Dmitry Glukhovsky

»Ich bin heute Exilrusse«

»Die Wahrheit ist, ich hätte nie erwartet, dass so etwas Realität wird«: der Schriftsteller Dmitry Glukhovsky in London Foto: Daniel Zylbersztajn-Lewandowksi

Dmitry Glukhovsky sitzt bequem in einer Hotelbar gegenüber der Londoner Themse und präsentiert sich cool – in Jeans, schwarzer Lederjacke, schwarzem T-Shirt, Converse-Style-Schuhen und mit leichtem Vollbart. Der 42 Jahre alte Schriftsteller und ehemalige Journalist ist nur für eine Kurzvisite nach London gekommen.

Bekannt ist Glukhovsky vor allem für seine postapokalyptischen Dystopien und Science-Fiction-Romane. Metro 2033, Metro 2034 und Metro 2035 (erschienen 2007, 2009 und 2015) sind Bestseller. Die Serie handelt vom Überleben in der Metro – der U-Bahn in Moskau – nach einem fiktiven Atomkrieg und diente sogar als Vorlage für ein Computerspiel, den Ego-Shooter Metro 2033.

Outpost – Der Posten (2021) ist eines seiner neueren Werke. Darin isoliert sich ein Landstrich Russlands nach einem Bürgerkrieg und versucht, sich gegen den Rest der Welt zu behaupten. Die Romane schockieren teilweise mit der Schilderung brutaler, gnadenloser Gewalt der Kämpfe von Überlebenden und ihrer Anführer um begrenzte Ressourcen.

KOLUMNEN Nachdem Russland Ende Februar die Ukraine angegriffen hatte, war Dmitry Glukhovsky einer von über 2000 russischen Künstlern und Wissenschaftlerinnen, die Flagge zeigten und sich öffentlich und unmissverständlich gegen den Krieg aussprachen. Glukhovsky begann, in eigenen Kolumnen das Putin-Regime scharf zu kritisieren.
Es ist diese Kritik, weswegen Glukhov­sky auf Einladung des russischen Kulturzentrums, des Puschkin-Hauses, Anfang Juni nach London kam. Dort spricht er mit einem bekannten britischen Journalisten über die Situation in Russland und nimmt eine Jurorentätigkeit für den jährlichen Literaturpreis des Hauses auf.

Wenige haben so viel über die Zukunft Russlands fantasiert wie Dmitry Glukhovsky.

Im Januar, erzählt Glukhovsky den Anwesenden, war er noch einmal in Moskau. Es war das letzte Mal. »Ja, ich bin heute Exilrusse«, bekennt er, denn unter Putin gibt es für ihn kein Zurück mehr. Wenige Tage nach dem Auftritt in London wird bekannt, dass Moskau den Autor zur Fahndung ausgeschrieben hat – in seiner Abwesenheit erging ein Haftbefehl. Nun drohen ihm ein Gerichtsverfahren und möglicherweise viele Jahre Straflager.

Wenige haben so viel über die Zukunft Russlands nachgedacht und fantasiert wie Dmitry Glukhovsky. Dann kamen der Krieg und mit ihm die Fernsehbilder von Menschen in Kiew, die in U-Bahn-Schächten Schutz vor russischen Bombenangriffen suchten. Überlebende in U-Bahn-Schächten? Sieht sich Glukhovsky als Visionär?

»Wissen Sie, ich erhalte oft Bilder aus den U-Bahn-Schächten in Kiew und denke über die Menschen nach, die dort leben. Aber die Wahrheit ist, ich hätte nie erwartet, dass so etwas Realität wird«, sagt Glukhovsky in einem langen Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Damals, als er seine Romane schrieb, hätte er einfach nur über Schritte nachgedacht, die in den Totalitarismus führen.

»Ich schrieb über Krieg, ja, einen Weltkrieg, als eine vollkommene Unmöglichkeit, einzig als Denkmuster des Allerschlimmsten, und darüber, was in diesem Chaos geschehen kann. Derartiges ist in der eingeengten konformen Welt des Westens oft Teil einer Fantasie und beeinflusste Filme wie Mad Max, die auch mich als Teenager begeisterten. Und dann, Jahre, nachdem ich meine eigenen Bücher geschrieben hatte, wurde urplötzlich dieses Allerschlimmste Teil der Gegenwart«, sagt der Autor.

