Mirjam Pressler

Keine heile Welt

Mirjam Pressler beim Erhalt des Preises der Leipziger Buchmesse (2015, mit Amos Oz) Foto: dpa

Sie schrieb vor allem über Außenseiter: die einsame Ilse, Herbert, der in Panik tötet, oder Eva, die in Bitterschokolade den Kummer in sich hineinfrisst. Miriam Pressler nahm ihre jugendlichen Leser ernst, auch ihre eigene Kindheit war kein Bilderbuchidyll gewesen.

Auf ihr erstes Kinderbuch, das 1980 bei Beltz & Gelberg erschien, folgten im Laufe der Jahre mehr als 30 weitere. Pressler wurde zu einer der bekanntesten und beliebtesten deutschen Kinder‐ und Jugendbuchautoren.

ANNE FRANK Als die Stadt Frankfurt Presslers Buch über Anne Frank, Grüße und Küsse an alle, 2015 das Festival »Frankfurt liest ein Buch« widmete, erklärte die Autorin, eigentlich habe sie es gar nicht schreiben wollen. »Ich fand es langweilig, ein Buch nur mit aneinandergereihten Briefen und Zwischentexten zu veröffentlichen.« Aber, erinnert sie sich, »dann habe ich das Foto der dreijährigen Alice gesehen, Anne Franks Großmutter. Und das hat mich begeistert.«

Erst spät im Leben beschäftigte sie sich mit ihrem Judentum.

Erst während ihrer Beschäftigung mit der Familie Frank lernte Pressler, die mit ihrem Lebensgefährten Genio Türke in Landshut lebte, das Frankfurter Judentum kennen. Dabei war sie selbst Jüdin und hatte in Frankfurt an der Akademie für bildende Künste studiert. Als uneheliches Kind einer jüdischen Mutter wurde sie 1940 in Darmstadt geboren, wuchs bei Pflegeeltern und in einem Internat auf. Erst dort erfuhr sie von ihren Wurzeln. Eine idyllische Kindheit sieht anders aus.

Pressler studierte Sprachen in München, ging nach Israel, lebte für ein Jahr in einem Kibbuz. Nach ihrer Rückkehr heiratete sie in München einen Israeli und wurde zwischen 1966 und 1969 Mutter dreier Töchter. Für Ronit, Gila und Tall hat sie ihre ersten Bücher geschrieben, heute lektorieren die drei ihre Manuskripte. Ihr Ehemann und sie trennten sich schon 1970. Danach schlug sie sich mit einem eigenen Jeansladen und als Bürokraft durch.

MUTTER Kein Wunder, dass man auch in ihren Büchern vergebens nach der heilen Welt sucht. Als alleinerziehende Mutter hatte Pressler zu schreiben begonnen, als das Geld knapp war. Ihr Roman Bitterschokolade (1980) verkaufte sich mehr als 400.000 Mal und brachte der Autorin den Oldenburger Kinder‐ und Jugendbuchpreis ein. Es war der erste Roman von vielen, mit denen sie Kindern und Jugendlichen helfen wollte, trotz aller Widrigkeiten zu überleben.

»Ich finde, Sie schreiben genauso wie es wirklich ist«, findet der Jungleser Johannes.

»Was ich mir wünsche, ist ein Ernstnehmen der kindlichen Welt, der äußeren und der inneren, mit allem Schwierigen, was dazugehört«, sagte sie einmal. Die Helden ihrer Bücher sind Außenseiter, wie die vereinsamte Ilse in Novemberkatzen (1982), der gehbehinderte Thomas in Stolperschritte (1981) oder der verängstigte Herbert in Kratzer im Lack (1981), der in Panik tötet. Ein Buch für Hanna (2011) wiederum erzählt von der Emigration einer 14‐jährigen Jüdin 1939 nach Palästina.

MANGEL Immer wieder wurde der Verfasserin ein Mangel an Positivem vorgeworfen. Doch die jungen Leser sind begeistert, wie aus ihren Briefen an die Autorin hervorgeht. »Ich finde, Sie schreiben genauso wie es wirklich ist«, findet der Jungleser Johannes. Und eine Mira schreibt: »Jedes Mal kommt es einem so vor, als hätten Sie die Geschichte, die sie schreiben, selbst erlebt.«

Mit ihrem Judentum setzte sich Pressler in einigen Büchern auseinander. In Shylocks Tochter (1999) und Nathans Kinder (2009) erzählte sie zwei Dramen von Shakespeare und Lessing neu. In Malka Mai (2001) beschrieb sie die Flucht einer jüdischen Mutter mit ihren beiden Töchtern über die Karpaten.

Sie übersetzte aus dem Hebräischen, Englischen, Niederländischen und sogar aus dem Afrikaans.

Auch mit Anne Frank hatte sie sich schon früher beschäftigt: Pressler übersetzte die kritische Ausgabe der Tagebücher neu. Und unter dem Titel Ich sehne mich so publizierte sie 1992 ihr erstes Sachbuch – über das Leben Anne Franks.

Zudem übersetzte sie rund 300 Bücher: aus dem Hebräischen, Englischen, Niederländischen und sogar – angeregt durch eine Namibia‐Reise – aus dem Afrikaans. In Frühjahr 2015 wurde Pressler für ihre Übersetzung des Romans Juda von Amos Oz mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

PREISE Den Deutschen Buchpreis für ihr Lebenswerk hatte sie schon 2004 erhalten, den Deutschen Jugendliteraturpreis für ihr Gesamtwerk 2010, die Buber‐Rosenzweig‐Medaille für die Verständigung zwischen Christen und Juden 2013.

So viel steht fest: Miriam Presslers Stimme wird fehlen.

Am Mittwoch nun starb die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Übersetzerin im bayerischen Landshut. Sie wurde 78 Jahre alt.

Pressler, in deren Werk die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und Kultur zentral sei, »hat einen guten Blick auf die kleinen und großen Geschichten hinter den Weltläufen« bewiesen, würdigte die Verlagsgruppe Beltz. Man trauere um eine große Erzählerin, die nicht zuletzt durch ihre Übersetzungen zur internationalen Verständigung beigetragen habe.

So viel steht fest: Miriam Presslers Stimme wird fehlen. Baruch Dayan HaEmet. epd/ja

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