Vladimir Vertlib

»Ich bin in einem Zwischenraum zu Hause«

Vladmir Vertlib lebt in Salzburg und Wien. Foto: Gregor Zielke

Herr Vertlib, Sie zeichnen in Ihrem neuen Roman »Die Heimreise« ein Sittenbild der Sowjetunion im Jahr 1956, kurz nach Stalins Tod. Was war das für ein Land?
Es war ein Land im Umbruch. Ich sehe 1956 als ein Schlüsseljahr in der Geschichte der Sowjetunion. Im Zuge der Entstalinisierung keimte trotz der großen Tristesse und entsetzlichen Armut in diesem Terrorstaat, der ja auch nach Stalins Tod weiterhin existierte, Hoffnung auf. Viele glaubten, dieses Regime ließe sich reformieren. Doch schon Mitte der 60er-Jahre war die Hoffnung verflogen, die Menschen erkannten die Heuchelei und sahen, dass nicht einmal mehr die engere Führungsschicht an die Ideologie glaubte.

Sie selbst wurden 1966 in Leningrad geboren und sind als Fünfjähriger mit Ihrer Familie in den Westen emigriert. Haben Sie eigene Erinnerungen an die Sowjetunion?
Ja, aber das sind kleinkindliche Erinnerungen. Doch daneben bin ich natürlich mit den Erinnerungen meiner Eltern und anderer Migrantinnen und Migranten aufgewachsen, die mich ganz wesentlich geprägt haben. Das ist, glaube ich, noch viel entscheidender.

Ihr Roman ist vor allem von den Erzählungen Ihrer Mutter inspiriert.
Die wochenlange Heimreise der 21-jährigen Hauptheldin Lina von Kasachstan zurück nach Leningrad hat einen authentischen Hintergrund. Meine Mutter hat sie als junge Frau ungefähr so erlebt. Darüber hinaus sind in den Roman auch Geschichten, Erzählungen, Anekdoten und Erinnerungen vieler anderer Menschen eingeflossen. Manches habe ich verdichtet, manche Figuren sind Sammelfiguren, andere sind rein fiktiv, wieder andere sind realen Figuren nachempfunden. Atmosphärisch habe ich mich im Wesentlichen daran gehalten, wie die Situation damals in der Sowjetunion gewesen ist.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Russland beschreiben?
Es ist Teil meiner Identität. Ich bin Österreicher, Jude, Russe. Alles zusammen, ich habe eine Mehrfachidentität, ich bin in einem Zwischenraum zu Hause. Mein Bezug zu Russland ist dabei ein sehr enger, denn Russisch ist meine Muttersprache. Der Bezug ist also vor allem kulturell, sprachlich, literarisch und historisch, weil ich mit dieser Kultur und mit dieser Sprache aufgewachsen bin. Ich habe eine emotional starke Bindung zu Russland. Alles, was dort passiert, betrifft auch mich, und ich nehme das sehr emotional wahr. Es trifft mich sehr, dass dort ein quasi faschistisches Regime an der Macht ist, das einen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen sein Nachbarland führt.

Wie hat dieser Krieg Ihr Verhältnis zu Russland verändert?
Es tut mir unglaublich weh. Ich wusste schon lange, dass man dem brutalen Terrorregime dort so ziemlich alles zutrauen kann. Aber was mich schockiert, ist das Ausmaß dieses Krieges. Er löst bei mir Scham und Angst und Wut aus. Was sich seit Beginn des Krieges geändert hat, ist vor allem das Verhältnis anderer zu mir. Vorher war es selbstverständlich, dass ich russische Literatur und die russische Sprache liebe und sie nicht mit diesem Regime gleichsetze. Doch jetzt bin ich oft konfrontiert mit kriegsbedingtem Schwarz-Weiß-Denken.

Wie könnte Ihrer Meinung nach ein Russland nach Putin aussehen?
Ich bin pessimistisch. Wenn Putin eines Tages stirbt – das kann noch zehn oder 15 Jahre dauern –, dann wird sich die Frage stellen, wer noch da ist, denn so viele sind ins Exil gegangen oder wurden ermordet. Wer kann dann zu einer Sammelfigur werden, wie es Nawalny war, um das Land auf einen demokratischen Weg zu führen? Meine Hoffnung ist, dass sich in den nächsten Jahren im Untergrund eine Bewegung oder eine Figur entwickelt, die die demokratischen Kräfte hinter sich versammeln kann. Russland muss seine imperialistischen Ambitionen aufgeben, bescheidener werden und auf jeden Fall den Krieg gegen die Ukraine verlieren. Dieser Feldzug darf kein Erfolg werden. Ansonsten sehe ich keine Chance, dass Russland aus dem jetzigen Zustand jemals wieder herausfindet.

Mit dem österreichischen Schriftsteller sprach Tobias Kühn. Vladimir Vertlib: »Die Heimreise«. Residenz, Salzburg 2024, 352 S., 25 €

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