»Foxtrot«

Kamel, Checkpoint und Zweite Generation

Warum werden die IDF‐Soldaten als dumm, herzlos und im Prinzip als Idioten gezeigt? Reflektiert das die Realität?« Mit dieser Frage an Samuel Maoz, Regisseur von Foxtrot, am vergangenen Donnerstag beim Jewish Film Festival Berlin & Brandenburg, reagiert eine Zuschauerin auf den preisgekrönten und umstrittenen Spielfilm des Israelis, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt. »Ihr Film ist ein außergewöhnliches Stück Kunst. Vielen Dank!«, lautet die nächste Wortmeldung beim Publikumsgespräch.

Genauso unterschiedlich wie in Israel scheinen die Reaktionen auf den Film in Deutschland auszufallen – je nachdem, ob man die Handlung von Foxtrot als real oder als surreal auffasst. Israels Kulturministerin Miri Regev (Likud) hatte sich für Ersteres entschieden und den Regisseur scharf dafür kritisiert, die israelische Armee und ihre Soldaten zu schmähen, bevor sie den Film selbst gesehen hatte.

Wahrheit Samuel Maoz, der sein eigenes Kriegstrauma in Lebanon (2009) verarbeitete, hält dagegen, Foxtrot sei »kein Dokumentarfilm, der eine objektive Wahrheit reflektieren muss. Aber die Tatsache, dass ich die Armee kritisiert habe, die unsere Befreiung von den Traumata der Vergangenheit symbolisiert, unseren erlösenden Engel, macht mich für einen großen Teil der Bevölkerung zu einem Verräter«.

Foxtrot, bei den Filmfestspielen von Venedig 2017 mit dem Silbernen Löwen und zudem mit zahlreichen israelischen Ophir‐Preisen, den »israelischen Oscars«, (darunter auch für Hauptdarsteller Lior Ashkenazi) ausgezeichnet, beginnt als Tragödie. An der Tür der Familie Feldman in Tel Aviv klingelt ein Team von Soldaten mit einer schrecklichen Mitteilung: Der Sohn Jonathan ist gefallen. »Ich glaube, sie sind nicht sensibel genug«, antwortet Regisseur Maoz auf die kritische Frage der Zuschauerin, warum die Soldaten so gefühllos dargestellt würden.

»Sie versuchen, sich an die Regeln und die Routine zu halten.« Für die Feldmans ist es der Auftakt zu einem Drama in drei Akten, von einem grotesken Tiefpunkt zum nächsten. Der schreckliche Schmerz der Eltern, die irrationale Reaktion der psychisch kranken Großmutter, einer Schoa‐Überlebenden, das nur scheinbar bewältigte Trauma der Nachgeborenen erzählt als Comic mit pornografischen Zügen – Samuel Maoz erspart seinen Zuschauern nichts.

Tragödie »Ich darf das, ich gehöre zur Zweiten Generation von Holocaust‐Überlebenden«, sagt er in Berlin. Mit absurdem Humor, der an Life According to Agfa von Assi Dayan (1992) erinnert, und mit komischen Elementen macht er die Tragödie erträglicher: »Es ist leicht, sie (die Zuschauer) zum Lachen zu bringen, denn sie brauchen es.«

Auf der Suche nach dem Grund für Jonathans Tod nimmt der Regisseur das Publikum mit an einen irrealen Checkpoint, an dem die Soldaten vor Langeweile fast den Verstand verlieren und den (außer einem ominösen Kamel und vereinzelten Autos) niemand passiert. Doch dann kommt es zu einem Gewaltexzess: Aus Panik vor einem Terrorangriff schießen die Soldaten blindlings auf ein Auto und töten die arabischen Insassen.

Es ist diese Szene, die dem Film in Israel so viel Kritik eingebracht hat. Kulturministerin Regev warf Maoz unter anderem vor, die Israel‐Boykott‐Bewegung BDS zu stärken. Maoz kontert, er sei ebenfalls BDS‐Opfer: »Ken Loach sagte sogar einmal, dass er seinen Workshop absagen würde, wenn ich bei einem bestimmten Festival bin.«

Dass ein Film vom Israel Film Fund gefördert wird, reiche BDS schon. »Sie wissen nicht, dass der Israel Film Fund der größte Feind der israelischen Regierung ist. Aber auch dagegen können sie nichts machen, denn unsere Demokratie ist immer noch stark.«

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