Roman

Invasion der Streunenden

Roman

Invasion der Streunenden

Das neue Buch von Ron Segal macht Straßenkatzen zu heimlichen Protagonisten

von Peter Henning  26.07.2022 08:39 Uhr

Seit der Antike haben Schriftsteller sich mit Tieren befasst, wenn sie es darauf anlegten, aus der Art und Weise des Umgangs mit einem mehr oder weniger sprachlosen Gegenüber etwas Neues über den anderen zu erfahren.

Die Liste an dem Menschen zugedachten Zuschreibungen tierischer Eigenschaften von aalglatt bis kohlrabenschwarz geht wahrscheinlich auf keine Kuhhaut. Und nichts, so lässt bereits ein flüchtiger Blick auf herausgehobene deutschsprachige Romanpublikationen der vergangenen Jahre erkennen, deutet darauf hin, dass das Tier als Metapher für menschliches Verhalten so bald literarisch ausgedient haben dürfte.

In Juli Zehs Roman Unterleuten etwa entzündete sich an einer in ihrer Existenz bedrohten Vogelart eine grundsätzliche Auseinandersetzung über den Umgang der Gesellschaft mit der ihr schutzlos ausgelieferten Kreatur; in Nis-Momme Stockmanns finster-faszinierendem Dorfroman Der Fuchs mutierten herumstreunende Füchse zu Vorboten einer dem Untergang geweihten, zur apokalyptischen Endzeitzone gewordenen Zivilisation.

BERLIN Dass der 1980 in Rechovot geborene, seit 2009 in Berlin lebende israelische Autor Ron Segal in Massen nach Jerusalem streunende Katzen zu den heimlichen Protagonisten seines zweiten Romans Katzenmusik gemacht hat, ergibt sich zweifellos ebenfalls nicht von ungefähr. Schon nach wenigen Seiten nämlich kommt die Hauptfigur des Romans, der Vespa-Kurier Eli, buchstäblich auf die Katz, als er mit seinem Motorroller einen Kater anfährt, das Tier schuld- und verantwortungsbewusst verarzten lässt – und es anschließend bei sich aufnimmt.

Wie Segal es im Folgenden versteht, uns zu Zeugen der aberwitzigen Odyssee seines Protagonisten durch das eben von den Erschütterungen des Sechstagekrieges in Mitleidenschaft gezogene Jerusalem von 1967 zu machen, ist durchaus gekonnt. Denn dass dieser Autor erzählen kann, steht außer Frage: Temporeich und in großer Fülle reiht er Anekdote um Anekdote aneinander über seinen tagein, tagaus auf seiner Vespa durch die Stadt knatternden kleinen Helden, der das Gute tun will und darüber nach und nach zu einer Art Retterfigur in trauriger Gestalt mutiert.

Bis Segal die Verfassung seines bereits erkennbar erschöpften Helden nach 145 ereignisreichen Seiten wie folgt kommentiert: »Tatsächlich hätte er viel dafür gegeben, ein anderer Mensch zu sein, jemand, auf dessen Schultern nicht diese schwere Last lag und der nicht von Schuldgefühlen gequält wird.«

KOTEL So verwandelt Segal seinen kleinen, zwanghaft das Gute wollenden, nicht Nein-sagen-könnenden Antihelden peu à peu in eine Art Don-Quichotte-Figur, die sich wacker ihrem Kampf gegen Windmühlen stellt. Und so sieht man Eli mal amüsiert, mal irritiert dabei zu, wie er seine fragwürdigen Botengänge ausführt, indem er mit Wunschzetteln Heilsuchender prall gefüllte Boxen zur Kotel transportiert.

Dass er damit unwissentlich einen Falschgeldring am Laufen hält, passt ebenso ins Bild des gutmütigen Toren, der bestohlen wird, im Streit einen anderen ungewollt ins Jenseits befördert und dessen Leichnam auf einem Tierfriedhof in Jaffa verscharrt, wie manches andere auch.

Dass Segal ihn obendrein in eine Liebesgeschichte mit der Exilrussin Anna verstrickt, bei der Eli sein Katzenfutter kauft, ist dann aber des Guten doch zu viel. So zwingt er seinen mit der Last der Geschehnisse irgendwann vollkommen überforderten Helden schließlich nach 230 Seiten in die Knie – und mit ihm den Leser.

ORAN Denn so leichthändig Segal es auch über weite Strecken hin vermag, das Post-Sechstagekrieg-Jerusalem zum Schauplatz einer Katzeninvasion zu machen, dessen Stimmung bisweilen an Albert Camus’ Rattenpest-versuchtes Oran erinnert, so sehr leidet sein Buch zum Ende hin unter der Last all der als Einzelgeschichten nicht zu einem Romanganzen zusammenfindenden Episoden. Denn vieles wirkt weniger der inneren Logik der Ereignisse geschuldet als bloß ausgedacht, was den Lesegenuss trübt. Zuletzt besteigt Eli, der nur noch wegwill, fluchtartig ein Flugzeug nach Sibirien – und der Leser klappt das Buch unbefriedigt zu.

»Das war’s, dachte Eli. Aus, vorbei! Er umklammerte die Armlehnen seines Sitzes und schloss fest die Augen.« Eli macht die Mücke. Okay. Ob er mit seiner Flucht die Kuh aber vom Eis geholt hat? Wir wissen es nicht. Doch wie auch immer: In der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen!

Ron Segal: »Katzenmusik«. Deutsch von Markus Lemke. Secession, Berlin 2022, 235 S., 22 €

Aufgegabelt

Korkenzieher-Gurken mit Gochujang-Dressing

Rezepte und Leckeres

 14.02.2026

Berlinale

Nachdenken über Siri Hustvedt

Die Regisseurin Sabine Lidl hat eine sehenswerte Dokumentation über die amerikanische Schriftstellerin gedreht – ein Filmtipp

von Katrin Richter  14.02.2026

Berlinale

Arundhati Roy sagt Teilnahme ab

Als Begründung nannte sie die aus ihrer Sicht »unerhörten Aussagen« von Mitgliedern der Jury zum Gaza-Krieg

 14.02.2026

NS-Raubkunst

Wolfram Weimer kündigt Restitutionsgesetz an

»Eine Frage der Moral«: Der Kulturstaatsminister stimmt einem unter anderem vom Zentralrat der Juden geforderten Gesetz zu

 14.02.2026

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte der Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026