Geistesgeschichte

Jenseits aller Gewissheiten

Susan Taubes (1928–1969) Foto: Tanaquil und Ethan Taubes, New York

Geistesgeschichte

Jenseits aller Gewissheiten

Christina Pareigis hat der Schriftstellerin Susan Taubes eine faszinierend empathische Biografie gewidmet

von Marko Martin  18.03.2021 14:44 Uhr

Wie einfach wäre es, Fragmente dieser Biografie als rührende Erfolgsgeschichte zu erzählen! Da kommt ein elf Jahre altes Mädchen namens Judit Zsuzsánna im Frühjahr 1939 mit ihrem Vater via Ellis Island nach Amerika, in die rettende Stadt New York. Bereits zu dieser Zeit ist Sándor Feldman, Sohn des einstigen Großrabbiners von Budapest, ein bekannter Psychoanalytiker, der Gott gegen Sigmund Freud eingetauscht hat und nun auch in den USA Karriere machen wird.

Gewiss, Judits Eltern hatten sich 1938 scheiden lassen, doch wird die Mutter in Ungarn den Holocaust überleben und nach dem Krieg ebenfalls in die USA übersiedeln. Das Mädchen aber wird – viele Fotografien sind erhalten – zu einer wunderschönen jungen Frau, studiert Philosophie an der renommierten Harvard University, promoviert 1956 bei dem nicht minder berühmten Theologen Paul Tillich und lehrt anschließend an der New Yorker Columbia University Religionsgeschichte.

SELBSTMORD Zu dieser Zeit ist sie bereits mit dem Judaisten Jacob Taubes verheiratet, findet Kontakt zum Intellektuellenkreis um Susan Sontag und diskutiert – während eines Studiensemesters an der Sorbonne – mit Emmanuel Lévinas und Albert Camus religionsphilosophische Fragen. Ihr Mann lehrt derweil an der Hebräischen Universität in Jerusalem, die beiden führen einen regen Briefwechsel. Schließlich wird Susan Taubes, seit längerem auch literarisch tätig, 1969 sogar noch zur Romanautorin und veröffentlicht ihr Debüt in einem anerkannten amerikanischen Verlag.

Sie studiert Philosophie in Harvard, promoviert 1956 bei Paul Tillich und lehrt an der Columbia University Religionsgeschichte.

Nur ein paar Wochen später aber begeht sie Selbstmord, und es ist Susan Sontag, die in East Hampton an der Küste Long Islands die Leiche der Freundin identifiziert. Später wird Sontag das Erlebte in Prosastücken fiktionalisieren, in einer Tagebuchnotiz jedoch ganz unverhüllt schreiben: »Ich will nicht scheitern. Ich will zu den Überlebenden gehören. Ich will nicht Susan Taubes sein.«

Nun legt die 1970 geborene Literaturwissenschaftlerin Christina Pareigis mit Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie ein Buch vor, das sich trotz – oder vielleicht gerade wegen – seiner profunden religionsgeschichtlichen Exkurse streckenweise liest wie ein Psychothriller. Bereits seit Jahren beschäftigt sich Pareigis mit Leben und Werk der bis heute vor allem als »Frau von Jacob Taubes« apostrophierten Solitär-Intellektuellen; im Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung haben Sigrid Weigel und sie den umfangreichen Nachlass archiviert und ediert.

Ihre knapp 500-seitige Biografie lässt sich deshalb mindestens fünffach lesen: als Erinnerung an ein transatlantisches Intellektuellenschicksal, als Reflexion über die vermeintliche Unmöglichkeit, in der zerklüfteten Moderne Religion noch symbiotisch einzubinden, als Geschichte eines zuerst traumatisierten Kindes aus zerrüttetem Elternhaus und alsdann einer ebenso leidenden wie aufbegehrenden Frau eines berühmten, jedoch manisch-depressiven und geradezu grauenhaft egomanischen Ehemanns – und schließlich einer Mit- und Nachwelt, die mit solch existentiellen Ambivalenzerfahrungen nichts anfangen konnte.

