Briefwechsel

Israelis nach Wyoming!

Ausführlich spricht Paul Auster im Briefwechsel mit dem südafrikanischen Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee über die Situation im Staat Israel. Foto: S.Fischer

Briefwechsel

Israelis nach Wyoming!

J.M. Coetzee und Paul Auster machen sich Gedanken über den Nahostkonflikt

von Welf Grombacher  01.07.2014 19:09 Uhr

Normalerweise werde er auf Auslandsreisen immer über die Lage in den USA befragt, schreibt Paul Auster. Nicht so in Israel. Dort habe man ihn immer wieder darum gebeten, etwas zur Situation dort zu sagen: »Ich kenne kein anderes Land, in dem eine solche Bitte möglich ist. Ein ausländischer Schriftsteller auf Besuch in Frankreich oder Italien würde niemals gebeten werden, sich zur französischen oder italienischen Politik zu äußern.«

Ausführlich spricht der Amerikaner im Briefwechsel mit dem südafrikanischen Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee über die Situation im Staat Israel. Gerade ist die Korrespondenz in Deutschland unter dem Titel Von hier nach da bei S. Fischer erschienen.

zerrissen Auf einem Literaturfestival 2008 in Australien lernten die beiden Schriftsteller sich kennen. Wenig später machte Coetzee den Vorschlag, doch Briefe zu wechseln: Vielleicht »können wir aneinander, so Gott will, ein paar Funken schlagen«. Als Auster 2010 nach Israel reist, kommen die Autoren auf die Situation dort zu sprechen. Beide zeigen sich innerlich zerrissen. Der in Brooklyn wohnende Auster ist selbst Jude, geboren 1947, ein Jahr vor der Gründung des Staates Israel.

Der in Adelaide lebende Südafrikaner Coetzee ist, wie er sagt, maßgeblich durch das jüdische Element in der westlichen Kultur geprägt worden: »Ich wäre nicht, der ich bin, ohne Freud oder Kafka.« Darum sei er schockiert: »Ich verfolge die Nachrichten über Israel/Palästina mit solchen Gefühlen der Bestürzung und des Abscheus, dass es manchmal einen Kampf bedeutet, nicht einfach eine Plage auf beide Häuser herab zu wünschen und sich abzuwenden.«

niederlage
Den Palästinensern sei gewaltiges Unrecht angetan worden, da ihnen nach 1945 die Konsequenzen der Ereignisse in Europa aufgebürdet worden seien, meint Coetzee. »Aber was geschehen ist, ist geschehen, es kann nicht ungeschehen gemacht werden. Israel existiert und wird eine lange Zeit existieren.« Es gebe so etwas wie eine Niederlage, und die Palästinenser müssten sich fügen. Die Anregung für ein »konstruktives Akzeptieren könnten sie sich beim Nachkriegsdeutschland von 1945 holen«.

Auf der anderen Seite habe er »nicht viel Verständnis für die heutigen Israelis, oder wenigstens nicht für jene, die Netanjahu ins Amt gewählt haben«. Coetzee greift zu einer unglücklichen Formulierung: »Es gibt nur ein Wort, das beschreibt, was vor Kurzem im Libanon und in Gaza angerichtet wurde, und das Wort heißt schrecklich. Schrecklichkeit: ein hässliches, hartes Wort – ein Hitler’sches Wort – für eine hässliche, harte, herzlose Art, mit Menschen umzugehen.« Keine Gewissensbisse habe er darum, »leidenschaftlich auf den Sturz Netanjahus und seiner Konsorten« zu hoffen sowie auf eine neue Führung, die der jüdischen Rechten die Stirn biete.

galgenhumor Auch Auster empfindet die Expansion ins Westjordanland nach dem Krieg von 1967 als unerträglich. »Das Leid und die Erniedrigung der Palästinenser schreien zum Himmel.« Er geht nicht so weit, Israel einen »Apartheid-Staat« zu nennen. »Aber von Rassendiskriminierung scheint es mir nicht weit entfernt zu sein.« Am meisten ärgere ihn, dass viele Siedler Amerikaner seien, orthodoxe Juden, die nach Israel gezogen seien, um die »Cowboy-und-Indianer-Fantasien« aus ihrer Kindheit auszuleben. Beim Besuch in diesem »Land der Qual«, wie Auster es nennt, habe er nur Leute kennengelernt, die man als »gute Israelis« bezeichnen müsse. Die aber lebten in einem »Zustand der Verzweiflung« und hätten kapituliert.

Die größte Bedrohung für Israel seien nicht die Palästinenser, glaubt Auster, sondern die Israelis selbst. »Angst macht sie zu Egomanen und führt dazu, dass sie sich vom Rest der Welt abschotten.« Weder Ein- noch Zweistaatenlösung scheinen taugliche Konzepte, um den Konflikt zu lösen. Da gehen selbst den beiden Romanciers die Ideen aus, und die »Scherzlösung«, wie Auster seinen Vorschlag selbst nennt, muss als eine Art von Galgenhumor verstanden werden: die gesamte Bevölkerung von Israel evakuieren und in Wyoming ansiedeln. »Damit wäre die größte Bedrohung der Menschheit beseitigt, Dick Cheney wäre heimatlos, und die Israelis würden das Land im Handumdrehen zum Blühen bringen.«

Paul Auster/J.M. Coetzee: »Von hier nach da. Briefe 2008–2011«. S. Fischer, Frankfurt/Main 2014, 286 S., 14,99 €

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