Redezeit

»Ich lerne an neuen Orten dazu«

Herr Braunstein, das ID Festival, das am Freitag im Radialsystem in Berlin beginnt, bringt israelische Künstler, die in Deutschland leben, zusammen. Dieses Jahr steht das Thema »Migration« im Mittelpunkt. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Natürlich weiß ich, wie es ist, ein Land zu verlassen – schließlich bin ich von Israel in die USA gegangen. Das Thema Migration ist tief in den Herzen der Israelis verwurzelt. Es gehört zur Geschichte Israels und des israelischen Identitätsgefühls. Wir wollen beim ID Festival mithilfe von Diskussionen und künstlerischen Beiträgen einen Platz schaffen, der ein besseres Verhältnis zwischen Israelis und anderen Minderheiten in Deutschland fördert.

Inwiefern?
In diesem Herbst wollen wir uns verstärkt den Auswirkungen der verschiedenen Migrationsbewegungen in und aus Deutschland auf die israelische Künstlergemeinschaft zuwenden.

Was verbinden Sie mit Migration?
Ich wohne mittlerweile seit 16 Jahren in Berlin. In den 90er-Jahren bin ich von Israel nach Amerika gegangen, um dort Violine zu studieren. Anschließend kam ich nach Deutschland, um bei den Berliner Philharmonikern zu spielen. Für mich haben sich dadurch immer neue Möglichkeiten ergeben. Migration bedeutet auch, Neues zu entdecken. Ich lerne an neuen Orten dazu – aber ich bringe gleichzeitig etwas mit.

Was lernen Sie von Menschen anderer Kulturen?

Ohad Ben-Ari, der Initiator des Festivals, und ich, wir kennen uns schon seit unserer Kindheit in Israel, musizierten in diesem Jahr mit zwei Musikern aus Syrien, was für Israelis nicht selbstverständlich ist. Sie sind aus ihrer Heimat Damaskus geflohen, weil sie Angst um ihr Leben hatten. Wir lernen auch hier wieder voneinander, denn jeder bringt einen eigenen Stil mit. Es ist für uns alle inspirierend. Wir wollten das Festival gemeinsam eröffnen. Nun ist aber leider etwas dazwischengekommen, weshalb nur Ohad und ich den Auftakt machen werden.

Sie haben bereits gemeinsam eine CD mit dem Titel »The Music in My Heart« eingespielt, unter anderem mit vielen Werke von Antonín Dvorák. Dieser Komponist ist auch emigriert, ebenfalls in die USA.
Dvorák hat seine moldawische, böhmische und zentraleuropäische Kultur mitgenommen, und er hat es geschafft, diese mit amerikanischen Anregungen zu kombinieren. Wenn man Dvoráks Musik hört, dann spürt man, wie wunderbar sie ist – zwischen alt und neu. Er ist nach einigen Jahren wieder in seine Heimat in die Tschechei zurückgekehrt – wieder mit vielen Ideen.

Sie waren 13 Jahre lang Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Diese Aufgabe beendeten Sie, um eine Solokarriere zu starten. Auf wie viele Jahre sind Sie ausgebucht?

Für die nächsten zwei Spielzeiten. Aber ich lasse mir zwischen den Konzerten etwas Zeit, weil ich einen vierjährigen Sohn habe. Wenn ich zwei Wochen unterwegs bin, dann möchte ich eine Woche zu Hause sein.

Sie haben vor eineinhalb Jahren »The Violins of Hope« nach Berlin gebracht. Der Tel Aviver Geigenbauer Amnon Weinstein hat Violinen ehemaliger KZ-Häftlinge gesammelt, restauriert und die Geschichte ihrer Besitzer erforscht. Wie sind Sie zu diesem Projekt gekommen?
Ich war in Israel und wollte eigentlich nur schnell neue Haare für meinen Geigenbogen bekommen. Also ging ich zum Geigenbauer meiner Kindheit. Dort sah ich eine Violine, in die ein Davidstern eingeritzt war. Daraufhin blieb ich mehrere Stunden lang dort und lauschte den Geschichten dieses Mannes. Ich musste dieses Erlebnis mit jemandem teilen und rief den Intendanten der Philharmoniker, Martin Hoffmann, an, um ihm davon zu erzählen. Der war ebenfalls so begeistert, dass er vorschlug, die Geigen zu einer Ausstellung und zu einem Konzert nach Berlin zu holen – was dann auch geschah.

Wo sind die Instrumente jetzt?
Sie wurden gerade in Tel Aviv in einem kleineren Rahmen ausgestellt.

Was werden Sie als Nächstes spielen?
Werke von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Johannes Brahms und natürlich Antonín Dvorák. Das Leben ist eine interessante Reise, und jede Woche bringt es etwas, was ich liebe. Ich bin nicht der Typ, der ein Lieblingsstück hat und es Hunderte Male spielt. Ich versuche, neue Fassungen von Kompositionen entstehen zu lassen. Da ist die Musik nicht neu, aber die Interpretation. Und das ist dann für alle unbekannt.

Mit dem Geiger sprach Christine Schmitt.

www.idfestival.de

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