CAMUS Geradezu brutal die Notiz der zeitlebens robust auf ihren Star-Status bedachten Susan Sontag, die hier einen Vergleich mit der jüdisch-christlichen Konvertitin Simone Weil zieht, mit deren Religionsverständnis sich Susan Taubes jahrzehntelang beschäftigt hatte: »Su­sans Selbstmord war zweitklassig. Weils Selbstmord war eine Erhöhung – so gelang es ihr schließlich, sich der Welt aufzudrängen und ihre Legende zu sichern.«

Susan Taubes dagegen konnte und wollte sich nicht aufdrängen. Nicht gegenüber Emmanuel Lévinas, der das vertrackte Ideengebäude Simone Weils äußerst kritisch sah (und dabei zweifellos auch die besseren Argumente hatte), nicht gegenüber Albert Camus, dessen in Frankreich Furore machenden Essay »Der Mensch in der Revolte« sie positiv rezensierend dem amerikanischen Publikum nahegebracht hatte.

Die Biografie liest sich trotz – oder gerade wegen – ihrer profunden religionsgeschichtlichen Exkurse streckenweise wie ein Psychothriller.

Und dennoch hatte sie etwas erspürt, was die meisten Camus-Bewunderer (einschließlich des Autors dieser Besprechung) irgendwie überlesen zu haben schienen. Der reaktionär-deterministische Karl Marx als jüdischer Erbe des »Alten Testaments« – tatsächlich? Susan Taubes schreibt dem Verehrten einen Brief, insistiert auf der »stetigen Aktualisierung durch die Jahrhunderte hinweg«, die doch gerade die jüdische Religion auszeichne, erhält Camus’ briefliche Antwort und kurz darauf sogar Gelegenheit, ihn zu treffen.

Die gegenseitige Reserviertheit löst sich sofort auf; beide sind geradezu hingerissen voneinander. Denn auch solches war geschehen im Leben der Susan Taubes, die als Kind nicht nur unter der Seelenkälte der Mutter gelitten hatte (auch nach dem Krieg wird es keine wirkliche Versöhnung geben), sondern auch unter dem Allerklärungseifer ihres Vaters und danach ihres Mannes, von dem sie sich schließlich 1961 scheiden lässt.

PROSA Und während Jacob Taubes an der FU Berlin nachwachsende Intellektuelle wie den späteren Merve-Verleger Peter Gente und den Medientheoretiker Nobert Bolz mit einem zwischen Eschatologie und Apokalypse oszillierenden Denken becircte, schrieb seine Ex-Frau den Roman Scheiden, der noch heute weit mehr beeindruckt. »Die meiste Zeit«, heißt es da über den der Freud’schen Orthodoxie anhängenden Vater, »redete Papi allein mit sich. Er stellte ihr eine Frage und beantwortete sie sich allein.« Wie gekonnt sie einen solchen Männertypus und dessen plappernden Narzissmus schrumpfen lässt!

Kurz vor ihrem Selbstmord reiste Susan Taubes noch einmal nach Budapest, voller Sensorien für die Verdrängungen der dortigen nachstalinistischen Gesellschaft und gleichzeitig voller Neugier: Theaterbesuche, Gespräche mit dem jungen György Konrád, Notate voll sensualistischer Präzision. Und gerade weil diese zeitlebens mitteleuropäisch geprägte Frau im Unterschied zur anderen, zur amerikanischen Susan nicht in der Lage war, »ihr Profil zu schärfen«, und deshalb auch ihr (verblüffend mit Ingeborg Bachmanns Schreiben korrespondierendes) Prosafragment »Lament for Julia« nahezu unbekannt geblieben ist: Höchste Zeit, in einem preiswerten, gern auch fußnotenfreien Auswahlband Susan Taubes nun auch als Prosa-Autorin einem breiteren Publikum zugänglich zu machen – da doch bereits die Lektüre von Christina Pareigis’ überaus gelungener Biografie so unvergesslich bleibt.

Christina Pareigis: »Susan Taubes. Eine intellektuelle Biographie«. Wallstein, Göttingen 2020. 471 S., 29 €

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