Übertritt

Juden wie andere auch

Der Ger Zedek, wie der Konvertit in der Halacha heißt, wird dort als gleichwertiges und gleichberechtigtes Mitglied der jüdischen Gemeinschaft anerkannt. Foto: dpa

Zugegeben – auf den ersten Blick klingt es verrückt, ausgerechnet in Deutschland Jude werden zu wollen. Stundenlange G’ttesdienste, komplizierte Speisegesetze, die jede Bestellung im Restaurant zum Spießrutenlauf werden lassen (»Koscher? Wir haben vegan, laktose- und glutenfrei, bio ...«), und ein immerwährender Exotenstatus, der mal philo-, mal antisemitische Attacken provoziert, aber niemals so etwas wie Normalität zulässt. Ist das verrückt? Irgendwie verdächtig?

In der Theorie vielleicht. Aber der Wunsch, Jude zu werden, ist selten nur eine spinnerte Laune. Jude wird man nicht, weil man Woody-Allen-Filme oder Gefilte Fisch mag, und auch nicht aus einer falsch verstandenen Solidarität mit Holocaust-Opfern oder gar dem Wunsch, sich von einer – nicht existierenden – Schuld reinzuwaschen.

Die Entscheidung für den Glaubenswechsel ist fast immer der zutiefst persönliche Endpunkt einer oft schmerzhaften Auseinandersetzung mit der eigenen Identität; die einzig möglich scheinende Lösung eines wie auch immer gearteten »biografischen Problems«, das im besten Fall darin besteht, dass man in eine jüdische Familie einheiratet und dieselben Feiertage zelebrieren und die Kinder gemeinsam jüdisch erziehen will.

Abkehr Aber auch in diesem auf den ersten Blick einfach gelagerten Fall wird die Entscheidung für oder gegen einen Übertritt nicht leichtfertig fallen. Ein Glaubenswechsel ist mehr als ein Beitritt zu einer Umweltschutzorganisation. Er beinhaltet ganz offensichtlich die Abkehr vom bisherigen Glauben, die mal leichter, mal schwerer fallen wird, aber auch die Abkehr von einem ganzen Wertesystem, von der eigenen Herkunft und Erziehung – und manchmal sogar von der Familie und dem nichtjüdischen Umfeld, das auf die Konversion mit Unverständnis oder gar Ablehnung reagieren mag.

(Auch) wegen dieser Schwere und Unumkehrbarkeit der Konsequenzen machen es Rabbiner, ob orthodox oder Reform, den Übertrittswilligen so schwer, überhaupt als Konversionskandidat angenommen zu werden.

Jeder Übertritt, mag sich das anschließende Prozedere auch mal leichter, mal schwieriger gestalten, ist zunächst einmal eine sowohl intellektuelle als auch emotionale Herausforderung. Wer sich ihr stellt, verdient Respekt. Und deshalb ist ein regelgerechter Übertritt – im Gegensatz zu einer erfundenen »jüdischen« Identität, die überhaupt nicht im selben Atemzug genannt werden sollte – auch weder eine Anmaßung noch verrückt, sondern: mutig.

Identifikation Und das nicht nur wegen des waghalsigen Versprechens, die 613 Ge- und Verbote der Tora zu befolgen. Religiöse Gesetzestreue ist zwar ein sehr wichtiger, aber nur der zweite Schritt auf dem Weg zu einem Leben als Jude. Am Anfang steht die Identifikation mit dem jüdischen Volk, mit seiner Geschichte und seiner Lebensweise, die am besten gelingt, wenn der Konvertit – idealerweise schon vor dem Übertritt – in einem jüdischen Umfeld lebt.

Diese Identifikation schließt zweifellos die zahlreichen Episoden von Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung ein, aber auch die oft vergessenen, weil seltenen Jahre und Jahrzehnte im Lauf der vergangenen fast 6000 Jahre, in denen das Judentum und das jüdische Leben blühten, Juden ein freies, erfülltes und erfolgreiches Leben führten und die Gesellschaft in allen Facetten – kulturell, wirtschaftlich oder politisch – bereicherten.

Glaubenszweifler Das Judentum steht für ein Wertesystem, das für viele, sogar für Glaubenszweifler, attraktiv ist: eine einzigartige Mischung aus Rationalität und Emotionalität, Logik und Mystik, Intellektualität und Spiritualität. Aus diesem Grund ist das jüdische Volk in erster Linie keine Opfer-, sondern eine tief in Glauben und Geschichte verwurzelte Wertegemeinschaft. Wer ihr angehören will, braucht mehr als einen pervertierten Schuldkomplex.

Unzweifelhaft wurden viele Juden durch den Holocaust, wenn sie überhaupt überlebten, jedes positiven Aspekts ihres jüdischen Lebens beraubt – vor allem der Familie, der Basis jüdischen Lebens schlechthin, aber oft auch des Glaubens an den allmächtigen G’tt, der das Unheil nicht verhindert hatte. Was blieb, waren die Erinnerungen an das ungeheure Leid und der nicht enden wollende Opferschmerz, der für sie von nun an die vorherrschende, wenn nicht sogar einzige Grundlage ihrer jüdischen Identität bildete. Es wäre aber absurd und absolut unangemessen, zu behaupten, Konvertiten bauten ihre Identität als Juden ebenfalls auf einem solchen »negativen« Fundament, gar auf einer »Opferromantik« auf.

Streitkultur Was bedeutet es wirklich, Jude zu sein? Eine inhaltliche Definition findet sich nirgends, und das aus gutem Grund. Das Judentum toleriert Vielfalt und Individualität nicht nur, es fördert sie – die sprichwörtliche Streitkultur und die verschiedenen Denominationen sind der lebende Beweis. Konvertiten tragen mit ihrer Geschichte, ihren Ambitionen, ihren Taten zu dieser Vielfalt bei. »Geborene« Juden, die ihren übergetretenen Glaubensgenossen gelegentlich mit Misstrauen begegnen, fürchten oft um ihre (falsch verstandene) Auserwähltheit, die allerdings weder mit irgendeiner Form von Elite noch mit Exklusivität gleichzusetzen ist.

Sie ist vielmehr, wie es der australische Rabbiner Aron Moss treffend formuliert hat, ein »Status der Seele«, der nicht genetisch bedingt ist, sondern durch »Demut angesichts der gefühlten Nähe G’ttes« erreicht wird. Deshalb ist das Judentum auch für den Giur, den Übertritt, wenn er denn ernsthaft und aus aufrichtigen Motiven vollzogen wird, grundsätzlich offen.

Dass manch geborener Jude daran zweifelt, ob Judentum und Jüdischsein tatsächlich das Gleiche ist, oder ob Letzteres einen »jüdischen Werdegang« und/oder das ständige Ringen mit der Religion erfordert – also Dinge, die dem Konvertiten meist fehlen –, ist eine persönliche Geschmacksfrage und kann weder Grundlage für eine restriktive Konversionspraxis noch für eine Stigmatisierung übergetretener Juden sein.

Fakt ist: Der Ger Zedek, wie der Konvertit in der Halacha heißt, wird dort als gleichwertiges und gleichberechtigtes Mitglied der jüdischen Gemeinschaft anerkannt. Ein bisschen Demut, statt Arroganz, täte allen, nicht nur »Auserwählten«, deshalb gut.

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