Paul Auster

»Ich hob fargessen!«

Mein Name sei Ferguson: Paul Auster legt in Gestalt eines Rätselspiels sein bisher umfangreichstes Werk vor. Foto: PR

Paul Auster

»Ich hob fargessen!«

Der Schriftsteller erzählt in »4 3 2 1« das Leben seines Alter Ego Archie Ferguson in vier Varianten

von Wolf Scheller  21.03.2017 11:17 Uhr

Es ist eine Binsenweisheit, dass Schriftsteller ihr Leben in Fiktionen verarbeiten. Derlei autobiografische Erkundungen sind von Interesse, wenn es dem Autor zugleich gelingt, sie mit prägenden zeitgeschichtlichen Ereignissen zu verknüpfen. Paul Auster ist ein Meister in diesem komplexen Spiel. Fast alle Romane des 70-jährigen New Yorker Autors tragen diesen autobiografischen Stempel.

In seinem neuen Werk 4 3 2 1 stellt Auster mit Archie Ferguson einen am Ende 70-jährigen Protagonisten ins Rampenlicht, dessen Leben in vier Varianten erzählt wird. Ähnlichkeiten autobiografischer Art sind so auffällig, dass der Leser dem Spurenlegen des Autors mit Leichtigkeit folgen kann. Jede Variante führt Ferguson als Möglichkeitsmenschen vor, dessen Leben nach fiktiven Betrachtungsweisen verläuft – es könnte so gewesen sein, aber auch ganz anders.

Jiddisch Allen Varianten gemein ist, dass Archie Ferguson aus einer von Minsk nach der Jahrhundertwende nach Amerika eingewanderten jüdischen Familie stammt und sich der ganze Clan in Newark niederließ. An seinen amerikanischen Nachnamen kam Archies Großvater Isaac durch Zufall. Eigentlich wollte er sich Rockefeller nennen, aber bei der Einwanderungsbehörde fiel ihm der Name nicht mehr ein: »Ihr Name?, fragte der Beamte. Der müde Einwanderer schlug sich verzweifelt an die Stirn und platzte auf Jiddisch heraus: Ich hob fargessen! Und so begann Isaac Reznikoff sein neues Leben in Amerika als Ichabod Ferguson.«

Archies Eltern Rose und Stanley gründen ein Haushaltswarengeschäft, unter Beteiligung von Stanleys Brüdern. Als eines Tages die Firma abbrennt und Stanley dabei ums Leben kommt, bricht die Familie auseinander. Die Restfamilie zieht nach New York, Tante Mildred und Onkel Don, die einzigen Intellektuellen in der Verwandtschaft, kümmern sich um Rose und den kleinen Archie, der sich in die neunjährige Amy verguckt.

Und alle sind begeistert vom Charme des jungen Präsidenten Kennedy. Nach dem Attentat von Dallas heißt es freilich lakonisch: »Es hatte so ausgesehen, als ginge die Welt unter – und dann tat sie es doch nicht.« Solche beiläufigen Bemerkungen begleiten den Verlauf der amerikanischen Nachkriegsgeschichte – die Rassenunruhen, der drohende Atomkrieg, die Kubakrise.

Gewitter Archie liest und liest, während auf den Straßen von New York Polizei und Kriegsgegner aufeinander einprügeln. Die Schule bereitet ihm Probleme, im Feriencamp erlebt er die ersten Pubertätsrituale und wird bei einem Gewitter von einem herabstürzenden Ast erschlagen.

In einer weiteren Version lernt Archie seine jüdische Herkunft näher kennen. Die Mutter ist Fotografin und heiratet den aus Deutschland stammenden Musikkritiker Gil Schneiderman. Wiederum im Feriencamp freundet sich Archie mit Art Federman an, der bald an einem Hirnaneurysma stirbt. Archie tröstet sich mit seiner aus Kinderzeit vertrauten Amy.

Sie avanciert später beim gemeinsamen Studium zur Langzeitgeliebten, spätere Trennung und Wiederversöhnung inklusive. Bis dahin durchläuft Archie alle möglichen Irrungen seines libidinösen Einfallsreichtums. Auster verbraucht für das Thema der sexuellen Lust einen erheblichen Anteil der fast 1300 Seiten seines Romans. Archie ist hinter jedem Rock her, ergänzt seine Glückssuche aber auch durch gleichgeschlechtliche Abenteuer. Dass er dabei noch zum Lesen und Schreiben kommt – natürlich will er Schriftsteller werden –, ist eine beachtliche Leistung.

Porno 1964 ist er mit seiner zwölf Jahre älteren Cousine Francie unterwegs, als ihr Auto gegen einen Baum kracht. Archie verliert bei dem Unfall zwei Finger. Zu seiner Lektüre gehören jetzt Genet und Gide. Überhaupt die Franzosen – Archie ist wie sein Erfinder frankophil. Seine Entwicklung ist eine beständige Flucht aus der häuslichen Umgebung. Er fühlt sich wie im »Exil im eigenen Zuhause«. Die Zahl der Enttäuschungen wächst: Mutter und Vater lassen sich scheiden, und der Großvater engagiert im Alter noch Personal für einen Pornostreifen, an dem er selbst mitwirkt. Damit der Enkel nichts ausplaudert, bekommt er 10.000 Dollar Schweigegeld. Vorbei ist es mit der Achtung vor den Alten.

Archie Ferguson durchläuft als Möglichkeitswesen den Roman nicht als romantischer Einfaltspinsel, sondern als Langstreckler, der vor der Einsamkeit in die Erregung flieht, staunend über sich und das Weltgeschehen, einer, der alles ausprobiert, schwankend zwischen Schrott und Genie.

Paul Auster: »4 3 2 1«. Übersetzt von T. Gunkel, W. Schmitz, N. Stingl und K. Singelmann. Rowohlt, Reinbek 2017, 1264 S., 29,95 €

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