Bonaventure Ndikung

»Ich habe Israel nicht dämonisiert«

Der zukünftige Intendant des Hauses der Kulturen der Welt über sein Verhältnis zu BDS

von Philipp Peyman Engel  10.11.2022 09:28 Uhr

Der Kurator und Autor Bonaventure Soh Bejeng Ndikung wurde 1977 in Kamerun geboren. Foto: picture alliance/dpa

Der zukünftige Intendant des Hauses der Kulturen der Welt über sein Verhältnis zu BDS

von Philipp Peyman Engel  10.11.2022 09:28 Uhr

Am 1. Januar 2023 wird Bonaventure Soh Bejeng Ndikung neuer Intendant des renommierten Hauses der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin. Doch schon vor seinem Amtsantritt ist eine Debatte darüber entbrannt, wie nahe der Kurator aus Kamerun der antisemitischen und israelfeindlichen BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) steht.

Ndikung gehörte zu den Unterstützern der »Initiative GG 5.3 Weltoffenheit«, die sich gegen die Ächtung des BDS aussprach. 2014 schrieb Ndikung auf Facebook: »Sie werden für jeden Tropfen Blut in Gaza millionenfach bezahlen! Palästina wird frei sein … komme, was wolle!« Ein weiterer Vorwurf: Im vergangenen Jahr veröffentlichte das damals von ihm geleitete Kunstfestival »Sonsbeek« einen offenen Brief, in dem die »Befreiung Palästinas« gefordert und Israel »Apartheid« unterstellt wird.

Laut Resolution des Deutschen Bundestages ist die BDS-Bewegung in Zielen und Handlungen antisemitisch. BDS dürfe daher nicht mit Geldern und öffentlichen Räumen unterstützt werden. Das Haus der Kulturen der Welt finanziert sich aus Mitteln des Auswärtigen Amtes und des Kulturstaatsministeriums. Zeit für ein Gespräch.

Herr Ndikung, was sagen Sie zu den Vorwürfen?
Ich habe die BDS-Bewegung nicht unterstützt. Das ist mir wichtig zu sagen. Auch die Initiative Weltoffenheit lehnt den Boykott Israels durch BDS ab, das teile ich. Ich bin aber keiner der Initiatoren der Initia­tive Weltoffenheit.

Sondern?
Ich habe einen Brief unterschrieben, der sich für Institutionen starkmacht, in denen freie Debatten geführt werden, auf Grundlage des Grundgesetzes, auf Grundlage der Menschenwürde. Ich wende mich gegen Antisemitismus, Islamophobie, Rassismen und jede Form von Hass.

Laut Deutschem Bundestag, laut fast aller Antisemitismusexperten, laut dem Gros der jüdischen Gemeinschaft weltweit ist BDS antisemitisch. Wenn Sie sagen, Sie sind gegen BDS und für das Grundgesetz, wie kann es dann richtig sein, eine Position als legitimen Teil der öffentlichen Debatte zuzulassen, die dezidiert Hass verbreitet: nämlich Hass auf Juden?
Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Alle 30 Minuten wird in Deutschland eine rechtsextreme Straftat begangen. Alle demokratischen Kräfte sollten gemeinsam jeder Form von Menschenfeindlichkeit entgegentreten. Ich werde in meinem Haus keine antisemitischen oder rassistischen Veranstaltungen zulassen. Der Beschluss des Bundestages ist eine politische Handlungsempfehlung. Was mich beunruhigt, ist, wenn er als Grundlage für Ausgrenzung herangezogen wird.

Sie würden am Haus der Kulturen der Welt mit Künstlern zusammenarbeiten, die BDS unterstützen, solange sie diese Position nicht an Ihrem Haus äußern?
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland hat über den Künstler Eyal Weizman gesagt: Wenn jemand einmal BDS unterstützt hat, aber gleichzeitig ein künstlerisch interessantes Werk schafft, das mit BDS nichts zu tun hat, ist das kein Grund, ihn auszuschließen. Oder wollen wir, dass seine Arbeit über die Morde von Hanau in Deutschland nicht gezeigt werden kann?

Sind Sie sich sicher, dass hier nicht mit zweierlei Maß gemessen wird? Ein Gedankenspiel: Würden Sie auch Werke von Künstlern – sagen wir aus Schweden –ausstellen, die außerhalb ihrer Kunst eine antisemitische Bewegung unterstützen und einen Boykott aller jüdischen Künstler aus Israel anstreben?
Ich würde niemals mit jemandem zusammenarbeiten, der antisemitisch oder rassistisch ist.

