Musik

»Ich bin ein Geschichtenerzähler«

Herr Lavie, Ihr neues Album heißt »Bedroom Crimes«. Was muss man sich darunter vorstellen?
Ich meine damit keine Verbrechen im kriminellen Sinne, sondern eher Verbrechen am Herzen. Diese kleinen Notlügen, der kleine Betrug. Es ist schlicht nicht möglich, immer zu 100 Prozent ehrlich zueinander zu sein. Und manchmal müssen wir, wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren, schwindeln – besonders aber geschieht das in Beziehungen. Man ist zugleich Partner und Beschützer – das ist sehr komplex und in einigen Situationen muss man um die Wahrheit einen Bogen machen. Ich dachte: Wenn das kleine Verbrechen sind, dann wäre der passendste Tatort dafür das Schlafzimmer.

Was verbinden Sie mit diesem Raum?
Dort schlafen wir miteinander, dort träumen wir, dort geben wir uns dem Unterbewussten hin. Für mich bekommen Dinge, die tagsüber geschehen sind, im Schlafzimmer eine andere Gestalt.

Was war denn das interessanteste Schlafzimmer, in dem Sie sich je aufgehalten haben?
Ich war natürlich viel in meinem eigenen Schlafzimmer, habe aber schon oft in anderen Städten gelebt, und es gibt diesen besonderen Moment morgens beim Aufwachen. Das, was du siehst, wenn du aus dem Fenster schaust oder wie das Zimmer eingerichtet ist. Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen: Die Größe deiner Persönlichkeit geht in der Größe des Zimmers auf. In New York zum Beispiel hatte ich ein winzig kleines Schlafzimmer. Als ich dann nach Berlin zog, hatte ich einen großen wunderschönen Raum mit Fenster zum Garten. Es war eigentlich ein bisschen verwirrend. Und ich habe einige Wochen gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Ich wusste nicht, was ich mit dem ganzen Platz und der Schönheit anfangen sollte.

Was haben Sie dagegen getan?
Ich habe die Fenster verschlossen gehalten, blieb im Dunkeln. Ich musste mich an dieses Schlafzimmer erst einmal gewöhnen. Während dieser Zeit habe ich bestimmt auch einige unbewusste Entscheidungen darüber gefällt, wer ich bin und was genau ich in dieser Stadt mache. Rückblickend kann ich sagen, dass alle meine Schlafzimmer auch einen kleinen Teil davon zeigen, wer ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben war.

Mal abgesehen vom Schlafzimmer, wie war es, aus New York nach Berlin zu kommen?
Es war fantastisch. Ich kam 2003, und die Stadt war natürlich ganz anders als heute. Sie war auf dem Weg, sich zu definieren. Alles war günstig, es gab viele Möglichkeiten. Berlin war frei. In New York war alles schon eingefahren, aber in Berlin war alles möglich. Als Künstler hat mich das sehr inspiriert. Ich fing an, Kinderbücher zu schreiben, und nahm mein erstes Album auf.

Wie beschreiben Sie Ihr neues Album?
Es ist ein Konzeptalbum, an das ich aus der Sicht des Regisseurs herangegangen bin. Es sind Songs und damit elf Episoden eines langen Films. Die Kamera schwebt über den Straßen einer imaginären Stadt. Sie schaut in ein Schlafzimmer herein, bleibt dort eine Weile, sieht die Menschen, hört ihnen zu, um danach zum nächsten Ort zu schwenken. Ich wollte ein Universum mit der richtigen Atmosphäre erschaffen.

Einen Song haben Sie gemeinsam mit der französischen Sängerin Vanessa Paradis aufgenommen. Wie haben Sie sich kennengelernt?
Ich suchte nach einer Sängerin und ich wusste, dass sie Französin sein sollte. Und da ich auch Filmregisseur bin, wollte ich zwei Charaktere haben, die gemeinsam singen, aber auch schauspielern. Vanessa ist eine Ikone der französischen Popkultur. Ich mochte sie schon als Kind, kannte ihr Lied »Joe Le Taxi«. Und von daher war es für mich fast selbstverständlich, zu dem Gefühl zurückzugehen, das ich in meiner Kindheit hatte.

