Sehen!

Integrationskampf im Hochhaus

Ioana Iacob als Sicherheitsfrau Anna Foto: PR

Wenn das mal kein spezieller Wohnungsbesichtigungstermin ist. Gerade noch hetzt die Familie, Vater, Mutter, Kind, begleitet von dem verstörenden choralen Musikstück durch die Landschaft und dann das: Sicherheitsfrau Anna (Ioana Iacob) scannt die Familie mit dem Metalldetektor ab, fragt, ob sie jemals wegen »unsozialem, unmoralischem oder unüberlegtem« Handeln – ein Mantra des Films – aus einer Hausgemeinschaft ausgeschlossen wurde, bevor es in die Wohnung der Hochhausgemeinschaft St. Phöbus geht.

Ein scheinbar utopischer Ort für die Familie. »Sind sie Mutter? Dann wissen sie doch wie es ist, da draußen ein Kind aufzuziehen«, bettelt die Mutter. Der Vater fleht auf Knien um die Wohnung, man trinke nur zu besonderen Anlässen und dann aus ganz kleinen Gläsern und beim Sex seien sie ganz still und dezent.

GEGENRAUM Gleich in den ersten Einstellungen ihres Debüts Wir könnten genauso gut tot sein etabliert die 1989 in Sankt Petersburg geborene und an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf ausgebildete Regisseurin Natalia Sinelnikova einen leicht verschobenen Gegenraum, der an die »Greek Weird Wave«, speziell an Yorgos Lanthimos’ Dogtooth, denken lässt. Ihr Film ist, wenn auch nicht so radikal wie bei ihrem griechischen Kollegen, formal eigensinnig: der Soundtrack so irritierend wie die teils weitwinkligen, suchenden, die Paranoia visualisierenden Kameraperspektiven.

Sinelnikova erzählt aus der Perspektive der polnisch-jüdischen Sicherheitsfrau Anna von einer sich vor einer nicht näher definierten Bedrohung von außen abschottenden Gated Community. Anna lebt mit ihrer Tochter zusammen, die das Badezimmer nicht verlässt, weil sie meint, den bösen Blick zu haben.

STASI-GELASSENHEIT Im Haus herrscht eine Stasi-Gelassenheit. Man feiert verstohlen dreinblickend auf einer Party zum Song der Hausband, »We’re save in here« heißt es dort, und beäugt die Nachbarn skeptisch. Hauspoet Wolfram (Moritz Jahn) wird nur geduldet, darf im Keller hausen und seine Lyrik im Aufzug feilbieten, mehr nicht. Und wer sich (auch vermeintlich) falsch verhält, wird sanktioniert. Alles für das größte Grundbedürfnis: die Sicherheit.

Als Gertis (Jörg Schüttauf) Hund verschwindet, dreht die Angst- und Verschwörungtheorie-Spirale komplett frei, inklusive einer mit Golfschlägern bewaffneten Bürgerwehr. »Vorsichtshalber müssen wir davon ausgehen, dass wir hier alle in Gefahr sind.« Zwischen Sozialsatire, Thriller und absurdem Drama entwirft Sinelnikova, die das Drehbuch gemeinsam mit Viktor Gallandi geschrieben hat, eine giftige Gesellschaftsparabel.

BERLINALE Ob Wir könnten genauso gut tot sein ein Film über die Auswirkungen der Pandemie ist oder eine Parabel über die Festung Europa, tut nicht wirklich was zur Sache. Es geht um etwas Universelles, um die »Macht der Angst«, wie es die Regisseurin im Interview mit dieser Zeitung zur Weltpremiere in der Sektion Perspektive Deutsches Kino bei der diesjährigen Berlinale genannt hat.

Dass damit auch die Angst vor dem vermeintlich kulturell Fremdem gemeint ist, erfährt Anna am eigenen Leib. Die Sicherheitsfrau, die ihrer Tochter einmal das jiddische Wiegenlied »Shlof mayn feygele« singt, verliert auch wegen ihrer Herkunft, ihrer »Kultur und Sprache«, wie es die Matriarchin der Gemeinschaft sagt, das Vertrauen. Im Integrationskampf ihrer Hauptfigur verarbeitet die selbst in Hochhäusern ausgewachsene Sinelnikova eigene Migrationserfahrungen. Diese Erfahrungen hat sie in einen nachhallenden, bitterbösen kinematografischen Spiegel gegossen, der sie auf das deutsche Filmparkett katapultiert.

Der Film ist ab dem 29. September im Kino zu sehen.

Burkhard C. Kosminski

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