Hommage

Jom Kippur auf Brasilianisch

Paula Zimerman Targownik erinnert sich an ihre Mutter Jamile

von Christine Schmitt  07.10.2013 19:41 Uhr

Wie in einem Puzzle entsteht in Targowniks Buch ein Bild des jüdischen São Paulo. Foto: Thinkstock / (M) Frank Albinus

Paula Zimerman Targownik erinnert sich an ihre Mutter Jamile

von Christine Schmitt  07.10.2013 19:41 Uhr

Dieser biografische Roman hat alles, was ein gutes Buch braucht. Erzählt wird eine ungewöhnliche Familiengeschichte, die voller Überraschungen steckt. Der Roman ist zwar heiter geschrieben, kann den Leser aber auch zum Weinen bringen. Außerdem geht es höchst ungerecht zu, es gibt viele Enttäuschungen, und am Ende wird ein Geheimnis gelüftet, das die Familie die ganze Zeit belastet hatte. Hinzu kommen lebendige Bilder, in denen die Atmosphäre in der Familie und in der jüdischen Gemeinde in São Paulo bis in die 60er‐Jahre hinein eingefangen wird.

Jamile, die Tochter einer libanesisch‐jüdischen Einwandererfamilie, lebt in der immer größer werdenden Metropole Brasiliens. Sechsmal wird Jom Kippur, der Versöhnungstag und höchste Feiertag im jüdischen Kalender, in ihrer Erinnerung wieder lebendig. Puzzleartig bekommt der Leser Ausschnitte aus Jamiles Leben präsentiert, die sich jeweils um die Hohen Feiertage ereignen. Die verschiedenen Bedeutungen, die Jom Kippur für Jamile hat, verknüpfen sich jeweils mit einem Abschnitt ihres Lebens.

Schrecken Am ersten Jom Kippur, den sie beschreibt, ist Jamile sieben Jahre alt. Strahlend steigt die Sonne 1945 an dem Frühlingsmorgen im September über São Paulo empor. Die Mutter entzieht dem protestierenden Vater die Zeitung, in der über die Schrecken der Schoa in Europa berichtet wird, um Eis und Fisch darin einzuwickeln – von den furchtbaren Ereignissen unberührt. Das Mädchen ist sehr aufgeregt und freut sich darauf, seine Mutter zum Markt begleiten zu dürfen, um einige Hühner zu kaufen.

Doch die Freude währt nicht lange, denn das Federvieh läuft bis zum Feiertag auf dem Hof herum, und Jamile muss es versorgen. Dabei kippt ihr der Waschtrog mit den eingeweichten weißen Hemden ihres Vaters um, die sich mit dem Hühnerdreck vermischen. Den weißen Hemden galt aber die ganze Sorgfalt ihrer Mutter, und sie waren wie die »Thora in der Synagoge: Jegliche Fürsorge, die man ihnen angedeihen ließ, war zu wenig«. So endet der Tag anders, als die Siebenjährige gehofft hatte.

Sie ist so ängstlich, verschreckt und ohne den leisesten Hauch eines Selbstbewusstseins, dass sie in der Schule lieber in die Hose macht, als nach dem Weg zur Toilette zu fragen, und somit zum Gespött der anderen Schüler wird. Auch zu Hause findet sie kaum Geborgenheit – höchstens bei ihrer größeren Schwester und ihrem jüngsten Bruder.

Schikane In ihrer Familie geht es ungemütlich kalt zu. Da ist ihre Mutter, die meistens unglücklich, verzweifelt und einsam ist und von ihrem Mann schikaniert wird. Hinzu kommt noch die viele Arbeit, für die ihr nicht gedankt wird. Gefühle zwischen ihr und ihrem Ehemann gibt es nicht. Jamiles Vater handelt mit Stoffen und ist zu seinen Kunden immer sehr nett und zuvorkommend. Aber in seinen eigenen vier Wänden wandelt er sich zu einem herrschsüchtigen, geizigen Menschen, der über alles bestimmt und keine Widerworte gelten lässt.

