Yael Hedaya

»Israelische Männer sind verwirrt«

Frau Hedaya, Ihr Buch »Alles bestens«, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist, wurde 1997 in Israel veröffentlicht. Die Heldin, Maya, ist 30 Jahre alt – etwa so alt, wie Sie damals waren. Das muss für Sie wie eine Zeitreise rückwärts sein.
Absolut. Wenn ich das jetzt wieder lese, habe ich das Gefühl, mich selbst nicht wieder zu erkennen. Das Leben in Tel Aviv, und diese Zeit, als es darum ging, einen Partner finden – für mich ist das, wie alte Bilder anzuschauen.

In Ihren Romanen ging es erst um Singles, dann um Partnersuche und schließlich um Elternschaft. Worüber schreiben Sie jetzt?
Sagen wir mal so, ich bin in der Phase der seelischen Vorbereitung, ein neues Buch zu schreiben. In mir reift gerade ein Gedanke für den nächsten Roman.

Worum wird es da gehen? Können Sie das schon sagen?
Nein, denn es ist noch nicht so weit. Außerdem weiß ich nie, was ich schreiben werde. Das kommt einfach so. Manchmal beginnt es mit einem Bild oder einer Situation oder einem Satz, und ich plane nie im Voraus. Das hat Vor- und Nachteile. Aber auch heute beschäftigt mich das Thema Partnerschaften. Ich bin alleinerziehende Mutter, ich habe keinen Partner, und ich habe nicht aufgehört, mich für Männer zu interessieren. Aber in meinem Alltag sind jetzt ganz andere Dinge wichtig wie die Kinder oder das Verhältnis zu meiner Mutter, die vor Kurzem gestorben ist. Und ich bin sicher, dass es in meinem nächsten Buch auch um sie gehen wird.

Sie haben Ihre Kinder durch künstliche Befruchtung aus einer Samenbank bekommen – ich hoffe, ich werde jetzt nicht zu persönlich ...
Nein, gar nicht. Ich rede sehr offen über das Thema, auch in meinem neuen Buch »Revii Ba-Erev« (Mittwochabends), das noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Es ist ein absolut wahnsinniges Abenteuer, alleine drei Kinder zu erziehen.

Ein Abenteuer, auf das sich immer mehr israelische Frauen einlassen.
Ja. Ich kenne sehr viele Frauen, die sich dafür entschieden haben, alleine Kinder aufzuziehen. In Israel wird das heute sehr ermutigt. Es ist viel einfacher als in Deutschland, wo alleinstehende Frauen gar keinen Zugang zu einer Samenbank haben. Komisch, dass man bei euch so konservativ ist.

Zurück zu »Alles bestens«. Dort kommt ein verliebtes junges Paar vor, Nogga und Amir, die schon beim Lesen nerven. Sind die beiden das typische israelische Paar?
Nein, Nogga und Amir verkörpern das nervige Paar auf der ganzen Welt.

Es heißt, israelische Paare seien viel symbiotischer als andere.
Ich würde nicht sagen, dass die israelische Partnerschaft prinzipiell klebriger ist als in anderen Ländern. Die Grunddilemmata sind auf der ganzen Welt dieselben. Immer und überall wird es das Problem geben, dass 50 Jahre alte Männer ihre Frauen für 20-Jährige verlassen.

Gibt es wirklich keinen Unterschied?
Ich glaube, in Israel gibt es weniger Offenheit. Im Ausland fühle ich mich jünger als in Israel. In New York, das ist der Ort, den ich am besten kenne und am meisten liebe, kommt es vor, dass der Page im Hotel mit mir flirtet. Hier in Israel wird man sehr schnell in eine Schublade gesteckt. Es gibt viel weniger Vielfalt in Beziehungen. Wer hier keine Kinder hat, gilt als daneben. In den USA ist das nicht so extrem. Wenn man dort abends in einem Wohnzimmer mit zehn Freunden und Bekannten über 50 sitzt, kann man mindestens drei finden, die kinderlos sind. In Israel ist das unmöglich. Und diese Tatsachen beeinflussen auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern ist Israel nicht mehr so chauvinistisch wie früher, aber der Chauvinismus ist immer noch ein integraler Bestandteil unserer Kultur.

Woran merken Sie das?
(lacht): Ach, ich bin schon lange Zeit nicht mehr Teil des Spiels. Aber heute gibt es in Israel ja den »neuen Mann«.

Wie ist der?
Er will nicht unbedingt Sex.

