Gunter Demnig

Hüter der Steine

Gunter Demnig Foto: Gregor Zielke

Gunter Demnig

Hüter der Steine

Der Initiator der Stolpersteine wird 70 Jahre alt. Auf Zustimmung stößt sein Werk nicht überall

von Ralf Balke  23.10.2017 19:53 Uhr

Form, Material und Aussehen sind immer identisch: Es geht um 96 mal 96 Millimeter große und 100 Millimeter hohe Betonwürfel. Versiegelt mit einer Messingoberfläche, auf der Vor- und Nachname sowie die biografischen Daten und das Schicksal eines Opfers der NS-Zeit zu lesen sind, lassen sich überall auf Gehwegen finden.

Die Rede ist von den Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig. 63.000 in über 20 Ländern von ihnen soll es mittlerweile geben. 95 Prozent davon habe er selbst verlegt, sagte Demnig einmal im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Unabhängig davon, ob das stimmt oder zur Legendenbildung gehört, bei diesem »Denkmal von unten« oder »größtem dezentralen Mahnmal weltweit«, wie das 1992 initiierte Erinnerungsprojekt auch gerne bezeichnet wird, handelt es sich ganz offensichtlich um eine Erfolgsgeschichte, die ihren Erfinder berühmt gemacht hat.

Nachfrage »Die Grundidee, die dahintersteckt, ist die, dass wir überall da aktiv werden, wo die SS ihr Unwesen getrieben hat«, erläutert der gebürtige Berliner sein Konzept. »Am häufigsten werden wir von Heimat- und Geschichtsvereinen kontaktiert, aber auch von Angehörigen oder Schülergruppen, die wollen, dass wir bei ihnen auch einen Stein verlegen.«

Dies geschieht immer vor dem Gebäude, in dem die Verfolgten vor ihrer Deportation zuletzt gelebt hatten – selbst wenn dieses nicht mehr existiert. 120 Euro kostet so ein Stein. Das Ganze ist ein All-inclusive-Preis, der die Herstellung sowie die Verlegung beinhaltet. Neun Mitarbeiter gehören derzeit zu dem Team von Gunter Demnig. Und dass sie in naher Zukunft ohne Beschäftigung sein könnten, dürfte wohl nicht der Fall sein. Denn die Nachfrage nach den Stolpersteinen ist deutschlandweit nach wie vor sehr groß.

Die Beschäftigung mit dem Erinnern hat für Demnig auch einen ganz persönlichen Hintergrund. Im Alter von 18 Jahren entdeckte er auf dem Speicher des Elternhauses eine Schachtel mit vergilbten Fotos, die seinen Vater bei der berüchtigten Legion Condor, die die baskische Stadt Guernica dem Erdboden gleichgemachte hatte, sowie als Besatzungssoldat der Wehrmacht in Frankreich zeigen.

Doch Demnig senior verweigerte sich hartnäckig den bohrenden Fragen seines Sohnes, weswegen dieser beschloss, bei dem Thema Vergangenheitsbewältigung unkonventionelle Wege zu gehen, die ein Wegschauen und Verdrängen unmöglich machen. Seine erste Aktion 1990 hieß denn auch »Mai 1940 – 1000 Roma und Sinti«, wobei er diese Worte immer wieder mit einem Druckrad auf der Deportationsroute verschleppter Sinti und Roma quer durch Köln bis hin zur Verladerampe auf die Straßen schrieb.

Andenken Nicht jeder ist von den Stolpersteinen und deren Form des Erinnerns begeistert. »Damit wird das Andenken von Menschen, die Verfolgung und Entwürdigung erleben mussten, bevor sie auf schreckliche Weise ermordet wurden, nochmals entwürdigt und sprichwörtlich mit Füßen getreten«, sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, über die Stolpersteine. Andere, wie Zentralratspräsident Josef Schuster, kritisieren zwar die oftmals erfolgte Übernahme von Naziterminologie wie »Rassenschande« auf den Inschriften. Schuster hat aber mehrfach betont, dass Stolpersteine eine gute Form der Erinnerung sind, die Menschen mit der Geschichte konfrontieren.

Am 27. Oktober feiert Gunter Demnig seinen 70. Geburtstag. Fest steht: Es werden noch viele Stolpersteine verlegt werden – zur Freude ihrer Befürworter und zum Ärger ihrer Kritiker.

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