Am letzten und sechsten Versöhnungsfest ist Jamile indes zu einer selbstbewussten Frau herangewachsen, die sowohl einen Job als auch eine Wohnung hat und über ein eigenes Einkommen verfügt. Ihre Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, hat sie alleine großgezogen. Sie ist eine der ersten Frauen in der jüdischen Gemeinde, die sich hat scheiden lassen – und mit der daraufhin viele nichts mehr zu tun haben wollten. Neben der jüdischen spielt auch die orientalische Tradition aus dem Libanon eine wichtige Rolle – und erschwert den Frauen das Leben. Später kommt in Gestalt einer Hausangestellten auch die brasilianische Lebensgewohnheit dazu.

Mit Witz und Fantasie wehrt Jamile sich gegen das strikte Regiment ihres Vaters. Sie will sich nie mehr etwas von einem Mann sagen lassen müssen. Und ihr neuer Bekannter darf ihr erst dann näherkommen, als sie weiß, dass sie ihn nicht bedienen muss. Mit 45 fangen so für sie die besten Jahre an. Auch ihre Einstellung zur Religion ändert sich: Als sie ihre mittlerweile ausgewanderten Töchter in einem Kibbuz in Israel besucht, verspeist sie gegrilltes Fleisch an Jom Kippur und muss mit über 50 Jahren zum ersten Mal auf den Ruf des Schofars verzichten – da es in diesem Kibbuz keinen gibt. Obwohl sie lange Zeit innerhalb der Zwänge und Regeln des Judentums gelebt hat, konnte sie diese nicht immer nachvollziehen und stellte viele Regeln infrage. Schließlich bringt sie den Mut auf, ihre Mutter gegen den Widerstand ihrer Brüder bei sich aufzunehmen, als diese Jamiles Vater verlässt. Kurz vor dem letzten Versöhnungstag darf die Tochter ihren Vater zum ersten Mal in ihrem Leben umarmen: Da liegt er schon im Sterben, und das Familiengeheimnis wird gelüftet. Und sie hat ihm vergeben.

Filmisch Liebevoll beschreibt Paula Zimerman Targownik die schrecklichen und schönen Momente des Lebens ihrer Mutter. Die Bilder, die die Autorin entstehen lässt, sind bis ins kleinste Detail ausgearbeitet – und so wird die Lebensgeschichte von Jamile so anschaulich, als wäre der Leser selbst dabei gewesen. Man merkt Zimerman Targownik an, dass sie vom Film kommt und ein gutes Auges für Szenen besitzt.

Die Autorin wurde 1965 in Brasilien geboren, ging aber zum Studium nach Israel an die Filmhochschule in Tel Aviv und später nach Deutschland, wo sie seit etwa 15 Jahren in München lebt. Mehrfach wurde sie als Drehbuchautorin und Regisseurin ausgezeichnet. Als ihre drei Töchter klein waren, verbrachte sie immer viel Zeit mit ihnen beim Essen.

Weil sie kaum Kinderbücher in portugiesischer Sprache besaß, fing sie an, ihnen ihre Familiengeschichte zu erzählen. Oft rief sie später am Tag ihre Mutter in Brasilien an und fragte noch einmal nach den Details. Ihr Ehemann, Daniel Targownik, hörte mitunter auch zu. Und drängte sie irgendwann, diese Geschichten aufzuschreiben: So entstand die Hommage an ihre vor wenigen Wochen verstorbene Mutter Jamile Abuhab. Das Buch kam gerade rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse heraus, die in diesem Jahr den Länderschwerpunkt »Brasilien« hat.

Paula Zimerman Targownik: »6 x Jom Kippur«. Deutsch von Carolina Glardon und Anne Behr. Compania, München 2013, 311 Seiten, 12,99 €

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