Gespräch

»Keine Volkslieder mehr«

»Jüdische Sehnsüchte«: Ayal Adler Foto: PR

Herr Adler, von Ihnen stammt die Auftragskomposition für das diesjährige »Intonations«-Kammermusikfestival im Jüdischen Museum Berlin, das am Samstag beginnt. Was ist das für ein Stück?
Die Komposition heißt »Colors of Dust« – Farben des Staubs. Dabei hat Staub eigentlich gar keine bestimmte Farbe. Aber der Name passt, weil das Stück – es dauert etwa eine Viertelstunde – einem Staubwirbel gleicht, der sich gegen Ende allmählich wieder legt. Es beginnt mit verschiedenen Klangfarben und unterschiedlichen Texturen. Dann entwickeln sich eher ausgedehnte Solopartien von Cello und Klavier heraus, die danach zerfallen zu einer Art Nicht-Klang oder, besser gesagt, atmenden Klängen. Kurz: eine große Bewegung von unterschiedlichen Farben und Substanzen hin zu Grau und Durchmischung. Gespielt wird es von fünf Musikern, darunter der Geiger Michael Barenboim und der Pianist Yaron Kohlberg.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ihre Musik in Deutschland aufgeführt wird.
Stimmt. Vergangenes Jahr war ich mit dem Ensemble Meitar beim Hamburger Sounds of Israel-Festival zu Gast. Dort wurde mein Stück »Quintet« aufgeführt, das ich vor drei Jahren geschrieben habe und das im vergangenen Jahr den renommierten ACUM-Preis gewonnen hat. »Colors of Dust« ist eine Art Fortsetzung von »Quintet«. Mit dem Ensemble Meitar, das viele meiner Werke aufgeführt hat, bin ich auch schon im Haus der Wannseekonferenz aufgetreten. Es war ein sehr intensives emotionales Erlebnis für die Musiker und mich, an jenem Ort zu spielen, an dem die Nazis die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen hatten.

Was haben Sie dort gespielt?
Das Stück hieß »At the Gate of Darkness« – Am Tor der Finsternis. Es entstand als Teil eines Films über ein Konzert im Haus der Wannseekonferenz. 2012 waren wir mit dem Stück auch beim International Chamber Music Festival in Jerusalem zu Gast.

Worum geht es in dieser Komposition?
Ich habe Gedichte des Lyrikers David Vogel vertont, weil ich finde, dass sie auf sehr innige Weise Jüdischkeit ausstrahlen, auch wenn Vogel das nie explizit hervorhebt. Doch ich habe bei ihm sogar ein Neila-Gebet aus der Jom Kippur-Liturgie gefunden: Öffne die Tore für uns!

Wer war dieser David Vogel ?
Vogel war ein Jude aus Österreich, der in den 30er-Jahren nach Eretz Israel kam. Aber weil er dort nicht heimisch wurde, ging er zurück nach Europa, nach Paris, wurde nach dem Einmarsch der Deutschen deportiert und am Ende ermordet.

Ist »At the Gate of Darkness« mit seinen konkreten historischen Bezügen typisch für Ihr Werk?
Nein, meine Musik ist sehr abstrakt, jedenfalls oberflächlich betrachtet. Sie besitzt keine erkennbar israelischen oder jüdischen Elemente. Doch ich denke, dass sie im Wesen dennoch jüdisch ist, was die Ideen und Sehnsüchte angeht, die sie ausdrückt.

Woher kommen die jüdischen Elemente in Ihrer Musik?
Als junger Musiker habe ich bei Marco Kopytman studiert, einem sehr einflussreichen russischen Komponisten, der nach Israel ausgewandert ist. Er hat Béla Bartók mit traditionellen jemenitischen oder sefardischen Volksliedern kombiniert, was mich sehr beeinflusst hat. Manchmal erkennt man das an kleinen Details meiner Musik, aber diese sind sehr versteckt.

Sie sind Jahrgang 1968. Was unterscheidet Sie und Ihre Altersgenossen von Ihren Vorgängern?
Frühere Generationen von israelischen Komponisten haben versucht, jemenitische Volkslieder oder auch aschkenasische Gebete für ihre Kompositionen zu verwenden. Das hat sich inzwischen geändert. Ich glaube, dass wir jungen Komponisten, die wir in Israel studiert und all das absorbiert haben, nun in die Ferne gehen, nach Kanada, in die USA, nach Berlin oder Paris, und von dort mit etwas völlig Neuem zurückkehren. Ich finde gerade die Entwicklung der israelischen Kammermusik in den vergangenen Jahren sehr aufregend. Es passiert etwas. Ich bin sehr gespannt.

Was unterscheidet israelische von anderen Komponisten? Gibt es überhaupt einen Unterschied?
Das werde ich oft gefragt: Was macht einen israelischen Komponisten aus? Ich glaube, die Antwort ist: in Israel zu arbeiten, in Israel zu leben und all das dramatische und zuweilen auch meschuggene Alltagsleben dort zu absorbieren.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

Intonations
Vom 20. bis 25. April 2013 wird das 1998 von Elena Bashkirova gegründete »Jerusalem International Chamber Music Festival« zum zweiten Mal im Glashof des Jüdischen Museums Berlin zu Gast sein. Im Mittelpunkt stehen neben ausgesuchten Werken von Klassikern wie Schubert, Mendelssohn-Bartholdy oder Beethoven die Werke verfolgter Komponisten, unter ihnen Gideon Klein, Pavel Haas, Hans Krása, Viktor Ullmann und Erwin Schulhoff, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Vertreten sind auch Mieczyslaw Weinberg, der erst vor den Nazis und dann vor Stalins Schergen fliehen musste, Alfred Schnittke, der sich in der Sowjetunion auch nach Stalins Tod künstlerisch nicht frei entfalten konnte, sowie Olivier Messiaen, dessen Quartett auf das Ende der Zeit im deutschen Gefangenenlager Görlitz-Moys uraufgeführt wurde. Zu den Interpreten zählen bekannte Namen wie Daniel Barenboim und Gidon Kremer, jedoch auch viele Künstler, die hier bislang nur einem kleinen Expertenkreis bekannt sind, aber zur Weltelite gehören.

www.jmberlin.de/intonations

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