»Yellow Bar Mitzvah«

Im Kampf mit »Ha-Satan«

Foto: picture alliance / Oliver Berg/dpa

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Rapper schreiben. Wenngleich Kulturpessimisten das anders sehen mögen: Ihr Metier ist die Lyrik. Dass Rapper zu Bestsellerautoren werden, gab es in Deutschland aber bislang noch nicht. Hip-Hop-Biografien existieren einige, aber keinem ist zuvor gelungen, was der Reimkünstler Sun Diego alias SpongeBozz geschafft hat.

Die Biografie des gerade einmal 28-jährigen Dimitri Chpakov, wie der Musiker mit bürgerlichem Namen heißt, wurde ein Überraschungserfolg. Wenige Tage nach Verkaufsstart landete das Buch mit dem Titel Yellow Bar Mitzvah. Die sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm auf Platz zwei der Spiegel-Bestsellerliste, direkt hinter der deutschen Übersetzung des Trump-
Enthüllungsbuches Feuer und Zorn.

Rap-Idol Zusammen mit seinem Co-Autor, dem WELT-Journalisten Dennis Sand, fuhr Chpakov durchs Land und sorgte für lange Schlangen. Zahlreiche junge Fans wollten ihr Rap-Idol sehen, Fotos machen, Autogramme bekommen. Mehr als 10.000 Vorbestellungen gab es am ersten Wochenende – insgesamt waren es 35.000. Bei einzelnen Autogrammstunden kamen über 5000 Menschen. Ein begeisterter Leser berichtet über das Buch im Netz: »Es ist das erste seit Jahren, das ich wieder gelesen habe, und ich bereue nix.« Wie ist das geglückt?

Zunächst ist es Chpakovs Lebensgeschichte selbst, die mitreißt. Nachdem schon seine russisch-jüdische Urgroßmutter Sofja Goldberg vor den Nazis bis nach Usbekistan floh, verließ Jahre später auch seine Mutter die Heimat. Mit drei Jahren lernte Chpakov Berlin kennen und siedelte wenig später nach Osnabrück in ein Flüchtlingsheim um. Migrationsgeschichten wie diese sind bei Rappern nicht unüblich, genauso wenig wie anfängliche kriminelle Karrieren. Darüber hinaus entwickelt Chpakov eine subtile Botschaft. Yellow Bar Mitzvah bleibt keine reine Selbstinszenierung.

Chpakovs Subgenre – der Battle-Rap – lebt von der Überzeichnung, meist weit über die Realität hinaus. Er gehört zu jenen, die diese Inszenierung auf allen Ebenen hervorragend beherrschen. Im Buch lernt der Leser aber keine Charaktermaske kennen, kein wie sonst übliches Abziehbild aus Gewalt, Drogen und Waffen, sondern ein real-schmutziges Porträt jener Welt aus den genannten Ingredienzien. Bald begreift er: Die menschlichen Abgründe des kriminellen Untergrunds sind jenen aus der vermeintlich »sauberen« Musikindustrie manchmal nicht unähnlich.

Tanach An Vermögen, dies auszudrücken, mangelt es den beiden Autoren Chpakov und Sand nachweislich nicht. Schnell wird aber deutlich, dass das Buch für Fans und nicht für Feuilletonkritiker geschrieben wurde. Ghostwriter Sand lässt den Rapper ungeschliffen in seiner Sprache erzählen. Szenebegriffe verwendet er selbstverständlich, auf überkomplexe Beschreibungen verzichtet er gänzlich.

Yellow Bar Mitzvah ist mehr als Deskription. Chapkov möchte seinen Lesern etwas mitteilen, was er geschickt unaufdringlich mit jüdischer Symbolik verbindet. Die »sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm« beschreiben sein Festhalten an der Vision, auf dem Weg zum Erfolg nicht abzustürzen, persönlich, gesundheitlich, psychisch. Seinen Kampf charakterisiert er als Kampf mit »Ha-Satan« – jener dunklen Kraft aus dem Tanach, die im Gegensatz zur christlichen Erzählung nicht das manifeste Böse ist, sondern eine göttliche Prüfung menschlicher Rechtschaffenheit. Diesen Prüfungen sieht sich Chpakov mehrfach ausgesetzt – und besteht sie nicht immer ohne Verluste.

Trotzdem werden die Autoren in Yellow Bar Mitzvah nicht zu Lehrern, obwohl ihnen offenkundig klar war, wer ihr Buch vornehmlich lesen wird. Die Kämpfe, die Chpakov darin mit sich ausmachen muss, entfalten ihre Wirkung ohne Zeigefinger. In diesem Sinne kann nur zu wünschen bleiben, dass noch viele junge (Neu-)Leser das Buch zur Hand nehmen, wenngleich ein Literaturpreis wohl ausbleiben wird. Den hat ein Rapper von diesem Kaliber aber ohnehin nicht nötig.

Sun Diego|Dennis Sand: »Yellow Bar Mitzvah. Die sieben Pforten vom Moloch zum Ruhm«. Riva, München 2018, 224 S., 19,99 €

Tobias Korenke

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