Gesellschaft

»Jetzt fühle ich mich jünger als mit 15«

Die iranisch-amerikanische Autorin Roya Hakakian über ihr neues Buch, ihre Kindheit im Iran und Immigration als jüdische Zwangslage

von Till Schmidt  13.06.2021 10:23 Uhr

Setzt sich für demokratische Werte ein: Roya Hakakian Foto: Masih Alinejad

Die iranisch-amerikanische Autorin Roya Hakakian über ihr neues Buch, ihre Kindheit im Iran und Immigration als jüdische Zwangslage

von Till Schmidt  13.06.2021 10:23 Uhr

Frau Hakakian, mit »A Beginner’s Guide to America« haben Sie kürzlich ihr drittes Buch veröffentlicht – nach Ihren Memoiren zum Aufwachsen als jüdischer Teenager im revolutionären Iran und einem Buch zu den Morden an iranisch-kurdischen Exilpolitikern durch den iranischen Geheimdienst 1992 in Berlin. Gab es einen bestimmten Anlass für Ihre neue Veröffentlichung?
In Donald Trumps Wahlkampf und während seiner Präsidentschaft hat das Thema Immigration ja bekanntlich eine sehr große Rolle gespielt. Trump hat deutlich gemacht, dass Amerika in seinen Augen keine Flüchtlinge mehr akzeptieren sollte. Genauso wenig wie Immigranten, die kein Englisch sprechen, die keine besonderen Skills oder auch Geld haben. Das alles hatte ich selbst ja auch nicht, als ich 1984 in die USA kam.

Wie war das damals für Sie?
Nach mehreren Monaten in Wien konnte ich damals mithilfe der Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS) nach Amerika gelangen, wohin bereits Teile meiner Verwandtschaft geflohen waren. Wäre Trump damals Präsident gewesen, hätte ich nicht in die USA kommen können. Das wurde mir schmerzlich bewusst und hat mich aufgewühlt.

Wo genau setzt Ihr Buch an?
Mir geht es darum, den Leserinnen und Lesern zu erklären, wer meine Geschwister sind, wer wir, die Immigranten und Flüchtlinge, sind. Was wir sehen, was andere in Amerika nicht bemerken. Oder was wir durchmachen – etwa in den ersten Monaten nach unserer Ankunft. Ich hoffe, mein Buch trägt zu einem weniger angsterfüllten, kenntnisreicheren Blick auf Flüchtlinge bei, sodass vielleicht Menschen auf politische Anti-Immigranten-Propaganda nicht so leicht hereinfallen. Darüber hinaus blicke ich auf die amerikanische Demokratie aus meiner Perspektive, als jemand, der ein Leben unter undemokratischen Vorzeichen führen musste. Insofern hoffe ich auch, dass das Buch bei den hier geborenen und aufgewachsenen Lesern zu einer anderen Wertschätzung von Freiheit und Demokratie beiträgt. Weil sie nicht selbstverständlich sind.

In Ihrem Buch machen Sie deutlich, wie sich diese beiden Werte auch in vielen kleinen, alltäglichen Dingen zeigen. Können Sie ein Beispiel nennen?
Es ist mein Lieblingsbeispiel: Ende der 90er-Jahre war ich mit einer Freundin, die einige Tage zuvor aus dem Iran gekommen war, am Wochenende unterwegs. Wir planten auszugehen, vorher wollte ich aber noch schnell ein Sweatshirt in einem Geschäft zurückgeben. Doch sie kannte diese Möglichkeit gar nicht, fürchtete, wir würden Probleme bekommen, vielleicht sogar verhaftet werden, wenn wir ein bereits getragenes Kleidungsstück zurückgeben. Diesen Moment hatte sie mir kürzlich, Jahre später, nochmals eindrücklich geschildert. In Amerika aber ist das selbstverständlich – im Iran hingegen nicht, wo es keine Bürgerrechte, keine individuellen Rechte gibt, die einen schützen. Der Kassenbon ist ein sozialer Vertrag, der mir als Konsumentin auch bestimmte Rechte gewährt.

Dieser Kontrast dürfte sich schnell auch in weiteren Bereichen des Privatlebens gezeigt haben.
Allerdings. Im Alter von 19 Jahren, ich hatte gerade am College angefangen, ging ich zum Beispiel mit einem Jungen aus. Wir trafen uns am Strand, und er wollte meine Hand halten. Davon war ich sehr eingeschüchtert, zog sie schnell zurück, obwohl ich wusste, dass uns niemand dafür verhaften würde. Es hat für mich eine gewisse Zeit gedauert, emotional zu verinnerlichen, dass einen niemand dafür belangt, öffentlich Zuneigung zu zeigen. Das halten wir häufig für selbstverständlich. Genauso, dass wir uns kleiden können, wie wir wollen, in Shorts oder im Hijab oder was auch immer. Oder dass der Verkehr für Fußgänger und Autofahrer ordentlich geregelt ist, weil sich alle mehr oder weniger daranhalten, weil sie als Bürger tief daran glauben, dass die meisten Gesetze sinnvoll und fair sind und man sich daran halten sollte.

