Redezeit

»Interessante Entwicklungen«

Frau Gromes, Ihr Dokumentarfilm »Jüdisch für Anfänger« feierte am Sonntag auf dem Münchner DOK.fest Deutschlandpremiere. Worum geht es?
Taglit-Birthright Israel bietet allen jungen Juden weltweit die Möglichkeit, das Land zehn Tage lang kostenlos zu bereisen und kennenzulernen. Ich wollte herausfinden, wie sich eine solche Reise auf junge Menschen auswirkt, die noch nie zuvor in Israel waren.

Sie begleiten zwei junge Männer und eine Frau. Wie hat sich die Gruppe auf diese Reise vorbereitet?
Es gab im strengen Sinne für die Teilnehmer keine Treffen vorher. Jeder, der mit Taglit, der Organisation, die diese Reisen organisiert, fährt, muss einen Fragebogen ausfüllen und seine Motivation erklären. Also: Warum möchte ich mitfahren? Welche Verbindung habe ich zum Judentum? Danach werden die Bewerber auch noch angerufen und am Telefon befragt.

Wer genau sind Alexandra, Yaniv und Roman?
Yaniv ist zwar in Tel Aviv geboren, aber in München religiös aufgewachsen. Alexandra hat einen jüdischen Vater, und Roman ist in der ehemaligen Sowjetunion geboren und mit 13 Jahren nach Deutschland gekommen.

Mit welchen Erwartungen sind die drei nach Israel gefahren?
Roman wollte sich überraschen lassen. Bislang hatte er keine wirklichen Berührungspunkte mit dem Judentum. Seine Familie feierte Weihnachten. Das Besondere für uns war, dass wir mit Taglit am 24. Dezember losgeflogen sind. Er war daher eher traurig, dass er das Fest verpassen würde. Alexandra hatte mit ihrem jüdischen Vater, der aus den USA kommt, viele Diskussionen über Israel, die Politik und das Leben dort. Sie wollte einfach mal selbst erfahren, wie es ist, im Land zu sein.

Wie war der erste Eindruck?
Unsere erste Station war der Kinneret, und die Reaktion hatte weniger mit Israel als mit der Gruppe zu tun. Alle saßen zusammen, haben sich einander vorgestellt, und zuerst wurde hauptsächlich organisiert: Wann gibt es Frühstück? Wer schläft wo et cetera?

Die Gruppe war zehn Tage lang unterwegs. Wie haben sich die Jugendlichen über diesen Zeitraum entwickelt?
Yaniv war eigentlich nur froh, dass er mit der Kippa offen auf der Straße herumlaufen konnte – etwas, dass er sich in Deutschland nicht traut. Roman hingegen hat diese Reise sehr mitgenommen. Er war zum Beispiel äußerst ergriffen, als er zum ersten Mal an die Kotel ging. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Als er dann da stand, sagte er, er wisse nun, wofür seine Vorfahren gekämpft hatten. Alexandra ist sehr analytisch an die Reise herangegangen und hat alle Begegnungen und Situationen hinterher noch einmal durchdacht. Sie war ausgesprochen skeptisch, ist jetzt aber beispielsweise für ein halbes Jahr in Israel.

Und die anderen beiden – was machen die?
Roman geht davon aus, dass er irgendwann in Israel leben muss, weil es für ihn in Europa zu gefährlich wird. Yaniv ist es eigentlich egal, wo er wohnt.

Was war für Sie als Filmemacherin am Spannendsten?
Die Entwicklung. Anfangs war alles sehr lustig: T-Shirts wurden verteilt, die Stimmung war gut. Mit der Zeit trat eine gewisse Erschöpfung ein. Die Jugendlichen hatten viele Eindrücke zu verarbeiten, und oftmals blieb gar keine Zeit dafür. Unsere Reise führte uns ja an viele Plätze: Yad Vashem, das Grab von Ben Gurion, Jerusalem, Totes Meer – Zeit zum Ausruhen gab es selten.

Mit der Regisseurin sprach Katrin Richter.

Stefanie Gromes wurde 1981 in Berlin geboren und studierte ab 2000 Regie im Bereich »Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik«an der HFF München. Es folgt ein Masterstudium der Nahostgeschichte an der Tel Aviv University. In Israel arbeitete sie unter anderem frei beim internationalen »CoPro Documentary market«, als Assistentin und Übersetzerin bei deutsch-israelischen Dokumentarfilmproduktionen. Seit 2012 ist sie freie Mitarbeiterin in der Redaktion »7Tage« beim NDR Fernsehen, Programmbereich Dokumentation und Reportage. Stefanie Gromes lebt in Hamburg.

Venedig

Israelischer Künstler Belu-Simion Fainaru: »Diskriminierung offenbar beendet«

Nach Ausschluss Israels und Russlands von der Preisvergabe: Jury der Kunstbiennale tritt geschlossen zurück

von Ayala Goldmann  30.04.2026

Püttlingen

Bob Dylan als Maler: Ausstellung im Saarland rückt unbekannte Seite in den Fokus

Der jüdische Sänger und Songwriter kann auch malen. Eine Ausstellung seiner »Drawn Blank Series« belegt dies

 30.04.2026

New York

Buch über Hersh Goldberg-Polin auf Platz eins der Bestsellerliste

Rachel Goldberg-Polin, die Mutter, schildert vor allem die Zeit nach der Beisetzung ihres Sohnes Ende August 2024 und beschreibt das Leben ihrer Familie in einer Welt »davor« und »danach«

 30.04.2026

Aufgegabelt

Kabeljau mit Tahini

Unser Rezept der Woche

von Katrin Richter  30.04.2026

Lesen

Das Gefühl des Kontrollverlusts

Der Amerikanist Michael Butter setzt sich erneut mit dem Begriff der Verschwörungstheorie auseinander, versäumt aber etwas

von Till Schmidt  30.04.2026

Glosse

Tipps und Tricks für Judenhasser

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Eine Handreichung

von Daniel Neumann  30.04.2026

Kino

Miranda ist zurück

20 Jahre nach dem großen Erfolg von »Der Teufel trägt Prada« geht es weiter. Und das Ticket lohnt sich sogar

von Sophie Albers Ben Chamo  30.04.2026

Kulturkolumne

Wer braucht schon Kontakte ins Weiße Haus?

Unser Autor hat das nicht nötig – dank seiner Belarus-Connection

von Eugen El  30.04.2026

Medien

Springer-Chef Döpfner nimmt »Politico«-Redaktion in die Pflicht

Niemand sollte für Axel Springer arbeiten, wenn er Israels Existenzrecht anzweifelt, stellt Mathias Döpfner nach Kritik aus der »Politico«-Redaktion klar

 29.04.2026 Aktualisiert