Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Sandra Hüller in »Vaterland« Foto: Filmfestival de Cannes/ Agata Gryzbowska

Kein einziger Film aus Israel läuft in diesem Jahr in Cannes, nicht einmal in den Nebenreihen und Parallel-Sektionen fernab des Wettbewerbs. Doch ohne jüdische Filmschaffende und ihre Geschichten müssen natürlich die 79. Internationalen Filmfestspiele, die an diesem Samstag mit der Verleihung der Goldenen Palme zu Ende gehen, trotzdem nicht auskommen.

Zur Halbzeit des Festivals zu den großen Höhepunkten (und damit auch heißen Preiskandidaten) im Wettbewerb gehört beispielsweise Vaterland von Pawel Pawlikowski, dessen jüdische Großmutter mütterlicherseits in Auschwitz ermordet wurde. Der polnische Regisseur verdichtet und kombiniert wahre Tatsachen, um von der ersten Deutschlandreise Thomas Manns (Hanns Zischler) nach dem Zweiten Weltkrieg in Begleitung seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) zu erzählen.

Auf den Spuren Goethes von Frankfurt am Main nach Weimar

Auf den Spuren Goethes fahren die beiden von Frankfurt am Main nach Weimar, überschattet von der Nachricht, dass Klaus Mann sich das Leben genommen hat. Die Genauigkeit und Klarsichtigkeit, mit denen Pawlikowski über den kurzen Zeitraum der Handlung ein Bild nicht nur von den komplexen Verhältnissen in der Familie Mann, sondern auch von Deutschland am Neuanfang, von Heimatgefühlen, der Kraft der Kunst und den Schwierigkeiten der Aussöhnung erzählt, machen diesen ebenso strengen wie schönen Schwarz-Weiß-Film zu einem Ereignis. Genauso wie einmal mehr die große Schauspielkunst der Sandra Hüller.

Die unmittelbaren Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs prägen das Festivalprogramm in diesem Jahr so sehr wie lange nicht, was auch damit zu tun hat, dass im französischen Kino die Jahre des Vichy-Regimes von 1940 bis 1944 ein Thema der Stunde zu sein scheinen.

Der ungarische Regisseur László Nemes etwa, der seine jüdischen Wurzeln gerade erst wieder in Andor Hirsch verhandelt, erzählt in der französischen ProduktionMoulin von Jean Moulin (Gilles Lelouche), der 1943 den Widerstand leitet und in Lyon in die Hände von Gestapo-Führer Klaus Barbie (Lars Eidinger) gerät. Was als Historiendrama beginnt, verdichtet sich zum Folter-Horror, und selten wünschte man einem Film-Helden so sehr, dass er sterben darf. So viel Wucht, dass man emotional erschlagen das Kino verlässt, hatten in Cannes dieses Jahr bislang noch wenige Filme.

Internierung verhafteter ausländischer Jüdinnen und Juden

Zur gleichen Zeit spielt auch La troisième nuit, die neue, in der Reihe Cannes Premiere laufende Regiearbeit von Daniel Auteuil, nur dass hier am Ende der Tonfall ein anderer ist. Im Zentrum des Films steht der real existierende Regierungsbeamte Gilbert Lesage (Antoine Reinartz), der eigentlich den Auftrag hat, die Internierung verhafteter ausländischer Jüdinnen und Juden zu organisieren. Doch dann tut er sich mit dem katholischen Priester Glasberg (Auteuil selbst) zusammen, der einst als ukrainischer Jude nach Frankreich gekommen war, um möglichst viele jüdische Kinder vor der Deportation zu beschützen. Ein bewegender Film, der einen mit Hoffnung auf Menschlichkeit entlässt.

Aus den USA laufen in diesem Jahr nur zwei Filme im offiziellen Wettbewerb, beide inszeniert von jüdischen Regisseuren. In James Grays Paper Tiger spielt sein Background dabei zumindest eine kleine Rolle, spielen doch Adam Driver und Miles Teller hier zwei jüdische Brüder im New York der 80er-Jahre, die der russischen Mafia in die Quere kommen.

Doch die Geschichte über Aufstiegsträume und Loyalität erweist sich am Ende leider als eher durchschnittlich spannende Mischung aus Gangsterthriller und Familiendrama. In die 80er-Jahre kehrt mit The Man I Love auch Ira Sachs zurück – und erzählt dabei berührend, aber auf reizvoll unerwartete Weise vom unheilbar an AIDS erkrankten Performance-Darsteller Jimmy George (Rami Malek) und seinem Umfeld.

Mit Abwesenheit glänzen

Während Scarlett Johansson, die in Paper Tiger auch mit von der Partie ist, wegen Dreharbeiten ihre Reise an die Côte d’Azur absagen musste, blieb sie nicht der einzige jüdische Hollywoodstar, der auf der Croisette mit Abwesenheit glänzte. Dustin Hoffman spielt zwar eine kleine Rolle in der verzichtbaren Neo-Noir-Nostalgie Diamond seines Schauspielkollegen Andy Garcia, blieb allerdings zu Hause. Was unerwartet auch für Barbra Streisand gilt: Die Oscar-Gewinnerin sollte eigentlich bei der Abschlussgala eine Ehrenpalme für ihr Lebenswerk in Empfang nehmen, konnte die Reise nach einer Knie-Operation allerdings nicht antreten.

Unbedingt erwähnt werden muss noch eine der schönsten Überraschungen des Festivals, nicht nur aus jüdischer Sicht. Der in Schwarz-Weiß gehaltene Animationsfilm Tangles von Leah Nelson (und mitproduziert von Seth Rogen) erwies sich nämlich – leider nicht im Wettbewerb – als entzückendes kleines Meisterwerk. Basierend auf der gleichnamigen Graphic Novel der Illustratorin Sarah Leavitt wird hier von deren Beziehung zu ihrer früh an Alzheimer erkrankten Mutter und ihrer übrigen Familie erzählt, mit so viel Witz, Wahrhaftigkeit und Wärme, dass es eine zu Tränen rührende Freude ist. Gerade auch, weil dabei Leavitts Queerness und ihr Jüdischsein ohne viel Aufhebens und mit großer Selbstverständlichkeit mit in den Fokus genommen werden.

Tobias Korenke

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