Zionismus

Kein Staat wie alle anderen?

Foto: C.H.Beck

Zionismus

Kein Staat wie alle anderen?

Michael Brenner erzählt die Geschichte Israels von 1948 bis heute

von Ralf Balke  02.01.2017 18:43 Uhr

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.» Zum Glück konnten die Gründungsväter des Zionismus – Frauen gab es in ihren Reihen kaum – dieses Bonmot aus dem Munde des Altkanzlers Helmut Schmidt nicht kennen. Denn der Plan von Juden, einen Staat für Juden zu gründen, klang sowieso schon reichlich verrückt und versprach angesichts der Realitäten des ausgehenden 19. Jahrhunderts wenig Aussichten auf Erfolg.

Auch war das Projekt nur ein Ansatz unter mehreren, dem Antisemitismus Paroli zu bieten und Antworten auf das zu liefern, was damals allgemein als die «Judenfrage» bezeichnet wurde. Denn wie der Historiker Michael Brenner zeigt, gab es konkurrierende Konzepte wie den Sozialismus der Bundisten, den Diasporanationalismus mit seiner Forderung nach einer Autonomie für die in Osteuropa lebenden Juden und – last but not least – die Idee der vollständigen Assimilation, was in Konsequenz gedacht ein Ende des Judentums in Europa bedeutet hätte. Aber allen war ein Ziel gemeinsam: die Normalität jüdischen Lebens.

Vordenker In seinem Buch nun richtet Brenner den Blick aber vor allem auf den Zionismus als Idee und skizziert ihre unterschiedlichen Ausprägungen zuerst in der Theorie und nach 1948 in der Praxis. Seine These: «Obwohl Israels Vordenker und später Israels Politiker immer wieder den Weg in die Normalität einzuschlagen versuchten und dem ›besonderen‹ Schicksal der jüdischen Geschichte entfliehen wollten, konnten sie sich nicht von dem Bann lösen, der die Geschichte der Juden über Jahrtausende begleitet hat.»

Schließlich konnte die Einzigartigkeit der jüdischen Existenz als oftmals diskriminierte supranationale Minderheit über Jahrhunderte hinweg nicht folgenlos bleiben – sowohl was die Selbst- als auch was die Außenwahrnehmung eines jüdischen Gemeinwesens betraf. So sollte dieses laut Theodor Herzl nicht ganz unbescheiden ein «Experiment zum Wohle der ganzen Menschheit» sein. Soziale Absicherung, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, aber vor allem der Umgang mit seinen nichtjüdischen Bewohnern mussten seiner Vision zufolge Vorbildcharakter haben.

Staatsgründer David Ben Gurion knüpfte daran an. «Ihm war dabei bewusst, dass es eine konstante Spannung zwischen dem Anspruch gab, einen Staat ›wie alle anderen Staaten‹ zu etablieren, und der Verpflichtung, ein Musterstaat zu sein», schreibt Brenner. Der Historiker beleuchtet die daraus hervorgegangenen Diskussionen um Autonomiepläne, die Einstaaten- und Zweistaatenlösung. Dabei fördert er manch Erstaunliches zutage. So plädierte beispielsweise Zeev Jabotinsky – immerhin eine der zentralen Figuren des Revisionismus, aus dem viele Jahre später der Likud hervorgehen sollte – in seinen Schriften für gleiche individuelle und kollektive Rechte für Juden und Araber.

Missverständnisse Gleichfalls verweist Brenner in seinem klar geschriebenen Buch auf einen weiteren, in der Gegenwart immer wichtiger werdenden Aspekt, der oft eine Geschichte voller Missverständnisse und falschen Erwartungen war: Wie soll es um das Verhältnis zwischen einem jüdischen Staat und der Diaspora bestellt sein? Und welche Folgen hat es für Israel, wenn nunmehr auch eine wachsende israelische Diaspora existiert? Ist das noch normal?

Aufgrund seiner faktengesättigten Analysen und pointiert verfassten Thesen auf dem bis dato wenig beleuchteten historischen Terrain der ideengeschichtlichen Forschung hat Brenners Buch gute Karten, ein Standardwerk zu werden.

Michael Brenner: «Israel – Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates». C.H. Beck, München 2016, 288 S., 24,95 €

Kommentar

Hätte er doch einfach geschwiegen

Michael Schulte ist der erfolgreichste deutsche Teilnehmer des ESC der letzten Jahre. Und Schulte ist ein geschichtsbewusster Künstler. Umso befremdlicher sind seine Einlassungen zu Israel

von Daniel Killy  18.04.2026

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  18.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Wir Juden sollten uns nicht verstecken. Wir sollten offen, laut und stolz sein - auch und insbesondere auf den jüdischen Staat

von Daniel Neumann  17.04.2026

Medien

Ex-»Welt«-Chefredakteur Burgard bei Springer künftig für Nahost zuständig

Burgard folgt auf Constantin Schreiber, der sich ab dem 1. Mai als Global Reporter weiter auf seine Podcast-Formate konzentriert

 17.04.2026

Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

Ein Gespräch über ihren Film »Paris Murder Mystery« und Drehs mit Jodie Foster und Natalie Portman

von Patrick Heidmann  17.04.2026

Streaming

Schichtende bei »The Pitt«

Die letzte Episode der zweiten Staffel der erfolgreichen Krankenhaus-Serie ist nun bei HBO zu sehen – Fans warten auf die dritte Staffel

von Katrin Richter  17.04.2026

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026