Hirnforschung

Ich ist ein anderer

Als der Schauspieler Mel Gibson vor einigen Jahren einen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle als »Scheißjuden« beschimpfte, beteuerte er hinterher zerknirscht, er sei kein Antisemit, nur der Alkohol sei schuld an seinen Ausfällen gewesen.

Studenten, die beteuerten, keine Rassisten zu sein, wurde in psychologischen Experimenten nachgewiesen, dass sie auf Fotos von Schwarzen negativer reagierten als auf Fotos von Weißen. Allesamt Heuchler, die nach außen eine politisch korrekte Fassade wahren, während ihr inneres, wahres Selbst insgeheim Juden und Schwarze hasst?

Mel Gibson Der Neurowissenschaftler David Eagleman bietet in seinem neuen Buch Inkognito. Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns eine andere Erklärung an: »Könnte es nicht sein«, fragt Eagleman, »dass ein Teil von Mel Gibsons Gehirn rassistisch ist und ein anderer nicht?«

Denn, so seine These: Das menschliche Gehirn besteht aus mehreren Untereinheiten oder Subsystemen, die voneinander unabhängig agieren und deren Tätigkeit dem Bewusstsein größtenteils verborgen bleibt. So etwas wie ein einziges »wahres Gesicht« gibt es nicht. Das Bewusstsein dient lediglich dazu, die verschiedenen Subsysteme zu koordinieren, wenn sie miteinander oder mit der Außenwelt in Konflikt geraten.

»Über die meisten unserer Handlungen, Gedanken und Empfindungen haben wir keine Kontrolle«, schreibt Eagleman. »Unser Bewusstsein – das ›Ich‹, das den Motor anwirft, wenn wir morgens aufwachen – macht nur den kleinsten Teil dessen aus, was in unserem Gehirn abläuft.« Das Bewusstsein vergleicht er mit einem Vorstandsvorsitzenden, der seine Firma nach außen repräsentiert, deren einzelne Abteilungen aber autonom arbeiten.

justiz Das hat weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis von Willensfreiheit und Verantwortung. Und es erklärt, warum wir innere Konflikte erleben: Ein Teil von uns will Diät halten, ein anderer Teil die Sahnetorte essen. Ein Teil will der Ehefrau treu sein, ein anderer ein erotisches Abenteuer erleben.

Wie wir uns jeweils entscheiden, so der Autor, hängt nicht so sehr von unserem Willen ab, sondern vielmehr davon, welche Gehirnregion die Oberhand gewinnt – das limbische System, das Bedürfnisbefriedigung will, oder der Frontallappen, der für Impulskontrolle zuständig ist.

Der 40-jährige Wissenschaftler, der das »Laboratory for Perception and Action and the Initiative on Neuroscience and Law« am Baylor College of Medicine im texanischen Houston leitet, zieht aus seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen aber auch folgenreiche Schlüsse für Justiz und Strafrecht.

So plädiert er in seinem Schlusskapitel dafür, dass beim Umgang mit Straftätern weniger der Strafgedanke im Vordergrund stehen solle, sondern ein neurologisches Training, das den Delinquenten helfen soll, eine bessere Impulskontrolle zu erlangen und somit keine weiteren Verbrechen zu begehen.

Sind Verbrechen und Moral also nichts anderes als Ergebnis bestimmter Schaltungen im Gehirn? Was soll mit Tätern geschehen, die sich ganz rational für das Böse entscheiden? Was ist mit dem legitimen Bedürfnis der Opfer und der Gesellschaft nach Vergeltung? Solchen Fragen weicht der Hirnforscher aus.

Prosa Fachidiot ist Eagleman dabei nicht. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Phänomenen wie Zeitwahrnehmung, Synästhesie und optischen Täuschungen, erforschte den Stammbaum seiner jüdischen Vorfahren in Osteuropa und schrieb literarisch-philosophische Kurzgeschichten, die er in dem Band Fast im Jenseits veröffentlichte.

Eaglemans literarisches Talent spürt man auch bei der Lektüre von Inkognito. Das Buch ist ein glänzendes Beispiel für amerikanische populärwissenschaftliche Prosa, die komplexe Sachverhalte anschaulich und unterhaltsam präsentiert.

Bei seiner Tour de force durch die Hirnforschung läuft Eagleman dabei manchmal Gefahr, den Leser zu unterfordern – etwa wenn er die Funktionsweise des Sehens mit optischen Täuschungen illustriert, die wirklich jedes Grundschulkind schon dutzendfach gesehen hat. Alles in allem eröffnet sein Buch aber erstaunliche Perspektiven und wirft erkenntnistheoretische, rechtliche und moralische Fragen auf, die ein einziges Buch ohnehin nicht beantworten kann.

David Eagleman: »Inkognito. Die geheimen Eigenleben unseres Gehirns«. Campus, Frankfurt/Main 2012, 328 S., 24,99 €

Programm

Drei Chöre, 100 Synagogen und ein Unbezähmbarer: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. bis zum 26. März

 18.03.2026

Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Jürgen Habermas prägte die Bundesrepublik, positionierte sich im »Historikerstreit«, setzte Begriffe und gab Orientierung. Zum Tod des großen Philosophen

von Johannes Heil  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Literatur

Gefühle und Zustände

Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«

von Sharon Adler  18.03.2026

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026

Sachbuch

Flucht nach Zaton Mali

Marie-Janine Calic schreibt in »Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa« über Exilanten auf dem Balkan

von Alexander Kluy  18.03.2026

Jan Jekal

Als Billy Wilder vor dem FBI zitterte

»Paranoia in Hollywood« macht da weiter, wo die Geschichte der rettenden USA aufhört. Eine Achterbahnfahrt mit bitterem Ausgang

von Sophie Albers Ben Chamo  18.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  18.03.2026

Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen

von Nicole Dreyfus  18.03.2026