Literatur

»Jeder hat ein Geheimnis«

Sein neuer Roman erschien gerade auf Deutsch: der israelische Autor Eshkol Nevo Foto: Bogenberger Autorenfotos

Literatur

»Jeder hat ein Geheimnis«

Der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo über Wahrheit, Sexszenen und seine Arbeit als Therapeut nach dem 7. Oktober

von Tobias Kühn  11.07.2024 17:41 Uhr

Herr Nevo, vor Kurzem ist Ihr Roman »Trügerische Anziehung« auf Deutsch erschienen. Es geht darin vor allem um Wahrheit. Was ist Wahrheit für Sie?
Ich möchte den Lesern die Möglichkeit geben, die Realität aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen. In meinem Roman gibt es deshalb in jedem der drei Teile neben dem Erzähler noch eine weitere Figur, die die Geschichte anders erzählt – und der Leser kann entscheiden, wem er glaubt. So nehme ich das Leben wahr: Es gibt immer auch eine andere Seite.

Einer Ihrer Protagonisten schreibt in einer Geschichte, die er im Internet veröffentlicht, die Wahrheit könne Menschen unnötig verletzen.
Ja, dieser Gedanke gefällt mir. Beziehungen und auch Familien basieren manchmal nicht nur auf dem, was gesagt wird, sondern auch auf dem, was eben nicht erzählt und nicht preisgegeben wird. Eine mir unbekannte Frau hat meinem Großvater mal ein Buch mit einer Widmung geschenkt. Darin schreibt sie sinngemäß, dass es manchmal Wichtigeres gibt als die Wahrheit – nämlich: sich treu zu bleiben. Ja, vielleicht besteht der einzige Weg manchmal darin, den Menschen um einen herum nicht immer die ganze Wahrheit zu sagen.

In Ihrem neuen Buch geht es vor allem um Beziehungen: um Beziehungsprobleme, das Ende von Beziehungen und um Beziehungen, die nicht gelebt werden. Es geht um Verzicht, um Enthaltsamkeit – und um deren Spannungsverhältnis zur Wahrheit.
Ich habe das Buch während der Covid-Pandemie und des Lockdowns geschrieben. Und auch, wenn das Wort Covid darin nicht vorkommt, ist es tief davon betroffen, denn alle Figuren berühren einander, wollen umarmt werden – und manchmal umarmen sie einander auch im falschen Moment. Eines der Hauptthemen des Buches ist Leidenschaft. Wozu veranlasst sie uns, und wie können wir ihr folgen? Manchmal aber ist es gefährlich, ihr zu folgen, und Enthaltsamkeit ist vielleicht die bessere Entscheidung, auch wenn das nicht der Wahrheit entspricht. In diesem Spannungsverhältnis stehen die Entscheidungen der Protagonisten.

Im hebräischen Original heißt Ihr Roman »Gever nichnas baPardes« – »Ein Mann trat ins Paradies«. Was hat es damit auf sich?
Bei »Pardes«, was oft mit Paradies übersetzt wird, handelt es sich eigentlich um einen Obstgarten. Es gibt im Talmud die schöne Geschichte von vier Gelehrten, die diesen Obstgarten betreten – aber nur einer von ihnen, Rabbi Akiva, kommt lebend wieder heraus. Ein anderer Gelehrter stirbt, ein weiterer hört auf, an Gott zu glauben, und einer wird verrückt. Ich dachte, das ist eine schöne Metapher für das Buch, denn in jedem der drei Teile geht es um Männer, die eine Art Obstgarten betreten, und vielleicht kommen sie lebend wieder heraus, vielleicht aber auch nicht. Im Talmud ist der Pardes eine Metapher dafür, in der Gegenwart Gottes zu sein. Ich bin ein säkularer Jude, für mich ist Gott alles, was sich außerhalb unserer Sicherheitszone befindet: Momente, in denen wir uns in einer Art starker Kraft verlieren, die unser Leben erschüttert.

Sie haben Psychologie studiert – das schlägt sich auch in Ihren Romanen nieder, unter anderem darin, dass Ihre Pro­tagonisten ausgesprochen viel über sich und das Leben reflektieren. Praktizieren Sie selbst als Therapeut?
Nein, ich habe mich für den Beruf des Schriftstellers entschieden. Aber wegen des Krieges in Israel arbeite ich neuerdings in gewisser Weise auch therapeutisch, denn viele Menschen leiden unter Posttraumatischen Belastungsstörungen: Soldaten, Angehörige der Geiseln, Binnenflüchtlinge. Ich nutze in meinen Workshops für kreatives Schreiben Worte, um Menschen zu helfen. Ich glaube, dass ich wie ein Therapeut mit Worten und meinen Geschichten die Herzen der Menschen berühren und damit etwas bewirken kann.

In Ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Roman meint eine Ärztin, sie hätte Psychologie studieren sollen, um sich zu verstehen. Herr Nevo, verstehen Sie sich selbst?
Ja – aber nicht, weil ich Psychologie studiert habe! Ich bin ein neugieriger Mensch und interessiere mich sehr für andere Menschen. Jeder scheint eine Schicht zu haben, die er nicht zeigt. Jeder hat ein Geheimnis. Das fasziniert mich.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie gekonnt auch aus der Perspektive von Frauen schrei­ben. Wie gelingt Ihnen das, und was reizt Sie daran?
Bei mir zu Hause sind außer mir alle weiblich: meine Frau, unsere drei Töchter, die Katze und die Hündin. Ich bin sozusagen eine Minderheit im eigenen Haus, und manchmal gibt es bei uns Diskussionen, bei denen ich nicht verstehe, worum es eigentlich geht. Aber ich beklage mich nicht, sondern mich fasziniert, was ich selbst nicht bin. Das Schreiben ermöglicht uns, die eigenen Grenzen zu erweitern – und so kann ich, wenn ich schreibe, zum Beispiel eine Frau sein.

In Ihrem Roman gibt es auch einige Sexszenen. Was macht eine gute Sexszene aus?
Viele haben Angst, Sexszenen zu schreiben, weil ihre Mütter den Text irgendwann lesen könnten. Aber Schamgefühle stehen beim Schreiben nur im Weg. Hinzu kommt der wichtige Unterschied zwischen einer erotischen und einer pornografischen Szene. Körper und Seele dürfen nicht voneinander getrennt werden. Wenn Menschen Sex haben, geht es nicht nur um die Körper, sondern um Gefühle. Wie alles im Leben: Es wird angenehmer und interessanter, wenn man Gefühle hineinsteckt und völlig involviert ist.

Im letzten Satz Ihres Romans heißt es, das Schreiben helfe, mit dem Verzicht im Leben umzugehen. Wie hilft Ihnen das Schrei­ben im Leben?
Ich benutze gern die Metapher des Eisbergs. Sigmund Freud bezog sich damit auf die Tatsache, dass sieben von acht Teilen unseres Geistes unterbewusst sind und wir nur die Spitze des Eisbergs über dem Meeresspiegel sehen. Ich glaube, als ich mit dem Schreiben anfing, war ein großer Teil meines Geistes von Heimweh besessen, von Erinnerungen und vom Nachdenken über die Vergangenheit. Das Schreiben hat mich davon befreit. Ich kann in meinen Büchern über die Vergangenheit schreiben und bin danach frei, die Gegenwart zu leben. Seit ich schreibe, bin ich ein glücklicherer Mensch.

Mit dem israelischen Schriftsteller sprach Tobias Kühn. Eshkol Nevo: »Trügerische Anziehung«. Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch. dtv, München 2024, 304 S., 24 €

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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