Wenn Noam Bettan im Mai in Wien auf der Bühne des Eurovision Song Contest steht, wird er nicht nur ein Lied singen. Er wird einen Raum betreten, in dem sich Musik, Erwartungen und Politik vermischen. Der Künstler, der Israel beim ESC 2026 vertritt, steht damit vor einer Aufgabe, die weit über das hinausgeht, was ein Gesangswettbewerb eigentlich sein sollte.
Der 27-Jährige selbst begegnet dieser Realität, wie es aussieht, mit ruhiger Entschlossenheit. »Es ist, als würde man in die Höhle des Löwen gehen«, sagte er in einem Interview mit dem israelischen Radiosender »Kan Gimmel«. »Aber wenn man die israelischen Flaggen im Publikum sieht, weiß man, dass eine ganze Nation hinter einem steht und man ihre Stimme ist. Das ist eine riesengroße Ehre.«
Bekanntheit erlangte Bettan durch die Teilnahme an israelischen Talentshows. 2018 belegte er in der Castingshow Aviv or Eyal den dritten Platz. Der Durchbruch gelang ihm bei Hakokhav Haba, zu Deutsch: »Der nächste Star«, Israels Reality-Gesangsshow, die traditionell als Auswahlverfahren für den ESC dient.
Noam Bettan setzte sich im Finale gegen mehrere Kandidatinnen und Kandidaten durch und gewann mit deutlicher Mehrheit. Mit dem Sieg erhält er nicht nur die Möglichkeit, Israel auf großer Bühne zu vertreten, sondern auch eine Plattform, sein Können international zu präsentieren.
Der Durchbruch gelang ihm bei »Hakokhav Haba«, Israels Reality-Gesangsshow, die traditionell als Auswahlverfahren für den ESC dient.
Bettan wurde 1998 in Ra’anana geboren, einer Stadt etwa eine halbe Autostunde von Tel Aviv entfernt. Seine Eltern waren aus Frankreich nach Israel ausgewandert. Schon als Kind war er von Musik umgeben, sang in Chören und lernte in der Schule Instrumente kennen. Im Alter von nur zwölf Jahren begann er, eigene Stücke zu schreiben.
Seine Biografie zwischen Ländern, Sprachen und kulturellen Prägungen formt auch seine Musik: Bettan singt auf Hebräisch, Französisch und Englisch, bewegt sich zwischen moderner Popästhetik und französischen, traditionell emotional aufgeladenen Balladen. Seine Stimme ist warm, kontrolliert, mehr auf Nähe denn auf große Effekte ausgerichtet. Er ist der erste männliche Vertreter Israels beim ESC seit 2022. Obwohl noch kein offizieller Wettbewerbssong ausgewählt wurde, führt Israel derzeit die ESC-Wettquoten an.
Auch die internationalen Reaktionen auf Noam Bettans Talent sind durchweg positiv: »Er berührt mich zutiefst, obwohl ich gar nicht weiß, worüber er singt«, erklärte beispielsweise der Eurovision-Blogger EuroCelso in einem TikTok-Video.
Auch der YouTuber ZuluModo hat nur Lob für den Künstler aus Israel
Auch der YouTuber ZuluModo hat nur Lob für den Künstler aus Israel: »Er ist ein fantastischer Sänger. Ich kann es kaum erwarten, ihn bei der Eurovision zu hören. Ich liebe den Klang und die Bandbreite seiner Stimme. Sie ist außergewöhnlich und wirklich wunderschön.«
Bettan ist kein Neuling in der Branche. Seine lokale Musikkarriere läuft bereits länger, auch wenn er nicht zu den bekanntesten Stars Israels zählt. Doch anders als einige seiner Vorgänger hat er reichlich Erfahrungen mit Live-Auftritten und eine klare Vorstellung davon, was die Aufgabe beim ESC bedeutet.
»Ich werde alles geben und alles tun, um unser Land zu vertreten«, sagte er nach der Castingshow. »Ich denke, es ist eine einzigartige Aufgabe, und es wird meine Eltern, die aus Frankreich stammen und sich entschieden haben, hierherzukommen, mit Stolz erfüllen.«
Der ESC wird in diesem Jahr in Wien stattfinden, und zwar in einem Umfeld, das politisch sehr aufgeladen ist. Offiziell gilt der Wettbewerb als unpolitisch, tatsächlich aber ist er ein Spiegel internationaler Aufmerksamkeit und Kontroversen. Israels Teilnahme löste internationale Debatten aus. Monatelang wurde darüber diskutiert, ob der kleine Nahoststaat überhaupt teilnehmen darf.
Grund dafür war der Krieg zwischen Israel und der Hamas, ausgelöst durch die Massaker vom 7. Oktober 2023, der seither international hohe Wellen schlug. Manche europäischen Länder wie Spanien, Irland, Island, die Niederlande und Slowenien kündigten an, den Wettbewerb aus Protest gegen Israels Teilnahme zu boykottieren.
Die feindliche Stimmung gegenüber Israel hat Yuval Raphael 2025 beim ESC in Basel zu spüren bekommen
Die feindliche Stimmung gegenüber Israel hat Yuval Raphael, die das Land 2025 beim ESC in Basel vertreten hatte, deutlich vor Ort zu spüren bekommen. Dank des Publikumsvotings konnte sie dennoch Platz zwei belegen. Nun aber haben die Veranstalter die Regeln geändert. Die Abstimmung des Publikums hat zukünftig weniger Gewicht, die Rolle der Jury wurde dagegen gestärkt.
Noch ist unklar, welcher Song Bettan nach Wien begleiten wird. Spekuliert wird auch darüber, ob Bettan aufgrund seiner Herkunft einige Zeilen auf Französisch singen wird, einer sehr populären Sprache auf dem Wettbewerb.
Die Abstimmung des Publikums hat zukünftig weniger Gewicht, die Rolle der Jury wurde dagegen gestärkt.
Die Entscheidung dazu fällt im März, nachdem ein Komitee des öffentlich-rechtlichen Senders »Kan«, der Israels ESC-Teilnahme organisiert, die finale Auswahl getroffen haben wird. Ob es sich um eine Ballade, eine Upbeat-Popnummer oder ein genreübergreifendes Experiment handelt, bleibt abzuwarten.
Doch schon jetzt tauschen ESC-Fans in den sozialen Medien ihre Meinungen aus, analysieren Auftritte aus der Castingshow und diskutieren, welche Chancen Israel in Wien haben könnte.
Musik nicht nur im eigenen Land
Noam Bettan scheint genau eine jener Figuren zu sein, deren Musik nicht nur im eigenen Land, sondern vielerorts Aufmerksamkeit erregen kann, ohne dabei beliebig zu wirken – ein Faktor, der nicht zu unterschätzen ist in einem Wettbewerb, in dem das Auffallen oftmals das Zünglein an der Waage sein kann.
Dennoch ist heute bereits abzusehen, dass die Chancen auf eine Qualifikation für das Finale realistisch sind. Ob mehr möglich ist, hängt ab von der Wirkung des Songs, der Inszenierung und der Dynamik des gesamten Wettbewerbs.
Für Bettan persönlich ist der ESC vor allem ein Raum, in dem Musik über Grenzen hinweg erlebbar wird und Künstler zwischen kultureller Identität und internationaler Bühne zeigen, was sie können, erklärte er. Siegen möchte er auf jeden Fall. »Denn wenn ich gewinne, könnte ich die ganze Welt nach Israel bringen. Und das wäre ein riesengroßes Privileg – gerade in der heutigen Zeit.«