Gespräch

»Ich will eine Debatte auslösen«

Produzent Nico Hofmann über den historischen Dreiteiler »Unsere Mütter, unsere Väter«, seine Erfahrung in Israel und Filme als Therapie

von Katrin Richter  14.03.2013 13:57 Uhr

Nico Hofmann Foto: Stephan Pramme

Produzent Nico Hofmann über den historischen Dreiteiler »Unsere Mütter, unsere Väter«, seine Erfahrung in Israel und Filme als Therapie

von Katrin Richter  14.03.2013 13:57 Uhr

Herr Hofmann, ab dem 17. März zeigt das ZDF den Dreiteiler »Unsere Mütter, unsere Väter«. Nach Produktionen wie »Dresden« oder »Die Flucht« befasst sich dieser Film erneut mit der NS‐Zeit. Warum dieses neue Projekt?
Ich glaube, der Film ist notwendig, weil sein Erzählstil radikal ist.

Was meinen Sie damit?
Ich denke, dass diese direkte und ungeschminkte Schilderung vom Leben im Dritten Reich neu ist. Die Art und Weise, wie der Krieg erzählt wird, ist fast schon dokumentarisch.

»Dresden«, »Die Flucht« oder auch »Rommel« waren äußerst erfolgreich. Was fasziniert Sie an der NS‐Zeit?
Mich reizt generell der Themenkomplex Geschichte. Dabei spielt vielleicht auch ein bisschen verlorener Nationalstolz mit hinein. Durch das unfassbare Grauen des Dritten Reiches spiegelt sich eine Schuld wider – und deshalb überwiegt in meiner Generation ein komplett verkümmertes Nationalgefühl. Ich war jahrelang überhaupt nicht stolz, ein Deutscher zu sein. Ja, ich schämte mich sogar dafür.

Und wie ist es heute?
Ich entwickle gerade ein Gefühl dafür. Das hängt aber auch damit zusammen, dass Deutschland inzwischen mit einer gewissen Weltoffenheit Menschen, anderen Kulturen und anderen Religionen begegnet. Der Journalist Giovanni di Lorenzo hat einmal zu mir gesagt, ich suchte mir mit den historischen Filmen meine eigene Würde in diesem Land zurück. Das sehe ich ähnlich.

Ist Deutschland ein dankbarer Markt für Filme aus der NS‐Zeit?
Nein, das glaube ich eher nicht. Produktionen wie Rommel haben allerdings weltweit funktioniert.

Dennoch gab es durchaus Kritik. Ihnen wurde vorgeworfen, Sie würden die Figur Erwin Rommel zu einseitig darstellen.
Das mag sein. Mich haben vor allem die letzten Monate vor seinem Tod interessiert und die Ambivalenz der Persönlichkeit. Aber ich gebe zu: Der Film war ästhetisch zu glatt.

Sie haben sieben Jahre lang an »Unsere Mütter, unsere Väter« gearbeitet. Was ist die Intention des Films?
Ich will eine Debatte auslösen, in Hinsicht darauf, wie die Generation meines Vaters heute ihre Kriegserfahrung verarbeitet.

Wie sind die Erinnerungen Ihres Vaters in den Film eingeflossen?
Wir haben lange Gespräche geführt. Schon früh habe ich mich mit seiner Geschichte auseinandergesetzt. Mein allererster Film – noch an der Filmhochschule – war die Umsetzung seines Tagebuchs vor der Einberufung zum Militär. Es gab zu Hause eine ganze Reihe von Geschichten, die mich interessiert und zu einer heftigen Auseinandersetzung mit dem eigenen Elternhaus geführt haben. Meine Mutter hat übrigens auch ein Tagebuch geschrieben und musste als glühende BDM‐Anhängerin vier Jahre lang schriftlich verarbeiten, dass es Adolf Hitler nicht mehr gab.

