Philosophie

»Kein Exklusivanspruch auf Wahrheit«

Evangelischer Theologe und Judaist: Christian Wiese Foto: Christoph Boeckheler

Philosophie

»Kein Exklusivanspruch auf Wahrheit«

Christian Wiese über die Aktualität des Denkens von Franz Rosenzweig

von Astrid Ludwig  03.11.2014 18:36 Uhr

Franz Rosenzweig (1886–1929) war eine zentrale Figur in der Geschichte der jüdischen Philosophie der Moderne. Mit seinem Werk Stern der Erlösung (1921) und dem Denken seiner Frankfurter Zeit befassten sich 85 Forscher aus 14 Ländern beim Kongress »Nach dem ›Stern der Erlösung‹. Franz Rosenzweig in Frankfurt: Bildung – Sprachdenken – Übersetzung« Ende Oktober an der Frankfurter Goethe-Universität. Christian Wiese, Veranstalter der Tagung und Inhaber der Frankfurter Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, analysiert, welche Aktualität Rosenzweig bis heute hat.

Herr Wiese, nach Paris und Toronto hat die Internationale Rosenzweig-Gesellschaft erstmals wieder Deutschland als Veranstaltungsort ihres Kongresses gewählt. Welche Bedeutung hat das für Frankfurt?
Es hat mit dem 100-jährigen Jubiläum der Goethe-Universität zu tun, die von jüdischen Stiftern mitbegründet wurde, und mit der Rolle, die Franz Rosenzweig für die hiesige Judaistik spielt. Ihm hat man noch vor Martin Buber Anfang der 20er-Jahre einen Lehrauftrag für jüdische Religionswissenschaft und Ethik an der neuen Universität angeboten. Er konnte dann aber wegen seiner Krankheit – er litt an einer Bewegungs- und Sprechlähmung – seine Lehrtätigkeit nicht aufnehmen und bat Martin Buber, diese zu übernehmen.

Rosenzweig war sehr stark mit Frankfurt verbunden.
Ja, der Kongress kehrte an den Ort seines damaligen Schaffens zurück. Rosenzweig war von Kassel nach Frankfurt gezogen und baute hier ab 1920 das Freie Jüdische Lehrhaus auf, das schnell zu einem Anziehungspunkt wurde. Er wollte jüdische Bildungsarbeit leisten, zeigen, wie jüdisches Leben in der Moderne gelebt werden kann. Er brachte wichtige Gelehrte, wie etwa Leo Strauss, Gershom Scholem oder Ernst Simon, in die Stadt. Sie unterrichteten und diskutierten am Lehrhaus, und Frankfurt wurde zu einem Ort jüdischer Kultur, der durchaus mit Berlin vergleichbar war. Hier veröffentlichte er den »Stern der Erlösung«, den man wohl als das für das Judentum prägendste Werk vor dem Nationalsozialismus ansehen kann. Darin thematisiert er unter anderem das Verhältnis von Judentum und Christentum und bietet ein Modell an, wie beide Religionen einander als zwei gleichberechtigte Heilswege achten können. Das war eine Herausforderung für seine Zeit.

Wie aktuell sind seine Denkansätze heute noch angesichts religiöser und interkultureller Krisen in Europa, Israel und Nahost?
Rosenzweig war eher ein Nichtzionist, obwohl er gegen Ende seines Lebens durchaus Verständnis äußerte. Für ihn hat jüdische Existenz vor allem in der Diaspora stattgefunden. Aktuelle Perspektiven sind daher nicht schnell abzuleiten, doch lassen sich trotzdem aus seinem Denken heraus ganz viele Aspekte finden, die für heutige Krisen und Diskussionen bedeutsam sind. Etwa: Wie kann man Bildung in einer multikulturellen Gesellschaft verstehen, wie lässt sich Religiosität leben, wie kann man miteinander und voneinander lernen? Rosenzweig hat schon im Frankfurter Lehrhaus den Dialog der Teilnehmenden miteinander gepflegt. Rosenzweig war stets die wechselseitige Achtung vor der Religion der anderen wichtig, die Erkenntnis, keinen Exklusivanspruch auf den richtigen Weg zu haben.

Rosenzweig hat eine Zeit lang den Übertritt zum Protestantismus erwogen. Er war auch Soldat im Ersten Weltkrieg. Wie hat das sein Denken geprägt?
Der Erste Weltkrieg war für ihn das Urereignis, die Katastrophe, die ihn sehr erschüttert hat. Er war während dieser Zeit viel in Gesprächen mit Freunden und Verwandten, die bereits zum Protestantismus konvertiert waren. Doch dann erkannte er nach einem letzten Besuch in der Synagoge zu Jom Kippur, dass er das Christentum für das, was er suchte, für die Nähe zu Gott, die Präsenz des Göttlichen, nicht brauchte. Er beschloss den Weg zurück ins Judentum.

Der führte ihn, gemeinsam mit Martin Buber, zu der Arbeit an der »Verdeutschung der Schrift«. War das mehr als eine bloße Übersetzung?
Ja, es ging um die Frage der religiösen Sprache und auch um das Verhältnis der Religionen zueinander. Es ging darum, die Lutherübersetzung zu revidieren, die Verchristlichung der Schrift. Rosenzweig und Buber wollten die hebräische Satzstruktur wiederherstellen, den Rhythmus der Sprache, die Atempausen, die Begrifflichkeiten. Sie schufen neue, teils expressionistische Worte, um die Lebendigkeit der Schrift zu erneuern, die durch allzu Vertrautes verloren gegangen war. Die Vereinnahmung durch das Christentum hatte ihrer Ansicht nach auch zu anderen Interpretationen geführt. Viele Texte nahm Luther für seine Deutung Jesu in Anspruch, während die jüdische Auslegung sie vollkommen anders deutete. Rosenzweig war jedoch die Anerkennung sowohl der jüdischen als auch der christlichen Auslegung wichtig. Es ging ihm nicht um die exklusive Beanspruchung der Wahrheit.

Martin Buber hat die Verdeutschung erst nach der Schoa in den 60er-Jahren fertiggestellt. War das da noch sinnvoll?
Diese Frage haben viele gestellt. Die Verdeutschung der Schrift sollte ein Geschenk der jüdischen Kultur an die Deutschen sein, doch welchen Sinn hatte sie nach dem Völkermord? Buber verwies auf die Bedeutung der hebräischen Bibel für das Christentum. Völkische Tendenzen, sich der jüdischen Elemente der Bibel zu entledigen, hatte es schon zu Rosenzweigs Zeiten gegeben, und er hatte gewarnt, dass Christen ohne die jüdische Substanz der Bibel ihre eigene Religion gefährdeten.

Hat der Kongress der Rosenzweig-Forschung neuen Auftrieb verliehen?
Wir wollen Franz Rosenzweig und sein Werk wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Alle Beiträge des Kongresses werden wir daher online stellen. Bedarf gibt es sicherlich auch an einer ausführlichen Biografie. Ich persönlich habe mir vorgenommen, meine Studenten mit Rosenzweig zu konfrontieren. Er ist philosophisch sehr anspruchsvoll und ein sehr komplizierter Denker. Ihn zu lesen, ist eine Herausforderung. Da gibt es noch viel zu entdecken.

Das Gespräch führte Astrid Ludwig.

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