Museum

Jäger des verlorenen Schatzes

Verfemt und vielfach vergessen: Die Solinger Dauerausstellung zeigt Werke verfolgter Künstler. Foto: Stefan Laurin

Milly Steger zählte in den 20er‐Jahren zu den bekanntesten Bildhauerinnen in Deutschland. Eric Isenburger und seine Frau Jula, er Maler, sie Tänzerin, waren zur selben Zeit eines der aufsehenerregendsten und erfolgreichsten Künstlerpaare. Julo Levin gehörte als Maler der Rheinischen Sezession und dem Künstlerbund »Das Junge Rheinland« an.

Drei Namen, drei Geschichten von Künstlern, die von den Nazis verfolgt, ins Exil getrieben oder, wie Levin, im KZ ermordet wurden. Sie waren Juden, Linke, hatten jüdische Partner oder einfach den festen Willen, sich nicht vor den Nazis zu beugen. Ihre Kunst galt als »entartet«, wurde verboten, geschmäht und vernichtet. Auch nach dem Ende der Nazizeit waren sie nicht immer willkommen. Museen weigerten sich, sie auszustellen – auch im Kunstbetrieb behielten alte Nazis nach 1945 noch für viele Jahre das Sagen.

Documenta Eine erste, vorsichtige Annäherung an die im Dritten Reich verfolgte Kunst gab es auf der ersten documenta 1955 in Kassel. »Das war ein erster Schritt, aber er war viel zu zaghaft und zu klein, um eine ganze Generation von Künstlern und Künstlerinnen wieder in das öffentliche Bewusstsein zu holen«, sagt Rolf Jessewitsch, Direktor des Kunstmuseums Solingen. »Viele Künstler, die wir hier zeigen, sind in Deutschland vergessen. Ihr Werk ist manchmal im Ausland bekannt, oft aber haben die Nazis ihr Ziel erreicht, sie aus dem öffentlichen Bewusstsein zu tilgen.«

Dass das nicht so bleibt, daran arbeitet Rolf Jessewitsch. In Zusammenarbeit mit anderen Museen, Institutionen wie dem Leo Baeck Institute und der Wuppertaler Else‐Lasker‐Schüler‐Gesellschaft hat das Solinger Museum das »Zentrum für verfolgte Künste« gegründet, finanziert durch den Landschaftsverband Rheinland und die Stadt Solingen. Am 1. Januar hat es seine Arbeit aufgenommen, offiziell eröffnet werden wird das Zentrum im Frühjahr.

»Wir werden gemeinsam mit anderen forschen. Es gibt noch ganze Sammlungen von jüdischen Familien, die nicht aufbereitet sind«, sagt Jessewitsch. »Zum Teil liegen sie in Archiven in Osteuropa. Niemand weiß genau, welche Werke sich dort befinden.« Oft sind es nicht nur Bilder und Skulpturen, die sich in den Sammlungen finden. »In den USA haben wir eine verschollene Sammlung eines jüdischen Ehepaares aus Barmen gefunden. Dazu gehörte ein Schriftwechsel des Paares mit Künstlern, der Tausende von Seiten umfasst. Den bereitet nun das Leo Baeck Institute digital auf.«

sammlung Den Grundstock des Museums und seiner Dauerausstellung verfolgter Kunst bildet die Sammlung Gerhard Schneider. Schneider gilt als einer der wichtigsten Kenner und Sammler der von den Nazis verfemten Kunst. Zu seiner Sammlung gehören Werke von Oscar Zügel, Käthe Loewenthal, Leo Haas und vieler anderer.

Der Besucher betritt die Ausstellung durch einen Raum, der an das legendäre Romanische Café erinnert, in den 20er‐Jahren einer der wichtigsten Treffpunkte von Künstlern und Intellektuellen in Berlin. Egon Erwin Kisch, Else Lasker‐Schüler, Erich Maria Remarque, Ernst Toller, Franz Werfel, Billy Wilder und Stefan Zweig trafen sich hier, stritten, tranken und rauchten. Den Nazis war das Romanische Café schon vor ihrer Machtergreifung ein Dorn im Auge. 1933 ging mit der Weimarer Republik auch die große Zeit des Cafés zu Ende. Heute steht an seiner Stelle am Breitscheidplatz in Charlottenburg das Europa‐ Center.

Das Erdgeschoss der Dauerausstellung widmet sich der Literatur. Erinnert wird an noch heute berühmte Schriftsteller wie Kafka und Toller, aber auch an Max Brod, der als Retter des Werkes von Kafka in Erinnerung ist, aber als eigenständiger Literat kaum noch wahrgenommen wird. In der oberen Etage sind Bilder und Skulpturen versammelt. Im Katalog der Sammlung Gerhard Schneider sind die Schicksale ihrer Schöpfer nachzulesen – Geschichten von Tod und Verzweiflung, aber auch von Mut und Durchhaltewillen.

yad Vashem Schon in der Vergangenheit zeigte das Solinger Museum seine Sammlung in anderen Städten und Ländern, so in Belgien und Polen. Mit der Gründung des »Zentrums für verfolgte Künste« werden diese externen Aktivitäten intensiviert. Erster Höhepunkt ist eine Ausstellung in den Räumen des Bundestags in Berlin, die am 27. Januar 2015 eröffnet wird. Niemand zeugt für den Zeugen ist sie nach einem Gedicht Paul Celans betitelt und zeigt Kunst und Literatur als Dokumente zum Kriegsende und zur Befreiung der Menschen in den Konzentrationslagern.

Das Solinger Zentrum hat bei der Konzeption der Schau mit den Gedenkstätten und Museen Yad Vashem in Jerusalem. Auschwitz‐Birkenau in Polen und Theresienstadt in Tschechien kooperiert. Von Berlin wandert die Ausstellung ins Felix‐ Nussbaum‐Haus nach Osnabrück und dann nach Polen, wo sie ab dem 25. Juni im neuen Museum für zeitgenössische Kunst in Krakau gezeigt wird. Auch Yad Vashem hat Interesse angemeldet. Von dort kommt zur Eröffnung des Zentrums im Frühjahr die Multimediaausstellung Frauen im Holocaust. Im späten Frühjahr wird das Zentrum auch erstmalig Gemälde von Eric lsenburger (1902–1994) zeigen, die zuletzt im Januar 1933 in der Galerie Gurlitt in Berlin zu sehen waren.

Neben Literatur und bildender Kunst will sich das Museum künftig verstärkt auch mit Musik und Filmen verfolgter Künstler auseinandersetzen, und das nicht nur in der Vergangenheit: »Auch heute«, sagt Rolf Jessewitsch, »werden Künstler verfolgt und ermordet, ob in China oder in der Türkei. Auch das ist ein wichtiges Thema für uns.«

www.kunstmuseum-solingen.de

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