Nahost

Im Schatten der Scharia

Im Islam nicht als Minderheit anerkannt: jesidische Flüchtlingsfrau Foto: Huseyin Bagis

Eine Nahost-Konferenz ohne Nahostkonflikt? Zum Thema »Wohin treibt der Nahe Osten?« diskutierten Anfang dieser Woche in Berlin Historiker, Sozial- und Religionswissenschaftler aus dem Nahen Osten und Europa über »Ethno-religiöse Minderheiten zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung«. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern blieb dabei außen vor.

Arabischer Frühling Zu Recht, meinte Shlomo Avineri. Der Politikwissenschaftler von der Hebräischen Universität Jerusalem führt die aktuelle Lage in der Region vor allem auf den »Arabischen Frühling« zurück. Der habe »nicht die erhoffte Demokratie nach westlichem Muster gebracht, sondern zum Zerfall staatlicher Ordnung geführt«, so der Israeli in seinem Eröffnungsvortrag am Sonntagabend.

Auch die Veranstalter, das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam, das Orient Institut Beirut und das Lepsiushaus Potsdam, legten den Fokus auf die innerarabische Entwicklung vor und nach dem »Arabischen Frühling«. Die zahlreichen ethno-religiösen Minderheiten in der Region seien eine »seismografische Komponente« dieser Entwicklung. »In einem Machtvakuum mit hoher manifester und latenter Gewalt wird ethnische und kulturelle Diversität kaum noch als Chance begriffen, sondern eher als Störfaktor und Sicherheitsrisiko«, so Rolf Hosfeld vom Lepsiushaus, das sich mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts befasst, insbesondere mit dem Völkermord an den Armeniern.

Wie gehen Minderheiten – orthodoxe Christen, Armenier, Kurden, Kopten, Jesiden oder Drusen – mit der für sie bedrohlichen aktuellen Situation um? Welcher Handlungsspielraum bleibt ihnen überhaupt? Und wo liegt noch Potenzial für ein Miteinander?

Dhimma Die Brüsseler Rechtswissenschaftlerin Hamdam Nadafi wies auf das islamische »Dhimma«-Konzept aus der osmanischen Rechtstradition hin, das Duldung, Schutz und gesellschaftliche Stellung anderer Religionsgemeinschaften regelt und bis heute Bestandteil der Verfassungen von Staaten wie Marokko und Tunesien ist, allerdings nicht Minderheiten umfasst, die der Islam nicht anerkennt, wie die Jesiden. Doch auch vom Islam als »Religion des Buches« akzeptierte christliche Minoritäten würden zunehmend im Spannungsfeld internationaler Interessenkonflikte und religiös aufgeladener Machtkämpfe zerrieben, etwa die ägyptischen Kopten. Laut Thomas Scheffler vom Orient Institut Beirut hatten sie dem »Arabischen Frühling« von Anfang an skeptisch gegenübergestanden – aus gutem Grund.

Anders die Situation der Kurden im Nordirak, unterstrich Türkei-Experte Günter Seufert: Mittlerweile seien wirtschaftliche, gesellschaftliche und innenpolitische Voraussetzungen für einen unabhängigen Kurdenstaat gegeben.

feuer und schwert »Die Staatensysteme, die Frankreich und Großbritannien nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches stifteten, übersahen eines: Geschichte, Geografie, Demografie, Religion und Ethnizitäten der Region«, so Shlomo Avineri. Diese Staaten seien nach der Entkolonialisierung nur durch autokratische Republiken aufrechterhalten worden, die kein Interesse daran hatten, die demokratische »Büchse der Pandora« zu öffnen.

Zudem begünstigten schwache Zivilgesellschaften Extreme: entweder Militärdiktatur oder islamistische Herrschaft. Dazwischen sei wenig Luft für demokratische Umgestaltung, Meinungsfreiheit und soziale Partizipation.
Und wie steht es um die Zukunftsaussichten für Minderheiten im Nahen Osten? »Es wird wahrscheinlich keine Lösung mit Verträgen und friedlichen Mitteln sein«, lautet Avineris pessimistische Prognose, »sondern eine mit Feuer und Schwert.«

Genf

Entscheidung gefällt: Israel bleibt im Eurovision Song Contest

Eine Mehrheit der 56 Mitgliedsländer in der European Broadcasting Union stellte sich am Donnerstag gegen den Ausschluss Israels. Nun wollen Länder wie Irland, Spanien und die Niederlande den Musikwettbewerb boykottieren

von Michael Thaidigsmann  04.12.2025

Medien

»Die Kritik trifft mich, entbehrt aber jeder Grundlage«

Sophie von der Tann wird heute mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis geehrt. Bislang schwieg sie zur scharfen Kritik an ihrer Arbeit. Doch jetzt antwortete die ARD-Journalistin ihren Kritikern

 04.12.2025

Antisemitismus

Schlechtes Zeugnis für deutsche Schulen

Rapper Ben Salomo schreibt über seine Erfahrungen mit judenfeindlichen Einstellungen im Bildungsbereich

von Eva M. Grünewald  04.12.2025

Literatur

Königin Esther beim Mossad

John Irvings neuer Roman dreht sich um eine Jüdin mit komplexer Geschichte

von Alexander Kluy  04.12.2025

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  04.12.2025

Show-Legende

Mr. Bojangles: Sammy Davis Jr. wäre 100 Jahre alt geworden

Er sang, tanzte, gab den Spaßmacher. Sammy Davis Jr. strebte nach Erfolg und bot dem Rassismus in den USA die Stirn. Der Mann aus Harlem gilt als eines der größten Showtalente

von Alexander Lang  04.12.2025

Preisvergabe

Charlotte Knobloch kritisiert Berichterstattung von Sophie von der Tann

Dass problematische Berichterstattung auch noch mit einem Preis ausgezeichnet werde, verschlage ihr die Sprache, sagt die Präsidentin der IKG München

 04.12.2025

Philosophie

Drang zur Tiefe

Auch 50 Jahre nach ihrem Tod entzieht sich das Denken Hannah Arendts einer klaren Einordnung

von Marcel Matthies  04.12.2025

Kulturbetrieb

»Wie lange will das politische Deutschland noch zusehen?«

Der Bundestagskulturausschuss hörte Experten zum Thema Antisemitismus an. Uneins war man sich vor allem bei der Frage, wie weit die Kunstfreiheit geht

von Michael Thaidigsmann  04.12.2025