Globalisierung

»Ich habe Angst um mein Land«

Der US-Ökonom Joseph Stiglitz beim Treffen der Wirtschaftsnobelpreisträger im August in Lindau am Bodensee mit internationalen Studierenden Foto: Christian Flemming

Herr Stiglitz, Sie sind einer der bekanntesten Kritiker etablierter politischer Systeme – und des Stils, in dem die Globalisierung nicht nur gedacht, sondern auch gemacht wird. Seit Jahren fordern Sie einen neuen globalen Gesellschaftsvertrag, einschließlich einer fairen Handelsordnung. Wie viel Vertrauen haben Sie, dass das keine Illusion bleibt?
Wir sind tatsächlich an einem Punkt, an dem ein großes Umdenken in der Wirtschaft und der globalen sozialen Wirtschaftsordnung einsetzt, die in den letzten 40 Jahren vorherrschende Sichtweise – manchmal salopp als Neoliberalismus bezeichnet – hat nicht sehr gut funktioniert. Sie hat zu enormer Ungleichheit geführt und hat die Gefahren massiver Unternehmensgier in Form der globalen Finanzkrise von 2008 aufgedeckt. Wir haben weltweit die Klimakrise, die Märkte haben sich angesichts von Covid-19 und des Einmarschs Russlands in die Ukraine als nicht widerstandsfähig erwiesen. Es gibt so viele Mängel des alten Wirtschaftsmodells, dass ich glaube, es gibt einen wachsenden Konsens, über den Neoliberalismus hinauszugehen. Bemerkenswert ist, dass Studenten, zum Beispiel an der Columbia Business School, sagen, sie hätten keinerlei Vertrauen in den Kapitalismus, sie glauben nicht an das kapitalistische System als ein System, das für alle in der Gesellschaft gut funktioniert.

Jüngere Menschen haben den Glauben an dieses Wirtschaftsmodell verloren.

Wirtschaftsstudenten wenden sich vom Kapitalismus ab?
Jüngere Menschen haben den Glauben an dieses Wirtschaftsmodell verloren. Ein Beispiel ist die Art und Weise, wie wir mit Covid-19 umgegangen sind: Wir haben nicht nur den Mangel an Widerstandsfähigkeit aufgedeckt, sondern konnten auch in kürzester Zeit Impfstoffe entwickeln. Aber die Gier der Pharmakonzerne führte dazu, dass das geistige Eigentum den Menschen in den unterentwickelten Ländern nicht zur Verfügung gestellt wurde, was zu einer polarisierten Welt führte, in der die Wut in den Entwicklungsländern groß ist. Es ist also klar, dass etwas nicht stimmt, und schließlich treten wir in einen neuen kalten Krieg ein, nicht nur in Bezug auf Putin, sondern auch auf den Autoritarismus in anderen Ländern. Wir stehen am Anfang eines Entkopplungsprozesses, der in den kommenden Jahren eine Veränderung unserer geopolitischen Ordnung und unseres Verständnisses von Wirtschaft bedeuten wird.

Welche Veränderungen braucht die Welt Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren an den entscheidenden Stellen in Politik und Wirtschaft?
Wir müssen mit einer ganzen Reihe von Krisen fertigwerden. Die Klimakrise ist existenziell. Die Krise der Ungleichheit führt zu einer sehr tiefen und bitteren Spaltung unserer Gesellschaften. Ich denke, dass unser Wirtschaftsmodell eine Rolle dabei gespielt hat, dass wir nicht in der Lage sind, diese beiden Krisen zu bewältigen. Ich bin zuversichtlich, dass wir tatsächlich Fortschritte machen werden, wenn wir über eine bessere Art von Wirtschaft nachdenken. Ich würde sie als ein besseres Gleichgewicht von Markt, Staat, Zivilgesellschaft, einer breiteren Palette von institutionellen Akteuren, NGOs und Genossenschaften beschreiben – auch mit einer weniger doktrinären Ideologie, dass der Markt schon alles regeln wird, was er eindeutig nicht getan hat.

Sie sind in einer jüdischen Familie aufgewachsen. Ihr Vater war ein Versicherungsvertreter. Wie hat Ihre Familie, wie haben ihre Wurzeln Sie geprägt? Welche grundlegenden Werte haben Sie übernommen?
Eines der wichtigsten Dinge, die offensichtlich sehr stark in unserer Tradition verankert sind, ist die Bedeutung der Bildung. Meine Eltern haben sich sehr dafür eingesetzt, auch sehr für die Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Sie unterstützten die sozialen Innovationen von Franklin D. Roosevelt: die soziale Sicherheit, das Recht der Arbeitnehmer auf Tarifverhandlungen, eine ganze Reihe sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Eltern darüber sprach, was ich tun sollte, wenn ich groß bin. Meine Eltern sagten: ›Du weißt, dass du einen großartigen Verstand bekommen hast, also solltest du ihn auch nutzen. Aber nutze ihn für das Wohl aller und bringe Dich so ein.‹ Und ich erinnere mich auch, dass sie sagten: ›Geld macht niemals glücklich!‹

Es gibt viele jüdische Nobelpreisträger, das fällt wirklich auf, vor allem in den Naturwissenschaften. Viele sagen: ›Bildung war immer unser Anspruch und das Ziel unserer Eltern‹, was demzufolge auch auf Ihre persönliche Erfahrung zutrifft, die Sie gerade erwähnt haben …
Meine Mutter hat eine kurze Autobiografie und eine Biografie ihrer Mutter geschrieben, in der sie auch beschreibt, wie in der Familie meiner Großmutter nur die Jungen, nicht aber die Frauen lernen durften. Meine Großmutter hörte einfach zu, wie den Jungen das Lesen beigebracht wurde. Was sehr klug war.

