Interview

»Jeder darf alles spielen«

Stellt das Schlagzeug in die Ecke, um Klarinette zu spielen: David Orlowsky Foto: Stephan Pramme

Wie kommt ein junger Mann aus Tübingen dazu, ausgerechnet Klezmer zu spielen?
Das kam über ein Konzert mit Giora Feidman, bei dem ich 15 war. Meine Mutter hatte mich mitgenommen. Ich wollte eigentlich gar nicht, denn ich war Schlagzeuger, doch nach der ersten Note war es um mich geschehen. Das hat mich total begeistert. Ich wusste damals weder etwas über Klezmer noch, dass er einen jüdischen Ursprung hat. Das war rein die Musik, die mich angesprochen hat.

Wie wichtig war dieses Konzert für Ihre Karriere?
Durch Giora Feidman bin ich inspiriert worden. Ich wäre sonst gar nicht auf die Idee gekommen, Klarinette zu spielen. Allerdings ist es dabei auch geblieben. Es wird ganz oft geschrieben, dass ich Schüler von ihm bin. Das stimmt nicht. Ich hatte nie Unterricht bei ihm. Charles Neidich dagegen, der letzte Lehrer, bei dem ich studiert habe, hat noch mal 30 Prozent draufgesetzt bei mir. Klarinettistisch und musikalisch hat er mich wahnsinnig weitergebracht.

Wie haben Sie Neidich kennengelernt?
Bei einem Festival in Israel habe ich kurz mit ihm gearbeitet. Das war dann dermaßen wichtig für mich, dass ich ihn gefragt habe, ob ich zum Studium zu ihm nach New York kommen könne. Dann war ich ein Jahr dort. Ich wäre am liebsten zwei Jahre geblieben, aber das ging nicht, weil zu viele Konzerte in Deutschland waren. Ich musste ständig hin und her fliegen. Die Schule war ziemlich ungehalten, weil ich viele Kurse verpasst habe. Das sehen die da nicht so gerne. Also habe ich das nach einem Jahr abgebrochen.

Haben Sie Giora Feidman auch einfach so angesprochen?
Der persönliche Kontakt ist entstanden, weil ich bei einem Workshop war. Er hat mich auf die Bühne geholt und mir sozusagen unter die Arme gegriffen. Es war aber nie eine Schüler‐Lehrer‐Beziehung. Er war eher so etwas wie mein Mentor.

Und eine Vaterfigur?
Musikalischer Vater kann man schon sagen. Ich habe durch ihn erfahren, wie viel man ausdrücken kann auf der Klarinette. Sein Einfluss ist bis heute hörbar in meiner Art zu spielen, auch wenn da noch viele andere Inspirationsquellen dazugekommen sind.

Was ist das Faszinierende an ihm?
Für mich ist es eher, dass er mit einer Note so viel sagen kann. Er spielt einen Ton, und da ist eigentlich schon alles drin. Das ist es auch, was für mich Musik ausmacht. Das kann man nicht erklären, wie Zauberei. Das hat er einfach drauf wie kein Zweiter.

Ist Feidman auch Vorbild, wenn Sie klassische Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart oder Osvaldo Golijov spielen?
Bei Mozart hat das für mich überhaupt nichts mit ihm zu tun. Das ist eine komplett andere Welt für mich. Ich bin auch nicht der Meinung, dass das alles gleich gespielt wird. Ich versuche schon, in der jeweiligen Epoche zu bleiben. Bei unserem Zeitgenossen Golijov hast du eine viel größere Freiheit als bei Mozart. Deswegen habe ich die beiden auch auf meiner letzten Platte gegenübergestellt.

Warum haben Sie Ihre Band von »Klezmorim« in »Trio« umbenannt?
Das hatte damit zu tun, dass Klezmorim, also Musiker, eine starke Klezmer‐Assoziation geweckt hat, und die können wir nicht immer erfüllen. Es war so, dass viele Leute im Konzert erwartet haben, dass wir »Hava Nagila« und »Fiddler on the Roof« spielen, aber das ist ja überhaupt nicht das, was wir machen. Man hört zwar zuweilen noch den Klezmerbezug raus, aber in vielen Stücken überhaupt nicht mehr. Deswegen wollten wir viel lieber einen neutralen Namen haben.

Auf der aktuellen CD steht Kammerweltmusik drauf?
Das ist so ein Begriff, weil die Leute anscheinend das Bedürfnis haben, Musik in irgendeine Schublade zu stecken. Und unsere beiden Kernteile sind nun mal, dass wir funktionieren wie ein Kammermusikensemble, fast wie ein Streicherensemble. Kammermusik macht einfach klar, dass es eine komplexe Art von Musik ist. Das ist ernste Musik und keine Partymusik. Der zweite Teil ist Weltmusik, weil viele Melodien und Rhythmen aus allen möglichen Kulturen kommen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Klezmer ein zu enger Begriff ist?
Das haben wir eigentlich schon bei »Noema« von 2007 gedacht. Da sind drei bis vier Stücke darauf, die sind ganz klar Klezmer, aber der Rest nicht. Da waren wir aber noch nicht so weit in der Diskussion. Das ist ja überhaupt so eine Diskussion – irgendwann nervt die einen.

Ist sie so nervig wie die Frage, warum Sie als Deutscher jüdische Musik spielen?
Die Frage wird eigentlich immer gestellt. Die finde ich eigentlich gar nicht so nervig, die kann ich nachvollziehen. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, wenn das mit einem kritischen Unterton gefragt wird. Man hat uns kommerzielles Kalkül unterstellt. Einmal kam wirklich jemand und meinte, wir würden uns beim Klezmer unrechtmäßig bedienen.

Er meinte wohl, dass Klezmer nur dann authentisch ist, wenn er von Juden gespielt wird?
Es gibt eben Leute, die das annehmen. Die sollen das ruhig denken. Mir ist das wurscht. Ich finde, dass jeder jede Musik spielen darf. Ob das nachher gute Musik ist oder nicht so gute Musik, das steht ja auf einem ganz anderen Blatt. Aber jeder sollte alles machen dürfen. Selbst Mozart mit Techno‐Beats zu unterlegen, sollte kein Tabu sein.

David Orlowsky
wurde 1981 in Tübingen geboren. Der 30‐Jährige studierte an der Folkwang‐Hochschule in Essen und an der renommierten Manhattan School of Music bei Charles Neidich. Mit dem US‐amerikanischen Klarinettisten arbeitete er ebenso zusammen wie mit Daniel Hope und Gidon Kremer. 2008 wurde Orlowsky mit dem Echo‐Preis in der Kategorie »Klassik ohne Grenzen« ausgezeichnet. Am 2. Oktober erhält Orlowsky erneut die Auszeichnung in dieser Kategorie für seine Zusammenarbeit mit dem Vocal‐Ensemble Singer Pur für seine Interpretation von Klageliedern von Giovanni Pierluigi daPalestrina (1514/15–1594) und Vokalwerken von Carlo Gesualdo (1566–1613).

Mit dem Tübinger Klarinettisten sprach Jonathan Scheiner.

www.davidorlowsky.com

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