Hat Ihr Vater den Dreiteiler schon gesehen?
Ja. Man muss dazu sagen, dass er aus einem politisch sehr heterogenen Elternhaus stammt. Mein Großvater wurde als Kommunist verfolgt. Und mein Vater ist mit großem Widerwillen in den Krieg gezogen. Er war kein Nazi‐Anhänger. Gerade im Alter – er ist jetzt 88 – kommen jede Menge Erinnerungen an die Zeit von damals hoch. Das ist für mich sehr interessant. Nach dem Film hat er unendlich viel geweint und mir Dinge so direkt wie nie zuvor erzählt. Das war wie eine Therapie für uns beide.

Gehört zu Ihrer Direktheit auch, dass Sie jüdische Schicksale beschreiben?
Ja. Mein Abschlussfilm an der Hochschule war Land der Väter, Land der Söhne. Ein fiktionalisierter Film über die Kriegsverbrechen eines Industriellen aus dem Rhein‐Neckar‐Raum. Das Goethe‐Institut hatte mich daraufhin nach Israel eingeladen, wo ich auch Yad Vashem besuchte. Ich war 26 Jahre alt, und dieser Ort hat mich außerordentlich beeindruckt.

Wie haben Sie damals das Land erlebt?
Alle Begegnungen dort waren sehr intensiv. Als ich zehn Jahre später an der Jerusalemer Sam‐Spiegel‐Filmschule unterrichtet habe, saßen unter meinen Studenten viele, deren Großeltern Opfer der Schoa waren. Sie waren sich der Vergangenheit sehr bewusst. Dieses Erlebnis hat mich nachhaltig geprägt. Damals begann ich, mich gegen meine Eltern zu stellen und habe grundsätzlich die jüdische Seite vertreten. Vorher hatte ich meinen Vater und meine Mutter für ihre Vergangenheit komplett verurteilt. Es hat Jahre gedauert, bis ich ihnen mit Verständnis begegnen konnte.

Das heißt, Sie haben die Seiten gewechselt?
Nein, aber ich wollte mich mit der Arbeit an dem Film dem Leben meiner Eltern annähern. In Unsere Mütter, unsere Väter fließen über 20 Jahre Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie ein.

Vor dem Hintergrund so vieler persönlicher Aspekte, ist es da nicht schwierig, objektiv zu bleiben?
Doch, das ist es durchaus. Wir haben sieben Jahre lang an dem Film gearbeitet und verschiedene Lebensläufe recherchiert. Ich würde für mich in Anspruch nehmen, dass ich mich um höchstmögliche Authentizität bemüht habe.

Passt es denn dazu, dass im Anschluss eine Dokumentation zum Film läuft?
Die gibt es eigentlich immer.

»Unsere Mütter, unsere Väter« wird an drei aufeinander folgenden Abenden zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Warum diese epische Länge von viereinhalb Stunden?
Weil man dann die Geschichte der Figuren noch ganz anders und detaillierter erzählen kann.

Wie sind die noch sehr jungen Schauspieler mit ihrer jeweiligen Rolle umgegangen?
Das war sehr spannend zu beobachten. Zwischen ihnen und dem Geschehen liegt mindestens eine Generation. Dennoch haben sie die Rollen mit einer großartigen Glaubwürdigkeit und Authentizität verkörpert.

Mit dem Produzenten sprach Katrin Richter.

Der Dreiteiler »Unsere Mütter, unsere Väter« wird am 17., 18. und 20. März um 20.15 Uhr im ZDF gezeigt. Zum Film gibt es ein Begleitprogramm, das unter umuv.zdf.de vorgestellt wird.

Nico Hofmann kommt am 4. Dezember 1959 in Heidelberg zur Welt und volontiert nach dem Abitur beim Mannheimer Morgen. Er studiert an der HFF München und arbeitete nach seinem Abschluss als Regisseur und Produzent. Zu seinen Filmen zählen »Es geschah am hellichten Tag« und »Solo für Klarinette«. Hofmann hat unter anderem »Nicht alle waren Mörder«, »Mogadischu« und »Jesus liebt mich« produziert.

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