Essay

Immer der Nase nach

Nie operiert: Barbra Streisand hat trotz – oder vielleicht gerade wegen– ihrer Nase Show-Karriere gemacht. Foto: imago

Gibt es nichts Wichtigeres als über die jüdische Nase nachzudenken? Haben wir keine anderen Probleme? Man wird sehen: Nein. Im Vorjahr – so beginnen statistische Berichte, Märchen fangen anders an – im Vorjahr wurden in Amerika 244.000 irgendwie jüdisch aussehende Nasen chirurgisch verkürzt oder begradigt oder beides. Es sollen 145.000 weniger gewesen sein als noch im Jahr 2000, da waren es sogar 389.000. Ob das, was an den jüdisch aussehenden Nasen dranhing, auch jüdisch war, verschweigt die Statistik der amerikanischen Gesellschaft für plastische Chirurgie politisch korrekt. Wir können es uns denken.

schönheits-op Hier ist nicht die Rede von Unglücksmenschen mit erdrückenden Nasenmissbildungen. Wir sprechen von meist noch sehr jungen Juden, Dreiviertel davon junge Mädchen, die als Grund für die Operation angaben, hübscher aussehen zu wollen. Hübscher? Hübscher als Barbra Streisand? Ist sie etwa kein Weltstar, von einem Millionenpublikum geliebt mit ihrer jüdischen Nase, ihrem jüdischen Silberblick, ihrer jüdischen Chuzpe und ihrem jüdischen Schmonzes?

Seit vier, fünf Jahrzehnten werden in den USA jüdische Töchter aus betuchten Familien zwischen ihrer Batmizwa und der noch immer natürlich nur wegen der Nase ausstehenden Hochzeit von der Mamme zum Chirurgen geschleppt, wenn sie nicht, infiltriert von kosmetischer Propaganda, selbst darum bitten. Die junge Jüdin lässt sich operieren. Die Nase ist begradigt und um ein paar Millimeter kürzer. Das Bankkonto des Vaters ist um einige Tausend Dollar minimiert. Das Geld hat jetzt Professor Noseman, denn den sogenannten Nose-Job – der Begriff stammt von der Comic-Zeichnerin Aline Kominsky-Crumb – macht selbstverständlich ein jüdischer Nasenkünstler. Welche Mamme würde ihr Goldkind einem gojischen Messer ausliefern?

Die amerikanisch-jüdische Tochter wird nicht wissen, wie weit ihre beschnittene Nase zurückreicht. Bis nach Europa und bis in eine Zeit vor der Schoa. In den 20er-Jahren praktizierte in Berlin ein gewisser Dr. Joseph, genannt »der Nasenjoseph«, bei dem sich die deutsche Jüdin unters Messer begab und seine Praxis mit einer begradigt verkürzten und womöglich an der Spitze sogar angehobenen »Vivat-Nase« verließ.

Die amerikanische Filmemacherin Gail Kirschenbaum drehte 2007 einen Kurzfilm darüber, wie sie als 15-Jährige von ihrer Mutter zum Chirurgen gebracht wurde, in dessen Sprechzimmer sie seine Nasenkollektion präsentiert bekam. Die Auswahl wird nicht sonderlich groß gewesen sein: amerikanisch kurz. Gail Kirschenbaum verweigerte damals den Eingriff in ihr jüdisches Aussehen gegen den Trend: Die Jahrbücher amerikanischer Highschools und Colleges vor 40, 50 Jahren sind, erzählt Kirschenbaum, fotografische Belege vieler Vorher-Nachher-Nasen.

mischmasch Was ist da alles abgeschnitten worden bei amerikanischen Juden obenrum – und wir haben damals danach gesucht in Deutschland. Uns Töchtern wurde gesagt, wir sollten uns nach dem Naseputzen mindestens dreimal mit Daumen und Zeigefinger die Nase hinunterstreichen.»Damit ihr eure jüdische Nase nicht verunstaltet zu einer Kartoffelnase mit Steckkontakt, wie die Gojim sie haben.« Meine Mutter hatte eine direkte Art, ihre Meinung zu sagen. Sie behauptete, viele amerikanische Juden, zumal die Orthodoxen, hätten kurze, dicke Nasen, was sie verdächtig fand, verdächtig unjüdisch, außerdem hätten sie schmale Lippen, und Jiddisch könnten amerikanische Juden sowieso nur mit Akzent sprechen.

Vorm Spiegel stellte meine ältere Schwester fest, dass ihre Nase von rechts jüdischer aussah als von links. Bei mir, fand sie, sei es genau umgekehrt. Wir schoben unsere Mischmaschnasen auf unseren gojischen Vater, dessen Nase aufs Haar der von Woody Allen glich, aber das wurde mir erst Jahre später klar. Meine Schwester fand ihre Nase nicht jüdisch genug und überlegte, sie sich operieren zu lassen.

Aber konnte man zu einem deutschen Chirurgen gehen und ihn um eine jüdische Nase bitten? »Was wird er von uns denken, nach alledem«, sagte meine Schwester, »und sowieso hat unser Vater nie Geld.« Behauptete man als jüdischer Mensch in Deutschland damals, jemand sehe typisch jüdisch aus, wurde man nicht von Juden – die gab es ja kaum mehr – sondern von Deutschen streng zurechtgewiesen: das sei rassistisches Denken. So hässlich fanden die uns also?

Ich war 14, 15 und sah den Leuten in der Straßenbahn nicht ins Gesicht, sondern auf die Nase. Um den Blick von Augen und Mund abzuziehen, brauchte es Konzentration, ja, Überwindung, und es stellte sich das Gefühl ein, etwas Unanständiges zu tun. Ich war in der Pubertät, dem Alter, in dem an einer Tochter einiges wächst. Nicht nur die Nase, auch der Busen. Sie bekommt Schamhaare, und darunter regt sich sexuelles Begehren. Die Klitoris wurde zu Sigmund Freuds Lebzeiten im Wiener Volksmund »Jud« genannt. Ein masturbierendes Mädchen »spielte mit dem Jud«, spottete man damals in christlichen Kreisen.

vergrösserung Was aber könnte nun dazu geführt haben, dass im vergangenen Jahr 145.000 amerikanisch-jüdische Nasen verschont blieben, dass seit 2001, 2002 stetig weniger chirurgische Eingriffe dieser Art gemacht werden? Die Lehman-Pleite? Weniger Geld, mehr Dalles? Gail Kirschenbaum glaubt an zunehmende Toleranz fremden Minderheitsnasen gegenüber, wovon automatisch die jüdische profitiert haben könnte. Gegen mehr Toleranz spricht allerdings die Nachricht, dass unter Chinesen in Amerika die chirurgisch gebastelte Nasenverlängerung zugenommen hat. Ob dabei jüdisches Nasenmaterial Verwendung findet, ist nicht bekannt.

Und wie, wenn wir es der Muslimbruderschaft zu verdanken hätten? Seitdem diese Brüder ihre semitische Nase in die westliche Welt stecken, scheint in den Augen der Knollennasen der jüdische Makel von ihr genommen zu sein. Sie ist zu einer Nase geworden, um die niemand mehr herumkommt, die niemand zu verspotten wagt. Jede Muslima-Nase, noch hervorgehoben durch das darüber gespannte Kopftuch, trägt dazu bei. Achtung! Sobald man ihrer ansichtig wird. Und das hätte dann endlich einmal auch für uns Juden sein Gutes.

Von Viola Roggenkamp ist zuletzt 2011 der Roman »Tochter und Vater« erschienen. (S. Fischer, Frankfurt/M., 272 S., 18,95 €)

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