SCHLAFLOSIGKEIT Nichts zu tun war nach den Angriffen gegen die Ukraine für Glukhovsky unmöglich. Er erzählt, wie er am Anfang des Krieges nächtelang nicht schlafen konnte und in den Sog von nicht endenden Nachrichten gezogen wurde. Depressionen setzten ein. Mit seinem geschriebenen Wort – das, was er als Autor am besten beherrscht – begann er, sich gegen diese Situation zu wehren. Statt an seinen Büchern weiterzuarbeiten, schrieb er Kolumnen, die in viele Sprachen übersetzt wurden, darunter auch ins Deutsche.

Nun ist der Schriftsteller ein offizieller Feind des Putin-Apparats – und es ist nicht das erste Mal, dass sein Leben bedroht wird: »Vor dem Krieg habe ich einmal auf Instagram gleich 15 Morddrohungen zugleich erhalten, weil ich etwas geschrieben hatte, was einer Gruppe in Russland nicht gefallen hatte.«

Glukhovsky spricht sich bei dem Interview in London selbst Mut zu. Als Autor und Künstler glaubt er zu diesem Zeitpunkt, nicht unbedingt Staatsfeind Nummer eins zu sein. »Klar, ich kann jetzt nicht mehr nach Russland, und ich habe dort Freundinnen und Freunde, die ich nicht sehen kann, aber es ist nicht so, als hätte ich mein Haus verloren, oder man hätte mein Rückgrat gebrochen«, sagt er und weist auf die Menschen in der Ukrai­ne hin.

DORF Die Gedanken an Russland rufen Erinnerungen wach. Glukhovsky beginnt, von seiner Kindheit zu erzählen, einer sorglosen Kindheit, in der er sich als Russe wie alle anderen fühlte und teils in Moskau, teils in dem kleinen Dorf seiner Mutter aufwuchs. Als Teenager begann er, die langsam zerfallenden Häuser und Denkmäler des nicht mehr bestehenden Sowjetimperiums in Moskau zu bewundern. Der Autor glaubt, in diesem Zerfall die Inspiration für das spätere Schreiben und die ersten Ideen für die Bücherserie Metro gefunden zu haben.

»Ich bekomme oft Bilder aus U-Bahn-Schächten in Kiew«, sagt der Autor.

Als er 14 Jahre alt war, erzählten ihm seine Eltern plötzlich, dass sein Vater Jude ist – und als junger Mann große Schwierigkeiten hatte, als er studieren wollte. Glu­khovsky Mutter hingegen ist christlich-orthodox. Die »Offenbarung« des jüdischen Familienhintergrundes kam nicht von ungefähr. Glukhovsky war in dem Alter, als er seinen ersten Personalausweis beantragen und dafür angeben musste, welche Volkszugehörigkeit er besitze. Er wählte »Russe« statt »Jude«.

Knapp vier Jahre später fand er sich trotz dieser Wahl in Jerusalem als Student an der Hebräischen Universität auf dem Scopusberg wieder. »Es war der Status der Universität, der mich anzog, mehr als alles andere«, behauptet Glukhovsky und spricht von der Zeit in Jerusalem als »Aufopferung meiner Jugendjahre«, denn Ausgehen und Clubben oder Derartiges konnte man dort fast abschreiben, berichtet er.

Obendrein hatte er kaum Geld, und doch hätte ihm sich diese Stadt in einer Art Vertrautheit und Moderne offenbart, auch wenn er sich nicht als Jude per se verstehe, schon gar nicht als religiöser Mensch, und obwohl Kultur, Temperament und Lebensweisen vollkommen anders waren als das, womit er bisher vertraut war. Er denke heute mit Nostalgie an Jerusalem zurück, sagt er über die Stadt, die er nach seinem Universitätsabschluss in Kommunikationswissenschaften und Internationalen Beziehungen bald wieder verließ, »weil ich die Welt sehen wollte«.

GLAUBEN »Ich habe weder einen Glauben noch persönliche Wurzeln im Judentum, aber ich bin doch zu einem gewissen Teil jüdisch, fühle mich also teilweise dazugehörend, und empfinde Sympathie für das jüdische Volk«, so beschreibt sich Glu­khovsky im Gespräch, bevor er beginnt, über die Rolle des Glaubens im Leben zu philosophieren. Vielleicht als Stütze oder Lebenserleichterung, als psychologische Schule, bevor es die Psychologie gab. Er schließt nicht aus, dass es vielleicht etwas sei, mit dem er sich im Alter anfreunden könnte, aber derzeit sei das nichts für ihn.

