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Waren Sie schon im »Clubhouse«? Die neue iPhone-App, nur auf Einladung, lässt sich ihre vermeintliche Exklusivität mit Kontaktdaten bezahlen. Doch wer möchte nicht Teil eines exklusiven Klubs sein? Der Reiz ist so verständlich wie kalkuliert. Seit Kurzem ist der Hype aus den USA im deutschsprachigen Raum angekommen und lässt Vorträge ohne Bild halten, hören und diskutieren.

Auch Digitalstaatsministerin Dorothee Bär zeigt sich begeistert von den Live-Audio-Gesprächen und führt den Erfolg der App auf die Pandemie zurück. Die Menschen sehnten sich »in Zeiten des Lockdowns besonders stark nach Austausch und Geselligkeit«. Die CSU-Politikerin meint, es werde fälschlicherweise immer von »social distancing« im Lockdown gesprochen, dabei gehe es ja vielmehr um »physical distancing«. Ist das so?

distanz Menschen sind verschieden, sie empfinden Distanz unterschiedlich: Die einen brauchen die körperliche, physische Nähe von Menschen wie die Luft zum Atmen und leiden unter der Abstinenz, andere wiederum genießen diese Zeit ohne soziale Verpflichtungen. Diese Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Bedürfnisse wird in unserer Gesellschaft gern vergessen.

Gesehen wird, wer laut ist. Ungesehen bleiben hingegen die Menschen, deren Leben immer in einem Lockdown stattfinden muss. Für die das, was wir jetzt temporär erleben, Alltag ist: die zum Beispiel mit Immunproblemen, körperlichen Beeinträchtigungen, anderen Problemen kämpfen, die sie davon abhalten, Teil einer physischen Gemeinschaft zu sein.

Wir sind soziale Wesen. Auch in unserer »superindividualisierten« Gesellschaft haben fast alle ein Bedürfnis nach Gemeinschaft.

Wir sind soziale Wesen. Auch in unserer »superindividualisierten« Gesellschaft haben fast alle ein Bedürfnis nach Gemeinschaft. Und da sind beispielsweise WhatsApp, Facetime, Zoom und jetzt das neue »Clubhouse« Möglichkeiten, in der Pandemie Distanz zu überwinden. Bevor Gott eine Krankheit in die Welt schickt, sorgt er vorher schon für die Heilung, heißt es. Was wären wir jetzt ohne die digitalen Möglichkeiten?

videokonferenzen Blicken wir auf das vergangene Jahr: Pessach im Lockdown. Kein großer Tisch, keine Freunde und Familie darum. Fast selbstverständlich fanden die Gemeinden weltweit Möglichkeiten für einen Seder, ohne physisch zusammen zu sein. Auch die Gemeinden in Deutschland entdeckten und nutzten von Beginn an Videokonferenzen, Chatgroups und Livestreaming – manche selbst am Schabbat.

Eine Welle der ungeahnten Kreativität und ein Abbau der Scheu vor Technik fand ihren Weg und begeisterte nicht nur mich. Vermutlich gab es nach der Schoa nicht so viel öffentlich sichtbares Judentum in Deutschland wie in den vergangenen Monaten. Wurde schon gezählt, wie viel Zuwachs es an »jüdischen« Social-Media-Konten im vergangenen Jahr gab? Es fühlt sich wie ein beträchtlicher Anstieg an.

Die Technik, die wir verfluchen, kann ein Segen sein.

Kabbalat Schabbat, Hawdala und Schiu­rim finden regelmäßig online statt und ermöglichen so eine Teilnahme an jüdischem Leben und jüdischer Gemeinschaft, ohne das Haus zu verlassen – nicht nur für uns kurzzeitig wohnungsgebundene Menschen, sondern eben auch für jene, deren Normalität wie unsere Ausnahme aussieht. Vor nur 20 Jahren war es deutlich schwieriger, ein Gefühl von Gemeinschaft zu schaffen, ohne das Haus dafür nutzen zu dürfen. Welche Leistung der Gemeinden derzeit dahintersteckt, kann man nur erahnen.

feiertage Wir haben in den vergangenen Monaten viele Feiertage erlebt, die anders sein mussten, und dennoch haben wir Wege gefunden, sie würdig zu feiern. Manch einer war so überhaupt erst wieder innerhalb des jüdisch religiösen Lebens und hat etwas gefunden, was er womöglich vorher nicht einmal zu vermissen glaubte. Manchmal hilft es, in einer anderen Gemeinde vorbeizuschauen. Nie war es so einfach wie derzeit. Synagogenhopping ohne Reise.

In dieser Woche, in der wir Tu Bischwat, das Neujahrsfest der Bäume, feiern, ist es nicht anders. Das gilt auch für Purim und Pessach. Wieder wird der Tisch klein sein, unsere Hamantaschen schicken wir doch per Post an liebe Menschen und halten den Seder wieder vor einer Kamera, inzwischen haben wir schließlich so etwas wie Übung.

Mein Gefühl ist, dass wir durch diese Pandemie auch ein Geschenk erhalten haben, das Geschenk zu wissen, dass wir nicht allein sind, dass die Technik, die wir auch verfluchen, ein Segen sein kann. Da sind Menschen, die Fremde waren, Nachbarn, die ihre Hilfe anbieten und auch mal nach einem sehen und fragen, wie es geht. Manchmal sind da auch die Menschen, zu denen jahrelang kein Kontakt bestand und die nun wieder da sind. Wäre das ohne Pandemie möglich gewesen? Vielleicht, vermutlich aber nicht.

pragmatismus Ich selbst bin dankbar für die Fülle an Möglichkeiten, die niemanden ausschließen, solange er ein sogenanntes Endgerät besitzt. Vor allem begeistert bin ich, dass die jüdische Gemeinschaft pragmatisch mit dieser Pandemie umgeht.

Die Dinge sind, wie sie sind, machen wir das Beste daraus und lassen uns auf Neues ein.

Die Dinge sind, wie sie sind, machen wir das Beste daraus und lassen uns auf Neues ein. Ich hoffe, dass es gelingt, die digitalen Möglichkeiten beizubehalten und so künftig die einzubinden, die nicht vor Ort sein können. Ich kann nur dazu ermutigen.

Was »Clubhouse« betrifft, auch dieser Hype wird vorbeigehen. Eine andere App wird kommen, und das digitale Volk wird weiterpilgern. Aber die Sehnsucht nach Nähe und Gemeinschaft, auch wenn diese pandemiebedingt derzeit nur digital im »physical distancing« zu realisieren sind, die bleibt.

Die Autorin betreibt den Blog »irgendwiejuedisch.com«.

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