Ein israelischer Mann, der keinen Sex will?
Heute ist es nicht mehr so, dass »gute Mädchen« keinen Sex wollen und die Jungs nichts anderes im Kopf haben. Die modernen israelischen Männer sind ziemlich verwirrt. Gender-Grenzen werden heute schnell durchbrochen. Junge Männer und Frauen machen viel leichter sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern als in meiner Generation. Wenn ich höre, wie meine Studentinnen reden – die sind wirklich geschockt, dass jemand in meinem Alter noch nie mit einer Frau im Bett war.

Ihr neues Buch »Revii Ba-Erev« hat in Haaretz eine sehr schlechte Kritik bekommen. Die Rezensentin warf Ihnen vor allem vor, ein unpolitisches Buch auf den Markt gebracht zu haben, und das zu der Zeit, als in Israel die großen Sozialproteste begannen. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine der irrelevantesten Kritiken, die je über eines meiner Bücher geschrieben wurden. Außerdem gibt es eine Sache, die ich wirklich hasse, und das ist Kunst im Dienst der Politik. Politik muss in der Literatur indirekt zum Ausdruck kommen. Ich kann kein Buch über die Situation der Frau als solche schreiben oder über orientalische Israelis. Das wäre doch langweilig, das wäre ein reines Manifest. Heute haben sogar Schriftsteller aus der älteren Generation damit aufgehört. Die neueren Bücher von Amos Oz und A. B. Jehoschua zum Beispiel beschäftigen sich auch mit dem Alltag, mit Partnerschaft, Alter und ähnlichen Themen.

Aber Sie können Politik doch nicht einfach ausblenden. Vor allem nicht in Israel.
In den 90ern, als ich »Alles bestens« geschrieben habe, gab es in Tel Aviv dauernd Selbstmordanschläge. Wenn ich abends mit einer Freundin telefonierte, lief bei uns beiden im Hintergrund der Fernseher. Wenn dann über einen schrecklichen Anschlag am Dizengoff Center berichtet wurde, sagte sie: »Oh, ist das nicht schrecklich!« Und ich antwortete: »Oh wie furchtbar, zehn Tote!« Und sie sagte: »Weißt du, meine Cousine wollte gerade in den Bus einsteigen, aber zum Glück hat sie es nicht getan, was für ein Glück!« Und ich sagte: »Absolut!« Und dann war es einen Moment still in der Leitung, und sie fragte: »Nu? Hat er dich angerufen?« Und ich habe gesagt: »Nein! Hat er nicht! Was soll ich tun? Soll ich ihn anrufen?« So ist das Leben in Israel. Und das verstehen viele Menschen im Ausland einfach nicht. Wir sind mit unserem Alltagsblödsinn beschäftigt und mit unseren Einkäufen bei IKEA oder der Frage, wie viele Kalorien wir heute gegessen haben – genau so sehr, wie es uns um das »große Bild« geht.

Zum Beispiel die Sozialproteste voriges Jahr. Haben Sie damit sympathisiert?
Ja, natürlich! Ich gehöre zum Mittelstand, der am meisten leidet. Unser Land macht die Kreativen vollkommen fertig. Ich habe dafür einen Begriff erfunden: Wir sind die »Nouveaux Raschim«. Das Wort rasch kommt aus der Bibel und bedeutet »arm«. Wir sind die Neuen Armen.

Haben Sie auch mitdemonstriert?
Das war paradox! Ich habe zu einer anderen alleinerziehenden Mutter gesagt: Um zu Demos zu gehen, bräuchte ich einen Babysitter. Dafür habe ich aber kein Geld.

Sie sind 1964 geboren. Nächstes Jahr werden Sie 50. Was für ein Verhältnis haben Sie zu diesem Alter?
Oh, nein! Warum müssen Sie darüber reden? 50 ist eine echte Krise! Es gibt Frauen, die behaupten, dass sie sich jetzt besser fühlen und mit sich selbst zufriedener sind als mit 40. Ich halte das für Bullshit. Ich glaube, dass es physiologisch gesehen ein viel schlimmerer Schock ist, 50 zu werden als 40. Alle Zigaretten und der Kaffee und was man seinem Körper angetan hat, fordern ihren Tribut. Es ist völlig egal, wie man aussieht und wie viel Sport man macht und wie viele junge Liebhaber man hat. Ein Körper ist eine tickende Bombe – eine Maschine, die dazu programmiert ist, sich selbst zu vernichten.

Yael Hedaya wurde 1964 in Jerusalem geboren. Sie studierte Philosophie und Anglistik in Jerusalem und Kreatives Schreiben in New York. Hedaya hat als Drehbuchautorin für die erfolgreiche israelische Fernsehserie »Be Tipul« gearbeitet, die in Amerika als »In Treatment« adaptiert wurde, und schreibt für verschiedene israelische Zeitschriften. Sie wohnt in der Nähe von Tel Aviv. »Alles bestens« ist im Diogenes Verlag Zürich erschienen (160 S., 12,90 €).

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