Wir sehen eine hohe Inflation, eine Rezession, das Ende des Wachstums – nicht nur in Europa sinken die Erwartungen. Angst macht sich in der Wirtschaft breit, auch in der Politik, denn die Auswirkungen könnten enorm sein. Wie nehmen Sie diese Angst wahr?
Die größte Angst, die ich im Moment habe, ist nicht die Inflation. Wir hatten solche Episoden schon mal, und wir werden sie bewältigen. Was ich viel mehr fürchte, ist die Gefahr eines Nationalismus, eines Faschismus in vielen Ländern der Welt, auch in meinem Heimatland, den Vereinigten Staaten. Eine der großen Parteien hat sich offen von ihrem grundlegenden Bekenntnis zur Demokratie, zur Wahrheit und den Grundwerten der Aufklärung entfernt und behauptet, die Wahlen seien gestohlen worden, obwohl die Beweise für das Gegenteil überwältigend waren. Dabei ist der Ex-Präsident jemand, der jeden Tag lügt und nicht zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann und der ein Rassist ist. Ich habe Angst um mein Land, das ist für mich im Moment die größte Sorge.

Wir haben nicht genug darüber nachgedacht, wie wir einen widerstandsfähigen Markt erhalten können.

Die Globalisierung wird derzeit völlig auf die Probe gestellt: Lieferketten brechen zusammen, die Preise steigen, eine weltweite Dürre bedroht die Menschheit, Lebensmittel werden knapp, die nächste Hungersnot steht bevor. Sie haben immer zu den Kritikern der Globalisierung gehört. Was haben wir falsch gemacht?
Ich denke, die Hauptfehler sind, dass wir uns nicht genug auf die Widerstandsfähigkeit und das Risiko der fehlenden Diversifizierung konzentriert haben. Im Fall von Deutschland – die Abhängigkeit von der Gasversorgung durch Russland – ist das kurzsichtig, aber offensichtlich. Ich habe darauf bereits 2008 hingewiesen, dass es dumm war, sich so abhängig von Russland zu machen. Zweitens haben wir eine zunehmende Marktkonzentration zugelassen. Das bedeutet, es gibt eine zu große Abhängigkeit von einigen wenigen Herstellern. Wenn etwas schiefgeht, bricht ein System zusammen. In den Vereinigten Staaten kam es zu einer Verknappung von Babynahrung, weil ein Unternehmen mit 50 Prozent Marktanteil die Produktion einstellte und zusammenbrach. Ein Problem, das man in der Sowjetunion erwartet, nicht in den Vereinigten Staaten. Dennoch gab es ein Beispiel nach dem anderen, das zeigt, die amerikanische Wirtschaft war nicht widerstandsfähig. Das war keine Kette globaler Probleme, sondern eine Folge der Marktkonzentration. Wir haben nicht genug darüber nachgedacht, wie wir einen widerstandsfähigen, kompatiblen globalen Markt erhalten können.

Was würden Sie jetzt ändern?
Darauf gibt es keine einfache Antwort. Wenn Sie mich fragen, was ich jetzt tun würde, dann würde ich in einem ganz anderen Bereich ansetzen: bei den Regelungen zum geistigen Eigentum. Die internationalen Regelungen hatten zur Folge, dass schnell ein Impfstoff entwickelt werden konnte, die armen Länder aber nicht in der Lage waren, Zugang dazu zu bekommen. Die Gier der Pharmaunternehmen und das geistige Eigentum waren zu groß, Tausende und Abertausende von Menschen starben infolgedessen, was in meinen Augen kriminell war, zumal die Forschung zu über 90 Prozent von den Steuerzahlern in Amerika finanziert wird, auch in Deutschland und anderswo. Die Gewinne gingen an reiche Pharmakonzerne, die bereit waren, ihre Profite auf Kosten des Lebens anderer zu steigern und dabei auch unser Leben, das Leben der Menschen in den Industrieländern, zu riskieren. Solange sich die Krankheit ausbreitet, mutiert sie und wird ansteckender, möglicherweise tödlicher und sogar impfstoffresistent. Und das ist ein Beispiel für etwas, dass das Ergebnis der Globalisierung ist. Und die Regeln in der Welthandelsorganisation (WTO) bezüglich des geistigen Eigentums sind genau das, was ich jetzt inmitten der immer noch laufenden Pandemie in Ordnung bringen würde.

Der Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Chefökonom der Weltbank Joseph Stiglitz erhielt 2001 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis. In Lindau traf er Ende August mit 450 jungen Ökonomen aus aller Welt zusammen. Mit dem Professor der Columbia University sprach Blanka Weber.

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