Entschuldigen Sie, dass ich unterbreche. Aber die BDS-Bewegung ist antisemitisch …
Was ich sagen kann, ist: Es wird im HKW keinen Platz geben für Menschenfeindlichkeit jedweder Art. Vergessen wir nicht: Es gibt einen Anstieg von über zwölf Prozent bei antisemitischen Straftaten von Rechtsextremen im Vergleich zum Vorjahr. Wir müssen solidarisch sein – und miteinander sprechen statt übereinander.

Aber wenn Sie einen Brief unterschreiben, der sich gegen die Ächtung des BDS ausspricht, müssen Sie doch wissen, worum es geht in dieser Petition. Sie sind nicht irgendjemand. Sie sind ein wichtiger Kurator, der mit darüber entscheidet, welche Künstler Gehör finden.
Ich hatte den Brief in Solidarität mit anderen Kulturinstitutionen unterschrieben. Das ist keine Unterstützung des BDS. In kreativen Prozessen geht es um Verständigung und Versöhnung. Als ich mit 19 nach Deutschland kam und auf dem Bau am Potsdamer Platz arbeitete, lebte ich in Lichtenberg – 1997, Sie können sich vorstellen, was das hieß. Hier geht es darum, wie wir zusammenarbeiten können, um Judenhass und Rassismus zu bekämpfen. Deswegen war es mir so wichtig, mit Ihnen zu sprechen.

Zugleich gibt es das Problem, dass wir Juden nicht nur von judenfeindlichen Deutschen bedroht werden, sondern auch von Menschen aus dem »Globalen Süden«. Und dort genießt BDS große Sympathien. Nehmen Sie nur die zahlreichen judenfeindlichen Skandale auf der diesjährigen documenta.
Ich verurteile die antisemitischen Vorfälle bei der documenta 15. In dem viel diskutierten Banner gab es auch eine Menge schwarzenfeindlicher Tropen. Nicht viele haben darüber geschrieben. Aber es war antisemitisch und rassistisch. Umso mehr müssen wir schauen, dass wir – Menschen, die unter Diskriminierung leiden – zusammenstehen.

2014, als Israel mit mehr als 1000 Raketen von der Terrororganisation Hamas angegriffen wurde und dann seinerseits Ziele in Gaza ins Visier nahm, um seine Bürger zu schützen, schrieben Sie auf Facebook einen Post, der nur unschwer nicht als Dämonisierung Israels zu lesen ist.
Ich habe Israel nicht dämonisiert. In der Vergangenheit habe ich mich in emotionalen Situationen geäußert, besonders wenn mich Bilder von Gewalt aufgewühlt haben. Meine Aussagen haben zu Verletzungen und Schmerz geführt. Das tut mir aufrichtig leid. Seitdem ich denken kann, fließt in Israel und Palästina Blut von Unschuldigen. Ich beschrieb mit diesem Satz den Teufelskreis aus Gewalt und Gegengewalt. Ich bin in Kamerun geboren, dort wütet seit Jahren ein blutiger Krieg, in dem mehr als 3000 Menschen umgekommen sind, mehr als 1,3 Millionen fliehen mussten, auch mein Vater, der im Exil starb, wegen des Krieges konnte ich nicht einmal bei der Beerdigung sein.

Aber warum nehmen Sie nur Israel in den Blick und verurteilen es in drastischen Worten?
Dass sich mein Fokus auf Israel richtet, ist eine Fehlwahrnehmung. Ich verurteile jeden, der Gewalt Vorschub leistet: auch den Terror der Hamas, die Regierung in Kamerun sowie die Amba Boys, die Terror verbreiten. Ich verurteile Russland, das Terror in der Ukraine verbreitet. Ich verurteile die Regierung von Äthiopien sowie die TPLF, aber ich mache auch Aussagen zu den Wahlen in Kolumbien, Indien, USA.

Sie distanzieren sich von diesem Post?
Ja.

Was entgegnen Sie Ihren Kritikern: Wo wollen Sie als neuer Intendant hin mit dem Haus der Kulturen der Welt?
Für das HKW der Zukunft wird Vielfalt kein Schlagwort sein, sondern das Rückgrat, wie das Programm und das Publikum bezeugen werden. Eine Pluriversität von Kulturen und Hintergründen basierend auf Fürsorge und Respekt für Vielfalt von Wesen und Wissen. Mein Projekt ist ein humanistisches!

Mit dem designierten Intendanten des HKW sprach Philipp Peyman Engel.

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