Verstehen Sie Ihr Buch als ein patriotisches?
Auf jeden Fall. Mir gefällt die Formulierung aus einer Rezension, dass es sich um einen »Liebesbrief eines sehr, sehr stark Liebenden« handelt. Aber natürlich nicht im Sinne eines blinden Patriotismus. Denn selbstverständlich ist mir bewusst, dass es in den USA viele Mängel, Fehler und Probleme gibt, die Waffengesetze etwa oder der massive, historisch gewachsene Rassismus. Aber ich bin der Meinung, dass es genügend gute Fundamente in unserer Gesellschaft gibt.

Welche sind das?
Ich glaube an die »Rule of Law«, an die Prinzipien »Life, Liberty und Pursuit of Happiness«, Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, die in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten verankert sind. Ich glaube daran, dass Angehörige jeder Ethnizität, Herkunft oder Religion die gleichen Rechte haben und vor Gericht gleichbehandelt werden sollten; dass Frauen und Männer gleichberechtigt sein müssen. Im Iran, von wo ich komme, gilt das alles nicht – weil dort eine andere gesellschaftliche Ordnung herrscht. In den USA aber werden diese grundlegenden Prinzipien insgesamt mehr geschützt als herausgefordert. Unsere Aufgabe heute ist es, diese unvollständigen Erfindungen von vor mehreren Jahrhunderten besser zu machen und zu perfektionieren.

Inwieweit beeinflusst Ihre jüdische Identität Ihr Denken?
Wir Juden, als Volk, wurden seit jeher vertrieben, wir haben immer darauf gehofft, an einem Ort bleiben zu können, nur um dann eines Besseren belehrt zu werden und zu realisieren, dass wir gehen müssen. Immigration ist eine jüdische Zwangslage. Wir mussten Ägypten verlassen, Israel verlassen nach der Zerstörung des Tempels, ebenso Spanien – überall, wo wir waren, mussten wir gehen. Insofern ist es in meinen Augen sehr wichtig, dass wir uns in die Lage der Flüchtlinge versetzen und ihnen in unserer Gesellschaft Raum geben.

Sie beschreiben das »seltsame Gefühl, als Immigrant mit dem Flugzeug anzukommen«, die ersten Schritte auf amerikanischem Boden. Wie haben Sie Ihre ersten Schritte als Immigrantin erlebt?
In diesem Moment war ich sehr unglücklich, am Boden zerstört. Denn ich wollte den Iran ja eigentlich gar nicht verlassen und auch meine Staatsbürgerschaft nicht aufgeben. Es hat lange gedauert, mich hier in den USA zu Hause zu fühlen. Inzwischen definiere ich mich auch als Amerikanerin aber vor allem in Bezug auf die Werte, über die wir soeben gesprochen haben. Ich bin sehr, sehr dankbar dafür, dass mir damals von so vielen Menschen geholfen wurde, zum Beispiel bei der Jobsuche oder im Englisch-Sprachkurs. Gewünscht hätte ich mir damals aber auch, dass mich mehr Leute gefragt hätten, wie es mir geht, warum es mir so schlecht ging, was ich vermisse. Aber das deckt sich nicht mit der Annahme, dass ich schlicht an einem durch und durch fantastischen Ort angekommen wäre – und deswegen einfach nur glücklich und munter sein sollte.

Auf Twitter und Instagram haben Sie immer mal wieder alte Fotos von sich aus Ihrer Zeit im Iran gepostet. Wie blicken Sie heute, so viele Jahre später, auf diese Aufnahmen?
Auf den Fotos im Hijab sehe ich viel älter aus als heute. Kein Wunder, bei den vielen Beschränkungen, die mir damals auferlegt wurden und die mein Leben beschwert haben! Es hat bei mir 30 Jahre gedauert, jung zu werden. Inzwischen habe ich realisiert, dass Jugend nichts mit dem numerischen Alter zu tun hat. Als ich 15 war, war nichts möglich. Heute bin ich 50 – und alles ist möglich. Denn ich bin voller Hoffnung und Pläne, und das hatte ich beides nicht, als ich 15 war.

Was sind Ihre weiteren Pläne?
Tennis spielen, mir Gedanken über ein neues Buch machen – und weiterhin gegen undemokratische Werte und Systeme kämpfen.

Mit der amerikanischen Autorin sprach Till Schmidt.

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