Ausstellung

Ikonen der Moderne

Rauschhaft und sinnlich, farbenfroh und opulent, vergnüglich und poetisch, dezent und wild: Die Ausstellung Kosmos Kandinsky im Potsdamer Museum Barberini ist im wahrsten Sinne des Wortes hinreißend – und genau das Gegenteil des Erwarteten.

Geometrische Abstraktionen im 20. Jahrhundert, dieser ergänzende Teil des Titels, klingt eher nüchtern; die 125 Gemälde, Skulpturen und Installationen jedoch überraschen und fordern die Betrachter heraus, ihre Perspektiven auf Formen, Farben und Linien ständig zu wechseln. Zwölf Werke Wassily Kandinskys ziehen sich als Leitmotive durch die Schau. Umgeben sind sie von Ikonen der Moderne, 70 Künstler haben sie geschaffen, und sie sollten den Blick auf das 20. Jahrhundert revolutionieren.

Inspiriert und später desillusioniert

Viele der ausgestellten Maler und Bildhauer kamen wie Kandinsky aus dem östlichen Europa, aus Russland, inspiriert und später desillusioniert von der Revolution und ihrem neuen Menschenbild. Und viele, das fällt beim Gang durch die beiden Stockwerke im Barberini auf, waren Juden. Einige Beispiele seien hier hervorgehoben. Vom bedeutenden Avantgardisten Eliezer Lissitzky stammt Proun 30, eine arhythmische, geometrische, ins Nichts verweisende Komposition.

Der Bildhauer und Fotograf Alexander Liberman hat mit roten und blauen Punkten den Impressionismus entzaubert.

Der jüdische Bildhauer des Konstruktivismus, Naum Gabo, ist mit einer faszinierenden Installation ein echtes Highlight, sie heißt Lineare Konstruktion: ein ovales Gewebe in weißem Netz, bei aller strengen Geometrie dennoch einer Blüte oder einer Vulva ähnelnd. Die Dynamik der Installation ähnelt Kandinskys Schaukeln aus dem Jahre 1925. Der Bildhauer und Fotograf Alexander Liberman hat mit roten und blauen Punkten den Impressionismus entzaubert. Blau gegenüber rot heißt sein Werk aus dem Jahre 1959.

Auch die beiden ungarischen Kunstrevolutionäre Victor Vasarely, Begründer der Op-Art, und László Moholy-Nagy, der das Bauhaus mitgeprägt hatte, erstaunen im Kosmos Kandinsky mit ihrer radikalen Abstraktion. Moholy-Nagys Komposition Z VIII ähnelt in der Formensprache Kandinskys Oben und links, beide Werke treten in der Ausstellung in einen Dialog miteinander.

Grundidee des Suprematismus in die angewandte Kunst übertragen

Sonia Delaunay-Terk, die Vertreterin der geometrischen Abstraktion, wurde als Sarah Stern im russischen Government Poltawa geboren, ihr Bild Bing von 1967 unterbricht die Form des Kreises und weist in die Unendlichkeit. Ilya Chashnik aus Lettland hat die Grundidee des Suprematismus in die angewandte Kunst übertragen. Julian Stanczak stammte aus Polen, seine »wahrnehmungsbezogene Kunst« war bis in die Siebzigerjahre populär. Zum jüdischen Kosmos um Kandinsky passt auch Miriam Shapiros Puzzle von 1969, ein geometrisches, kubistisches, zentriertes Gemälde in Gelb, Rot, Grün und Blau.

Es gehört wie Frank Stellas Entwurf No.4 für die Sacramento Mall zur Bewegung der »Hard Edge«, der »Harten Kante«: Die Werke sind schablonenhaft aufgebaut, mit scharfen Kanten und gegeneinander begrenzten Farbaufträgen. Von der Russischen Revolution bis heute: Die Weltsicht und die Arbeiten jüdischer Künstler rund um Kandinsky sind ein wichtiger Aspekt, um dessentwillen sich diese Ausstellung unbedingt lohnt, jedoch bei weitem nicht der einzige.

Wie alle Präsentationen im privat finanzierten Museum von Hasso Plattner ist auch Kosmos Kandinsky perfekt aufgebaut. Zu jeder neuen Ausstellung lässt das Team um die Direktorin Ortrud Westheider alle Wände frisch streichen, diesmal in einem warmen Anthrazitgrau. Die Farbexplosionen von Shapiro oder Stella, von Kandinsky, Mondrian oder Mary Webb leuchten deshalb umso intensiver.

Zwei Jahre um die halbe Welt gereist

Die junge Kuratorin Sterre Barentsen ist zwei Jahre um die halbe Welt gereist und hat mit Leihgebern verhandelt. Erfolgreich: Die Guggenheim Collection in Venedig, die UK Government Art Collection, die Fondation Beyeler in Basel oder das Whitney Museum of American Art in New York sind vier der 43 prominenten Leihgebenden aus elf Nationen.

Im Zentrum steht dabei nicht die Entwicklung der modernen Malerei in einzelnen Ländern, sondern im Gegenteil die Vernetzung, die Verbindung der Künstler untereinander. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit umfasste das künstlerische Wirken nicht mehr das Abbilden des Erkennbaren, des Ersichtlichen.

Die Komplexität des Weltgeschehens erforderte einen Brückenschlag zwischen Kunst, Wissenschaft und Geistigem. Kandinskys kunstphilosophische Schriften wie Punkt, Linie und Fläche beeinflussten Künstler weltweit, galt es doch, den Ausdruck eines Werkes zu reduzieren auf Linien, Farben und Formen.

Im Zentrum steht die Vernetzung, die Verbindung der Künstler untereinander.

Auch das Buch neuer Künstler von Moholy-Nagy, 1922 in Wien erschienen, feiert und erläutert die Notwendigkeit der Abstraktion. Wassili Kandinskys Weißes Kreuz, im selben Jahr entstanden, entkernt die Formensprache des Kreuzes als Symbol sowohl inhaltlich als auch formal. Zwar könnte noch ein Kreis als Sonne erkennbar sein, auch Nägel in einer Kugel, zerrissene Fetzen unterhalb eines Speeres, aber die Komposition wirkt entchristlicht.

Ein Jahr später entwarf Ilya Chashnik sein Suprematistisches Kreuz, lediglich eine weiße gekreuzte Fläche auf schwarzem Grund, bar aller ikonografischen Bedeutungen des Kreuzes in der Kunstgeschichte des Abendlandes. Die Ausstellung im Museum Barberini ist in ihrer Vielfalt nicht nur einen Besuch wert.

»Kosmos Kandinsky – Geometrische Abstraktionen«, Museum Barberini, Potsdam, bis 18. Mai.

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