Sehen!

Innenansichten

Die meisten von uns schauen auf die Welt der Charedim von außen – fasziniert, manchmal belustigt, oft auch befremdet. Der israelische Fotograf Benyamin Reich blickt von innen. Der 36-Jährige stammt selbst aus dem ultraorthodoxen Milieu. In Bnei Brak als Sohn eines Rabbiners geboren, lernte Reich an einer Jeschiwa, bevor er sich von der Tradition seiner Familie loslöste und der säkularen Welt verschrieb. Statt mit Talmud und Tora befasste er sich mit Kunst, studierte an der Bezalel-Akademie in Jerusalem und an der École des Beaux Arts in Paris. Ein Motiv für diesen Wechsel war seine Liebe zu Männern, eine in der charedischen Welt nicht vorgesehene Lebensperspektive.

liebevoll Doch einen Bruch mit dem Milieu seiner Kindheit und Jugend bedeutete das alles für den Künstler, der heute in Berlin lebt, nicht. Sein Vater, der fromme Rabbiner, förderte seine künstlerischen Ambitionen. Und so strahlen die Aufnahmen vom ultraorthodoxen Leben, die Reich zurzeit im Kunstverein Worms im Rahmen der dortigen Nibelungenfestspiele ausstellt, keine Bitterkeit oder eiferndes Renegatentum aus. Im Gegenteil: Es sind liebevolle Dokumente aus einer Welt, deren Bewohner, auch wenn sie den meisten Betrachtern, viele Juden eingeschlossen, exotisch erscheinen mögen, sich auf den Fotos als ganz gewöhnliche Menschen zeigen, die mit ihren Kindern im Park picknicken, Schwimmen gehen, Mittagsschlaf halten oder sich auch mal am Hintern kratzen. Das alles ohne eine Spur von Voyeurismus. Benyamin Reichs Bilder sollten in Jerusalem und Tel Aviv in Dauerausstellungen zu sehen sein: Sie könnten für Entspannung im israelischen »Kulturkampf« sorgen. mjw

Benyamin Reich: »Jud Süß«. Kunstverein Worms, bis 2. September

www.kunstverein-worms.de

Meinung

Die Juden waren’s!

Claudia Roth und die jüdische Lobby: Eine kleine Chronik der Unschuld

von Andreas Büttner  06.11.2026

Nachruf

Eine Welt voller Wärme

Die jüdische Kinderbuchautorin Myriam Halberstam nimmt Abschied von Janosch, dem Vater von Tiger, Bär und Tigerente

von Myriam Halberstam  06.11.2026

Fernsehen

Biedere Bürgerlichkeit und organisierter Massenmord

Das ZDF zeigt den Oscar-prämierten Spielfilm »The Zone of Interest« über den KZ-Kommandanten Rudolf Höß, der mit seiner Familie unmittelbar neben dem Vernichtungslager Auschwitz lebte

von Josef Lederle  06.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  06.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  06.11.2026

Hintergrund

Claudia Roth und der »unfassbare Druck vom Zentralrat«

Die Ex-Kulturstaatsministerin bezeichnet es als »totalen Fehler«, auf der Berlinale Regisseure wegen ihrer israelfeindlichen Aussagen kritisiert zu haben und sucht dafür die Schuld beim Zentralrat der Juden

von Michael Thaidigsmann  05.11.2026

Interview

»Ich bin von Natur aus kein glücklicher Mensch«

Die Schriftstellerin Nele Pollatschek verrät im Gespräch zu ihrem neuen Buch, wie sie gelernt hat, das Leben bewusster und positiver wahrzunehmen – ohne die Augen vor dem Leid der Welt zu verschließen

von Katrin Richter  05.11.2026

Kulturkolumnne

Bis 120 oder Wie wir doch noch zu Muskeljuden werden

In der heutigen Zeit ziehen körperliche Optimierungstrends nicht spurlos an uns vorbei. Sollen wir uns davon beherrschen lassen?

von Laura Cazés  05.11.2026

Kino

Im Angesicht der Schmerzen, der Angst und Scham

»Block 10« beleuchtet die medizinischen Experimente an Frauen in Auschwitz – und versteht sich auch als eine Antwort auf die Gegenwart

von Chris Schinke  05.11.2026