sind zahlreiche aktuelle Studien, die eine medizinische Wirkung von Marihuana weiter bestätigen. So gingen etwa Forscher des Rabin Medical Center in Petach Tikva der Frage nach, warum Menschen mit Parkinson häufig von plötzlichen Schmerzattacken befallen werden. »Zwischen 50 und 80 Prozent aller an diesem neurologischen Leiden Erkrankten sind davon betroffen«, weiß Ruth Djaldetti zu berichten. »Doch bis dato konnten sie nicht richtig behandelt werden, weil diese Anfälle als unvermeidlicher Teil des Krankheitsverlaufs betrachtet wurden«, so die Neurologin und Chefin der Klinik für Bewegungsstörungen.

Auf Basis der Daten von 237 Parkinson-Erkrankten analysierte die Forscherin mit ihrem Team acht Gene, die für die Schmerzempfindlichkeit von Menschen mitverantwortlich sind. Bei den Patienten mit unvermittelt auftretenden Schmerzattacken konnten sie Veränderungen in deren Gensequenz identifizieren, die sich auf Aktivitäten der sogenannten Endocannabinoiden zurückführen lassen, den körpereigenen Substanzen mit cannabisähnlicher Wirkung. »Die Behandlung mit Marihuana stellt einen neuen Ansatz dar, diesen Menschen zu helfen«, sagt Djaldetti, die ihre Ergebnisse jüngst im European Journal of Pain veröffentlichte. Für viele der rund 20.000 Parkinson-Kranken in Israel dürfte das eine gute Nachricht sein.

Gehirn Eine andere israelische Forschergruppe hat jetzt herausgefunden, dass der im Marihuana enthaltene Wirkstoff THC – der übrigens weltweit erstmals 1964 von Raphael Mechoulam und Yehiel Gaoni am Weizmann-Institut in Rehovot isoliert werden konnte –, in minimalen Dosen verabreicht, Gehirnzellen vor einer Beschädigung schützt. »Bei einem richtigen Einsatz von THC lassen sich die kognitiven Fähigkeiten erhalten«, so Edith Hochhauser von der Sackler Faculty of Medicine an der Tel Aviver Universität. »Das kann der Fall bei Sauerstoffmangel, Drogenmissbrauch oder medizinischen Komplikationen sein.«

In einer Versuchsreihe wurden Ratten vier Stunden vor und nach einer zugeführten Gehirnverletzung THC in einer Menge injiziert, die dem Tausendstel eines normalen Joints entspricht. Dadurch konnten die Abwehrkräfte der Gehirnzellen ebenso aktiviert werden wie das erhöhte neuronale Wachstum. »Das Verfahren ist sehr sicher und kann auch auf den Menschen übertragen werden«, glaubt Josef Sarne, der ebenfalls an der Untersuchung mitwirkte. »Zudem erlaubt es angesichts der sehr geringen Dosis eine längere Anwendung sowohl nach einer Verletzung als auch in Form einer präventiven Maßnahme.«

Trauma Angesichts des immer breiteren Einsatzgebietes von Cannabis als Medizin schnellen die Produktionsmengen der guten alten Hanfpflanze in Israel gewaltig nach oben. Wurden im Jahr 2009 noch knapp 100 Kilo Cannabis legal angebaut, so sind es aktuell 370 Kilo. Die größte Dope-Farm heißt Tikkun Olam und steht im Norden nahe Sefad. Dort hat man die Produktpalette ordentlich erweitert. So gelang die Züchtung einer Sorte ohne den psychoaktiv wirkenden Stoff THC sowie eine Variante mit einem sehr hohen Anteil an Cannabidiol (CBD), das als besonders entzündungshemmend und entkrampfend gilt.

»Alles ganz ohne Nebenwirkungen«, sagt Zachy Klein, Forschungsleiter bei Tikkun Olam. »Man kann danach sogar Auto fahren.« Die Marihuana-Anbauer kooperieren auch mit einem Altersheim im Kibbuz Na’an und haben eigens für die ältere Kundschaft die Sorte »70plus« entwickelt. Einer der Abnehmer ist Mosche Rute, der als Überlebender des Holocausts oft von seinen traumatischen Erinnerungen heimgesucht wird. »Heute bin ich über 80 Jahre alt und immer noch ein Holocaust-Kind«, erzählt der Rentner über seine Erfahrungen. »Aber mit dem Marihuana komme ich besser damit zurecht.«

Den rabbinischen Segen hat das grüne Kraut inzwischen auch bekommen. Efraim Zalmanovich, orthodoxer Rabbiner in der Kleinstadt Mazkeret Batia, erklärte die Gabe von Marihuana für medizinische Zwecke kürzlich zur Mizwa.

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  07.11.2026

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026