Ist es seltsam, mit jemandem zusammenzuarbeiten, von dem man selbst ein Fan ist?
In der ersten Minute fühlt es sich unbeschreiblich an. Aber dann ist es Arbeit. Als sie zusagte, war das ein besonderer Moment. Und auch, als wir uns zum ersten Mal trafen und einen Kaffee miteinander tranken. Wir haben dann schnell mit den Aufnahmen angefangen. Ich kann sehr zügig umschalten: Zum Teil bin ich sehr bodenständig, zum Teil verträumt.

Vor ein paar Jahren haben Sie das Kinderbuch »Der Bär, der nicht da war« geschrieben, das von Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzt wurde. Was reizt Sie an Kinderliteratur?

Ich bin ein Geschichtenerzähler – im Film, in meiner Musik. Und Kinderliteratur ist eine sehr wahrhaftige Art, Geschichten zu erzählen. Sie ist frei von Zynismus. Es ist die echteste Art, zur Wahrheit zu gelangen. Zu meinen Lieblingsbüchern zählen auch Kinderbücher: Peter Pan, Winnie-the-Pooh, Der kleine Prinz, Die unendliche Geschichte. Sie haben mich als Kind geprägt, und als Erwachsener habe ich sie wieder entdeckt.

Mit dem Sänger sprach Katrin Richter.

www.orenlavie.com

Eurovision

Weimer fährt für Israels ESC-Auftritt nach Wien

»Es ist kein Ort, wo politische Dinge in dieser Dimension eine Rolle spielen sollten«, sagt der Kulturstaatsminister

 12.05.2026

Filmfestivals

Regisseurin: Filmfeste müssen politische Debatten aushalten

Wird es in Cannes ähnlich politisch wie bei der Berlinale?

 12.05.2026

Fernsehen

»Etty«: Eine junge Frau umarmt das Leben und trotzt der Vernichtung

Amsterdam 1941: Die jüdische Intellektuelle Etty Hillesum besiegt ihre Ängste und erlebt eine große Liebe. Sie führt Tagebuch, das viele weltweit berührt. Nun ist es verfilmt worden

von Annette Birschel  12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026

Wien

Wie gewinnt man eigentlich den ESC?

Ein Lied über Krieg? Ein queerer Act? Oder ein Song, über den vor allem Jurys jubeln? Viele Thesen kursieren, wie man den Eurovision Song Contest gewinnt. Zeit für eine Annäherung kurz vor dem Finale

von Gregor Tholl, Jonas-Erik Schmidt  12.05.2026

Berlin

Dieter Nuhr erhält Leo-Baeck-Preis 2026 des Zentralrats der Juden

Mit der höchsten Auszeichnung des Zentralrats würdigt die Organisation insbesondere Nuhrs Engagement gegen Antisemitismus in der deutschen Medienlandschaft

 11.05.2026

Monacensia

Münchner Schau zum Archiv von Rachel Salamander

Dem Jüdischen wieder Präsenz geben in der Gesellschaft: Das war das Ziel, das die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander mit ihrer Buchhandlung erreichen wollte. Nun wird ihr Archiv nach und nach erschlossen

von Barbara Just  11.05.2026

TV-Tipp

Vieldiskutierter Blockbuster »Barbie« bei RTL - Komödie um die legendäre Puppe und eine irrwitzige Identitätskrise

Greta Gerwigs Erfolgsfilm um die berühmte Puppe Barbie, deren sorgenfreies Leben durch dunkle Gedanken gestört wird, so dass sie sich mit ihrem Verehrer Ken in die Welt der Menschen aufmacht, um die Krise zu überwinden

von Michael Kienzl  11.05.2026

ESC-Kolumne

Israel beim ESC: Gesungene Geschichte

Viermal hat Israel den Europäischen Gesangswettbewerb gewonnen. Wie sieht es wohl diesmal aus?

von Martin Krauss  11.05.2026