Fotografie

Hummus mit Cola und Fritten

Geröll im Negev und der Asphaltdschungel Tel Avivs: Stephen Shores Reisebilder aus Israel Foto: Phaidon

Stephen Shore ist einer der einflussreichsten Fotografen Amerikas. In den 60er-Jahren begann er mit Fotoreisen durch die USA eine Bilderchronik des vermeintlich Banalen – Plätze, Objekte, Menschen –, ungeachtet ihrer vermeintlichen Bedeutungslosigkeit.

Seine bevorzugten Motive waren und sind Straßenszenen und, konträr zu der unwirklich schönen Food-Fotografie der Werbewelt, Essen: meist Fast Food in seiner kargen, mal unappetitlichen, grafisch jedoch ambitionierten Form.

gestein Mit diesem Fokus ist der New Yorker Fotograf seit 1994 auch mehrfach nach Israel gereist. Aus dem Teller mit Burger wurde ein Teller mit Hummus, die Beilagen – Fritten und Cola – umrahmen Fast Food auch im Nahen Osten. Die Weite Amerikas tauschte Shore gegen den deutlich dichter besiedelten, geschichtsträchtigen Boden Israels, den Trash amerikanischer Popkultur gegen Ansichten von Souvenirs heiliger Stätten und Aufnahmen des Gesteins an unterschiedlichsten Orten.

Darunter sind die Ausgrabungsstätten in Aschkelon, der Berg Gerizim, das Geröll der Negevwüste und der Asphaltdschungel von Tel Aviv. Fotografiert hat Shore abwechselnd mit einer schweren 8x10-Inch-Kamera und einem hochwertigen, digitalen Kleinbild-Apparat. Vielleicht ein Zufall, auf jeden Fall aber eine schöne Analogie zu Israel, einem Land zwischen Tradition und subversiven, jungen Strömungen.

Shore ist nicht Jude, noch hatte er vor diesem Langzeitprojekt irgendeinen engeren Bezug zu Israel. Der französische Fotograf Frederic Brenner, seit Jahrzehnten Chronist des jüdischen Lebens weltweit, hatte ihn und elf andere renommierte internationale Fotografen eingeladen, im Rahmen des Projekts »This Place«, Israel fotografisch zu erkunden und Motive jenseits der täglichen konfliktgeprägten Nachrichtenbilder zu finden. Finanziert wurde das Projekt von 60 fast ausschließlich jüdischen Spendern.

spiegelbild Diesen Hintergrund erwähnt allerdings der im Berliner Phaidon Verlag erschienene Band From Galilee to Negev nicht, der Shores Israel-Aufnahmen sammelt, ordnet und mit sehr lesenswerten Texten von landeskundigen Journalisten, Künstler, einem Anthropologen und einem Historiker ergänzt. Hatte man Angst, dass der Vorwurf der Beeinflussung der gesponserten Fotografen auftauchen könne? Frederic Brenner meinte dazu in einem Interview mit der New York Times, er habe die Fotografen nicht nach Israel einladen lassen, um ihnen ein Land zu zeigen, in dem Milch und Honig fließen. Er wollte, dass die Fotokünstler jenseits der Tagesaktualität unvoreingenommen ein Land kennenlernten, das, so Brenner, »seine Bewohner Tag für Tag verschlingt«.

Und Stephen Shore selbst? Wie sieht er das Land? »Ich finde es etwas eigenartig, einem Israeli zu erzählen, was ich von Israel halte«, so der Fotograf in einem Gespräch mit der Zeitung Haaretz: »Ich war dort insgesamt nur wenige Monate. Ich möchte nicht der Amerikaner sein, der sagt ›Ich überblicke die Situation‹«. Shore ist nicht naiv. Er ist sich des historischen, spannungsgeladenen Bodens, auf dem er fotografiert hat, natürlich bewusst. Aber er macht keine Meinung. Shore spiegelt. Wie es in einem Song, von Velvet Underground heißt: »I’ll be your mirror – reflect what you are, in case you don’t know.« Das ist pure Fotografie – anstelle der Reproduktion der Bilder von anderen.

Stephen Shore: »From Galilee to the Negev. An intimate portrait of Israel and the West Bank«. Phaidon, Berlin 2014, 224 S., 273 Abb., 85 US-$

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