Berlin

Interreligiös dichten

»As‐sal? mu? alaikum, hallo, shalom, grüß Gott, wasauchimmer!« Schon bei der Begrüßung wird klar, dass »i,Slam-we,Slam« keine öde Pseudo‐Ökumene bietet. 300 junge Gläubige – Moslems, Christen, Juden und Baha’i – haben sich am Samstagabend in der Urania Berlin getroffen, um den deutschlandweit ersten interreligiösen Dichtkunst‐Wettstreit zu sehen.

»we,Slam« ist ein Ableger von »i,Slam« (ausgesprochen wie ein Apple‐Produkt), einem Poetry Slam für muslimische Jugendliche. Die Idee, die Zielgruppe zu erweitern, kam den beiden Organisatoren Younes Al‐Amayra und Youssef Adlah schon früh. Nach vielen Monaten Arbeit und Unterstützung der interreligiösen Initiative »JUGA – jung, gläubig, aktiv« war es dann so weit: Acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer – je zwei pro Religion – traten im Slam gegeneinander an.

Dabei gibt es nur wenige Regeln – »die fünf Säulen des i,Slam«: Respekt, kein Diebstahl, keine Requisiten, Einhalten des Zeitlimits und vor allem keine Angriffe auf Personen oder andere Religionen. Das Publikum entscheidet über den Sieger.

Gags Dabei waren die Texte weit entfernt von Kirchentagskitsch: So erzählt der erfahrene Slammer Mohammet Ali Bas von einem jungen Mann, der abwechselnd Moslem, Jude und Christ ist und deswegen natürlich »Hussein Goldkreuz« heißt. Auch in den anderen Beiträgen geht es um große Themen: Glauben, Politik, Sinnsuche, Alltag, mal ernsthaft, mal mit Gags garniert. Daniel aus der jüdischen Gruppe berichtet in seinem Text »Wodka, Brezel, Hummus« von seiner Dreigespaltenheit: als Jude in Deutschland mit tiefen Verbindungen zu Russland und Israel. Der Schüler des Jüdischen Gymnasiums in Berlin war mit seinen gerade einmal 16 Jahren der jüngste Teilnehmer und landete trotzdem im Finale.

Doch nicht nur Jugendliche gingen auf die Bühne, auch Geistliche der vier teilnehmenden Religionen traten gegeneinander an. Dr. Ali Özgur Özdil, der »Online‐Imam«, las einen Text über muslimische Traumfrauen und -männer vor, gespickt mit Insiderwitzen. So erntet die Feststellung, dass 50 Prozent aller Heiratsanwärter auf Online‐Kontaktbörsen für Moslems Marokkaner sind, viele Lacher und Applaus.

gmbh Der Auftritt des bühnengeübten Rabbiners Walter Rothschild war vielleicht das Highlight des Abends. Mit Gags über Beschneidungen, Ejakulation und das Judentum als GmbH – »Glauben mit beschränkter Hoffnung« – wurde er schnell zum Rabbi der Herzen im Saal.

Der Siegerbeitrag des Abends von der muslimischen Studentin Faten betonte dann noch einmal die Bedeutung dieses einen Fleckchens Erde, das im Lauf des Abends oft nur am Rande vorkam, für alle vier anwesenden Glaubensgemeinschaften. »we,Slam« war also etwas ganz Besonderes: Dichtkunst als Brücke, und das ganz ohne leere »Aufeinander zugehen, miteinander lernen«-Phrasen. Der Organisator Younes Al‐Amayra hat die Hoffnung, die Veranstaltung zum jährlichen Event zu machen.

USA

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