Selbstversuch

»Jeder Schabbat ist anders«

Frau Chudnovska, für Ihr aktuelles Theaterprojekt zum Thema »Jüdische Identität« wollen Sie ein Jahr lang jüdisch leben. Wie sieht das konkret aus?
Ich halte Schabbat und gehe jeden Samstag in die Synagoge. Außerdem lerne ich Hebräisch. Koscher esse ich ohnehin – ich bin Vegetarierin. Und ich führe ein Tagebuch, in dem ich meine Erlebnisse reflektiere.

Wie ernst nehmen Sie das Projekt?
So richtig orthodox läuft es natürlich nicht ab. Ich bin ja immer noch ich – schließlich kann ich mich nicht ein ganzes Jahr lang auf den Kopf stellen. Wir knipsen Licht an und kochen. Aber Telefone und Computer bleiben am Schabbat ausgeschaltet, und wir verzichten aufs Einkaufen und Aufräumen.

Sie haben im Januar damit angefangen, Pessach ist jetzt vorbei. Wie läuft es bisher?
Im ersten Monat war ich vollkommen euphorisch – ich darf nicht an mein Handy, wie aufregend! Außerdem: Die Aufmerksamkeit ist an dem Tag – und auch danach – eine ganz andere. Während ich sonst etwa bei jedem Schritt meiner Tochter zum Smartphone greife, um ein Foto zu machen, genieße ich diese Momente im Hier und Jetzt und speichere sie in meinem Herzen statt auf der Sim-Karte.

Auf einmal Schabbat zu halten, geht das so einfach?
Auf der Ebene meiner orthodoxen Cousine in Israel kann ich natürlich überhaupt nicht einsteigen. Wir zünden jeden Freitag die Kerzen, es gibt Essen, und unsere Tochter freut sich sehr darauf. Dann singen wir auch ein bisschen. Aber wenn wir Besuch haben, singen wir nicht – da will ich privat sein und keine Show abliefern. Ich bin ja nicht damit aufgewachsen – im Gegensatz zu meiner Tochter, für die das jetzt völlig normal ist.

Ist jeder Schabbat gleich?
Nein, jeder ist anders. Der letzte etwa war sehr schön, mit den dreien davor habe ich gehadert, weil ich auf einen wirklich reizvollen Workshop verzichtet habe. Einen habe ich auch gebrochen, weil ich einen Essay zu Ende schreiben wollte. Doch das habe ich letztlich als positiv empfunden, denn weil ich so sauer war wegen all der Regeln, konnte ich viel Energie und Kreativität kanalisieren.

Apropos Kreativität – wie ist die Idee zu dem Stück entstanden?
Die Idee hatte ich zusammen mit einer befreundeten Regisseurin. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso klarer wurde uns, dass ich mich mit mir und meiner Identität auseinandersetzen muss. Wer bin ich? Was ist jüdisch an mir? Das sind Fragen, die auf einmal auftauchten. Ich lasse mich einerseits darauf ein, und zugleich gehe ich einen Schritt zurück und sehe es mir an.

Wie würden Sie Ihre Ausgangslage beschreiben?
Ich bin nicht religiös. Ich spreche kein Iwrit. Russisch ist meine Muttersprache, aber Russin bin ich ebenso wenig wie Ukrainerin oder Deutsche. Während ich als Kind in der Ukraine keine Signale senden musste, um die ganze Zeit gespiegelt zu bekommen, dass ich jüdisch bin, befinde ich mich hier in Deutschland in einer vollkommen anderen Situation – hier könnte ich es genauso gut sein lassen, jüdisch zu sein. Gerade das macht es wieder spannend.

Wo knüpfen Sie an?
Am ehesten an der Kultur und an den Erinnerungen an meine Oma – sie war sehr religiös. Mein Leben lang habe ich zum Beispiel an Jom Kippur gefastet. Doch unsere Familientraditionen hörten auf, als meine Oma starb. Es fällt mir jedoch schwer, den Leuten Religiosität und Glauben im 21. Jahrhundert abzunehmen. Synagogenbesuche langweilen mich. Ich habe keine wirkliche Religion. Die Idee finde ich wirklich schön. Aber meine Aufgabe bei dem ganzen Experiment sehe ich darin, ehrlich zu mir zu sein.

Wie nehmen die Beter Sie auf?
Die Synagoge lebt von den Menschen. Das mag ich. Ich lerne plötzlich interessante Leute kennen, man kommt ins Gespräch, unterhält sich beim Kiddusch, da entsteht etwas, eine Art »Herde«, die ich suche und die ich mir so nicht auswählen würde, die aber trotzdem da ist. Und zack, gehöre ich irgendwie dazu. Das funktioniert aber nur zur Hälfte. Denn ich müsste einen Teil von mir verleugnen, wenn ich sagen würde: Ich glaube das, was in der Predigt gesagt wird oder in den Gebeten. Aber gut, es ist ja erst Mai.

Was motiviert Sie zum Weitermachen?
Zum einen: Am Ende soll daraus eine Performance zu einer teilfiktiven Familiengeschichte entstehen – mit per Audio eingespielten exemplarischen Tagebuchaufzeichnungen, die das Stück strukturieren. Dafür ist es gut, einen überschaubaren Zeitraum zu haben, um das Erlebte künstlerisch zu verwerten. Zum anderen: Wie kann ich etwas loslassen, das ich nicht in der Hand gehalten habe?

Wie offen sind Sie für den Ausgang des Experiments?
Ich bin für alles offen. Unbedingt. Im Idealfall möchte ich nie mehr aufhören, jüdisch zu leben. Wer weiß, vielleicht rasiere ich mir ja im Dezember die Haare und trage eine Perücke. Vielleicht gelingt es mir auch, die praktischen Inhalte der Religion in einen Kontext der Moderne zu setzen, der zu mir passt. Aber dafür muss ich sie kennen.

Was hoffen Sie in den verbleibenden acht Monaten zu finden – nicht nur für Ihr Projekt, sondern auch für sich selbst, vielleicht sogar über 2016 hinaus?
Nun, ich glaube zwar nicht, dass ich noch religiös werde, aber dennoch habe ich schon jetzt einiges herausgefunden. Hebräisch zum Beispiel – das macht mir deutlich mehr Spaß als Synagogenbesuche. Ein weiterer echter Gewinn ist auf jeden Fall: mehr Zeit zu haben. Und das Gefühl, ich setze eine Tradition fort, die meiner Oma wichtig war und vielleicht auch eines Tages für meine Tochter wichtig werden kann – weil sie damit natürlicher aufwächst als ich.

Mit der Schauspielerin und Performance-Künstlerin sprach Katharina Schmidt-Hirschfelder.

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