Andererseits verspüre er große Neugierde auf seine jüdische Seite. Unlängst schrieb er ein Theaterstück über das Ghetto Lodz (Litzmannstadt). Nun hofft er, dass das Stück in London oder New York auf die Bühne kommt. »Die Idee dazu kam mir, als ich Hannah Arendts Buch über die Banalität des Bösen las und nachdem ich auf den Massenmörder Wilhelm Koppe stieß, einen der Mitarchitekten und Verantwortlichen des Dritten Reiches für Vergasungen während der Schoa. Und das Unglaubliche war, dass dieser Kerl, der für den Tod von Zehntausenden verantwortlich ist, nie zur Rechenschaft gezogen wurde, sondern stattdessen unter dem Namen seiner Frau untertauchte und Geschäftsführer der Sarotti-Schokoladenfabrik in Bonn wurde«, empört sich Glukhovsky.

Auch die Rolle des Judenrats von Lodz, dessen Entscheidungen und Beziehungen zu den Deutschen hätten ihn nicht losgelassen. »Man lernt das Böse kennen und dessen Verarbeitung, den Umgang mit der Angst und die Anpassung und Konformität damit.« Damit, glaubt Glukhovsky, hänge auch die Situation in Russland und in der Ukraine zusammen.

»Aufopferung meiner Jugendjahre« nennt er die Zeit an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Nach seiner Zeit in Jerusalem lebte Glu­khovsky in Frankreich und danach in Moskau, wo er für die Nachrichtensender Euronews und RT arbeitete. Es seien gute Jahre in Moskau gewesen, erinnert sich der Autor, »solange man die ständige Fernsehpropaganda ignorierte«. Doch mit der Zeit konnte man der Propaganda überhaupt nicht mehr entkommen, sagt er, weil sie sich in den Köpfen der Menschen ausweitete. Auch die allgegenwärtige Korruption und Bestechung habe das Leben zunehmend ungenießbar gemacht.

Der geschiedene Vater zweier Kinder lebt heute teilweise in Barcelona. Seine Kinder und seine Eltern wohnen ebenfalls nicht mehr in Russland. Eine Sorge weniger, denn langsam werde es auch für Familienangehörige von Regimegegnern gefährlich, glaubt er. Warum wählte er Barcelona und nicht Tel Aviv? Das hat einen einfachen Grund, sagt Glukhovsky: »Es ist einfach zu teuer in Tel Aviv. In Barcelona kann man noch relativ günstig leben.«

HOFFNUNG Wie definiert sich der in Russland geborene Autor mit einem jüdischen Vater? Was heißt es für ihn, dass er in Israel, Frankreich und Spanien lebte? Ist er nun Russe, Franzose, Israeli, Spanier? »Ich bin einfach nur ein Mensch«, ist seine schlichte Antwort. Die Handlung seines nächsten Buches, sagt er, spielt nicht in Russland, sondern in Los Angeles, obwohl die Hauptcharaktere immer noch Russen sind. Glukhovsky glaubt, dass man, um Menschen zu verstehen, nicht einmal dieselbe Sprache sprechen müsse, denn es gebe die Sprache der Gefühle.

Gerade Menschen, die miteinander im Konflikt stehen, müssten die guten Seiten aneinander wiederentdecken. Dies sei nach Blutvergießen wie in der Ukrai­ne sehr schwer. Hoffnung sieht er dennoch. Die Freundschaft zwischen einst verfeindeten Ländern wie Frankreich und Deutschland sei ein Beispiel, dass sich Dinge ändern könnten.

»Wer durch Transparenz Verdacht abbaut, baut auch die Angst ab und zerstört im Mandelkern unserer Gehirne die dort erstehende Paranoia«, sagt Glukhovsky. Er, der Autor düsterer unbarmherziger Romane der Postapokalypse, denkt in diesem Augenblick nicht mehr an das Schlimmstmögliche, sondern an einen Ausweg, die Utopie eines möglichen Friedens.

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