Roman

Im Auftrag seiner Majestät

Ein amüsant-abenteuerlicher Roman, bei dem man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Foto: PR

Roman

Im Auftrag seiner Majestät

Jakob Hein erzählt, wie ein deutsch-jüdischer Offizier 1914 für die Ausrufung des Dschihad durch den Sultan in Konstantinopel sorgte

von Oliver Pfohlmann  21.08.2018 09:29 Uhr

Lässt sich mit einem gefakten Wanderzirkus ein Weltkrieg gewinnen? Zumindest glaubte das die deutsche Heeresleitung im Ersten Weltkrieg. Ende 1914 wurde eine Handvoll deutscher Militärs und muslimischer Kriegsgefangener für ihre Reise über den Balkan nach Konstantinopel als Artisten verkleidet.

Das Ziel der streng geheimen Orientmission: durch die feierliche Freilassung der Kriegsgefangenen den Sultan des Osmanischen Reiches dazu zu bringen, den Dschihad auszurufen.Was wie eine Mischung aus Karl May, Ernst Jünger und Märchen aus 1001 Nacht klingt, geschah wirklich, bis hin zur Ausrufung des Heiligen Krieges am 11. November 1914 durch Sultan Mehmed V.

Ein neuer Roman von Jakob Hein erinnert nun an diese haarsträubende Geschichte. In Die Orient-Mission des Leutnant Stern macht der 46-jährige Berliner Psychiater und Arzt anschaulich, dass Handlungen, zumal kriegerische, immer auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen und Spätfolgen haben, wie schon der preußische Meisterstratege Carl von Clausewitz wusste. Dessen Nachfolger im deutschen Kaiserreich kümmerte diese Einsicht bekanntlich wenig, die deutsche Heeresführung zielte auf kurzfristige militärische Vorteile: ob es um den russischen Revolutionär Lenin ging, den man 1917 aus seinem Schweizer Exil zwecks Destabilisierung nach Russland beförderte – oder eben um das Zündeln am »Dschihad« durch selbst ernannte Koranexperten gleich nach Kriegsausbruch.

Kaiser Einmal entfacht, sollte der Heilige Krieg zu einer Erhebung der ganzen muslimischen Welt gegen die Entente-Mächte führen; »nur der deutsche Kaiser als seit Jahrzehnten ausgewiesener Freund aller Muslime würde unbeschadet davonkommen, der Krieg wäre vorbei«, wie Jakob Hein einen deutschen Generalstäbler tönen lässt. Womit freilich auf lange Sicht etwas in Gang gesetzt wurde, das die Welt heute mehr denn je beschäftigt.

Die Hauptfigur von Heins Roman ist Leutnant Edgar Stern (1883–1972), der Mann, der die Chuzpe hatte, die muslimischen Kriegsgefangenen aus Nordafrika, die sich den Deutschen an der Westfront ergeben hatten, für die Reise über den Balkan in Fantasiekostüme zu stecken (um selbst gleich in die Rolle des Zirkusdirektors zu schlüpfen). Wurde so doch das Exotische an ihnen unkenntlich gemacht, indem man das Orientalische überdeutlich herausstellte.

Halbmondlager Nach dem Krieg wurde dieser deutsch-jüdische Offizier mit Hang zu unkonventionellen Lösungen unter dem Namen Stern-Rubarth ein bedeutender Journalist und Publizist. Als einer der Ersten trat er für eine europäische Zollunion ein und wurde Berater Gustav Stresemanns, ehe er von den Nationalsozialisten 1936 ins Exil getrieben wurde.

Heins amüsant-abenteuerlicher Roman, bei dem man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt, erzählt aber nicht nur Sterns Geschichte, sondern den Verlauf dieser Mission, gestützt auf zahlreiche Quellen, Kapitel für Kapitel aus verschiedenen Perspektiven.

Die Sicht beteiligter deutscher Diplomaten wie Konstantin Hermann Karl Freiherr von Neurath findet sich auf den knapp 250 leicht und amüsant zu lesenden Seiten ebenso wie die der muslimischen Kriegsgefangenen: von Arabern wie Franzosen eher verächtlich behandelte Angehörige von Berber-stämmen, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Denn Heins Roman erinnert auch daran, wie einst auf Befehl des Kaisers in Wünsdorf das »Halbmondlager« für muslimische Kriegsgefangene errichtet wurde, mit einer fast schon luxuriösen Versorgung, muslimischer Lagerzeitung und der ersten Moschee auf deutschem Boden.

Jakob Hein: »Die Orient-Mission des Leutnant Stern«. Galiani, Berlin 2018, 256 S., 18 €

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