Stimmen

»Ich mag die Weihnachtszeit«

Lucia Mann Foto: Privat

Ein Freund meiner Eltern hat mir gerade ein Video von einem Comedian geschickt, der darüber redet, wie es wäre, wenn Juden Weihnachten feiern würden und wie kompliziert sich die Regeln um den Weihnachtsbaum gestalten würden. Ich glaube, ich würde am meisten von den Schuldgefühlen geplagt sein, dass dieser Weihnachtsbaum meinetwegen nicht mehr seine Wurzeln schlagen darf. Deswegen habe ich ihm nur den Arm abgesägt, einen Ast meine ich, weil ich den Geruch von Tannen gerne mag und die Zeit um Weihnachten auch. Es ist ruhig und es erinnert mich an meine Kindheit, wo meine Schwester und ich jedes Jahr die gleichen Weihnachtsfilme im Fernsehen sahen. Es ging um Feen und Hexen, Schnee und Träume. Und irgendwie ist dieses Gefühl von Fantasie an Weihnachten immer dabei. Eine richtige Tradition gibt es bei uns aber nicht. Das hängt auch davon ab, wo man gerade ist. Dieses Jahr bin ich zu Hause. Wir machen Tiramisu und der Kater leckt heimlich den Mascarpone vom Teller.

Lucia Mann

Anton Jakob Weinberger Foto: Rafael Herlich

Aufgewachsen bin ich in einer orthodox-jüdischen Familie, die seit 1956 mit Christen in einem Haus lebte. An Heiligabend rief uns das Lehrerehepaar von gegenüber zu sich. Es duftete nach Mandarinen, Spekulatius und Stollen. Der Weihnachtsbaum war schön geschmückt. Dann spielte der Lehrer auf der Geige »Tochter Zion«. Mama, Papa und ich hatten feuchte Augen. Später wurde ich mit einem kleinen Spielzeug »beschert«. Pessach brachten wir dem Ehepaar Matze und koscheren Wein, auch luden wir beide zu Chanukka ein. Ich lernte früh: Juden und Christen können einander mit Respekt begegnen.

Anton Jakob Weinberger

Lea RajwichFoto: Privat

Ich muss gestehen: Weihnachten mag ich sehr gerne. Die Adventszeit mit Christkindlmärkten, Glühwein und Plätzchen gefällt mir einfach. Ebenso die Filme in der (Vor-)weihnachtszeit: je kitschiger, desto besser. Vielleicht mag ich Weihnachten auch deshalb, weil es für mich völlig stressfrei ist: keine Geschenke, keine großes Organisation für Heiligabend, keine stressigen Familienbesuche.

Normalerweise arbeite ich an Weihnachten gerne und freiwillig (ich bin Ärztin im Krankenhaus), dann kann ich im Gegenzug auf freie jüdische Feiertage pochen. Dieses Jahr hätte ich beinahe ein echtes Weihnachtsessen mit einer meiner besten nichtjüdischen Freundinnen gehabt, weil sie wegen Corona nicht nach Hause konnte. Aber nun sind wir beide - getrennt - in Corona-Quarantäne, deswegen klappt es nicht; dabei hatte ich schon koschere Gans besorgt! Die wird nun später gegessen. Stattdessen hat mir die Nachbarin in Quarantäne ein vegetarisches Essen vor die Tür gestellt, obwohl ich ihr gesagt hatte, dass ich nicht Weihnachten feiere. Dieses Angebot hat mich sehr berührt. Dazu gibt es dann meine Lieblingsplätzchen, Zimtsterne, dank meiner kleinen Schwester, und natürlich ein Kitschfilm!

Lea Rajwich

Mike Samuel Delberg

Weihnachten ist für mich eine Zeit des Zurückgebens. Ebenso wie es mich jedes Jahr freut, die Chanukka-Wünsche meiner christlichen Freunde zu empfangen, freue ich mich ebenfalls darüber, diese Wünsche wenig später dann erwidern zu können. Auch wenn es nicht »unser« Feiertag ist, sind Feiertage da, um gefeiert zu werden - besonders in Zeiten, in denen es nicht viel zu feiern gibt. Deshalb werde ich meine kleine Schwester und ihre neue, kleine Familie zu einem netten Spieleabend samt ein paar Lechaims besuchen und einen Haufen Weihnachts-Whatsapps verschicken.

Mike Samuel Delberg

Lea Wohl von Haselberg

In der Weihnachtszeit werden die Widersprüche, die das Leben in Deutschland mit sich bringt, besonders spürbar. Da hilft nur Ambiguitätstoleranz oder der Film The Hebrew Hammer. Wir essen am 24. Dezember chinesisch. Eine Tradition, die in New York schon Ende des 19. Jahrhunderts entstand, weil das offenbar gut passt: die einen feiern kein Weihnachten und lassen deshalb ihre Restaurants geöffnet, die anderen feiern auch nicht und wissen zu schätzen, dass Milchiges in der chinesischen Küche keine Rolle spielt.

Lea Wohl von Haselberg

Carolin HeymannFoto: Privat

Weihnachten wird bei uns in der Familie nicht gefeiert. Ich weiß daher nicht, was es heißt, einen Weihnachtsbaum zu besitzen oder wie Bescherung aussieht. In der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden war es immer Tradition, an Weihnachten Karten zu spielen. Ansonsten saßen wir oft vor dem Fernseher. Damals lief Sissi zur Primetime, mittlerweile wurde der alte Kitschklassiker auf tagsüber verschoben. Den Film kenne ich daher auswendig. Dieses Jahr sind mein Freund und ich, trotz Corona, zu meinen Eltern nach Wiesbaden gefahren, wo wir, mit Masken sitzend, im Nichtfeiern weniger allein sind.

Carolin Heymann

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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