Musik

Hommage an Israel

»Seine Dichtung hat immer etwas von dem Zorn und der Trauer der großen Richter und Propheten gehabt«: Bob Dylan (83) wurde als Robert Allen Zimmerman geboren. Foto: picture alliance / Effigie/Leemage

Bob Dylan ist fraglos der größte jüdische Künstler der Gegenwart. Manche Juden wollen ihn nicht als einen der ihren akzeptieren, weil er eine christliche Phase hatte; aber das hat er mit manchen anderen Juden gemeinsam, man denke an Leonard Cohen, Franz Werfel, Arnold Schönberg, Heinrich Heine, Ludwig Börne oder Jesus von Nazareth.

Wie auch immer Robert Zimmerman zur Religion seiner Väter und – für Juden wichtiger – Mütter steht; seine Dichtung hat immer etwas von dem Zorn und der Trauer der großen Richter und Propheten Israels gehabt; ob er 1962 in »The Times, They Are A-Changinʼ« eine neue Sündflut steigen sieht oder fast 60 Jahre später versichert: »Ich bin kein falscher Prophet, sondern der Feind eines ungelebten, sinnlosen Lebens«. Und als er 1983 nach drei Alben Gospel-Musik mit Infidels seine christliche Phase abschloss, ließ sich Dylan auf dem Ölberg mit Jerusalem im Hintergrund fotografieren. Er war dort für die Barmizwa seines ältesten Sohns Jesse.

Das Album Infidels enthält einen Song mit dem Titel »Neighborhood Bully«. Was bedeutet er? Im Deutschen gibt es keine eindeutige Entsprechung für das englische Substantiv »bully«. Obwohl es auch in Deutschland »Bullies« gibt, und nicht zu knapp. Der »Bully«, das ist der Typ auf dem Schulhof, vor dem alle Angst haben, die kleiner und schwächer sind als er. Der ihnen Schutzgeld abnimmt und sie bei Verzug oder Widerspruch vermöbelt.

Israel: der Halbstarke, der die Nachbarschaft tyrannisiert?

Später lungert er an einer Straßenecke herum und kommt sich gefährlich vor – bis die echten harten Jungs auftauchen, die in der Nachbarschaft Drogen verticken, die kleinen Ladenbesitzer terrorisieren und den »Bully« entweder rekrutieren oder derart einschüchtern, dass er fortan brav seinen Job an der Tankstelle oder im Supermarkt macht und zusieht, dass er nicht weiter auffällt. Denn er ist im Herzen feige.

In Wörterbüchern finde ich: »Rabauke, Rüpel, Schläger, Tyrann«. Besser gefällt mir der in den 50er- und 60er-Jahren populäre Begriff »Halbstarker«. Wie soll man also den Titel dieses Dylan-Songs übersetzen: der Halbstarke, der die Nachbarschaft tyrannisiert? So etwa.

Auch andere Juden hatten christliche Phasen: Heine, Börne oder Jesus von Nazareth.

Und natürlich ist Israel gemeint. Israel in den Augen der Pazifisten und Postkolonialen, der linken Antisemiten, der nützlichen Idioten der arabischen Nationalisten und muslimischen Maximalisten. 1982, als Dylan am Album arbeitete, war in der »Washington Post«, der Zeitung des linksliberalen Mainstreams, ein Artikel des afroamerikanischen Kolumnisten William Raspberry mit dem Titel »Israel as Bully« erschienen. Darin verglich der Autor das Verhältnis der USA zum jüdischen Staat mit der Haltung einer Mutter zu ihrem schwer erziehbaren Sohn: Er sei doch eigentlich ein »braver Junge«. Dagegen griff Dylan zur Gitarre, um den »Bully Israel« zu verteidigen.

Der jüdische Staat, so heißt es im Song, schuf einen Garten Eden im Wüstensand; doch seine Feinde, die in einer gewaltigen Überzahl sind, behaupten, das Land gehöre ihnen. Als er im Sechstagekrieg die Armeen zerstörte, die ihn lynchen sollten, wurde er kritisiert; als er im Irak eine Atomwaffenfabrik zerstörte, ebenso. Seine Verbündeten verkaufen ihm veraltete Waffen, würden aber nie eigene Soldaten schicken, um ihn zu verteidigen. Er ist von Pazifisten umringt, die nur darauf warten, dass er einschläft, wie Hunde auf ihr Fressen warten.

Dylan singt vom jüdischen Volk, von seinem Volk

Dylan singt aber auch vom jüdischen Volk, von seinem Volk, von »dem Juden«, der sich immer vor Gericht dafür verantworten muss, dass er überhaupt am Leben ist, der sich nicht wehren soll, wenn man ihm die Tür eintritt, der aus jedem Land der Erde vertrieben wurde, der überall im Exil ist, den jeder Irre legal töten darf, dessen heilige Schriften zertrampelt wurden, dem gegenüber kein Vertrag gilt; und der dennoch aus den Krümeln, die man ihm zuwarf, Reichtum machte, dessen medizinische Kenntnisse seit der Antike geschätzt werden; der alle Reiche, die ihn versklaven wollten und versklavt haben, Ägypten, Babylon, Rom, überdauert hat und wohl überdauern wird bis ans Ende der Zeit.

Ich habe letztes Jahr mit Shot of Love ein Buch über die Songs von Bob Dylan geschrieben, und zusammen mit meinen Band-Kollegen Peter Gentsch und Hans-Günther Scheunemann toure ich damit durch Berlin. Wir singen einige der 50 besprochenen Songs, und ich lese die entsprechenden Passagen aus dem Buch. »Neighborhood Bully« ist immer dabei, eine tolle Rock-Nummer übrigens im Stil der Rolling Stones. Gerade jetzt. Gerade nach dem 7. Oktober 2023. Gerade jetzt, wo wieder einmal alle mit dem Finger auf den Rabauken Israel zeigen.

Konzertante Lesung - mit Familienanschluss

Ich erkläre dem – nichtjüdischen, meist linken – Publikum: »Es mag legitim gewesen sein, nein, es war legitim, vor 1933 den Sinn des Zionismus zu diskutieren. In der Familie meines Vaters waren die Eltern gegen den Zionismus, dito der älteste und der jüngste Sohn (mein Vater). Ja, man machte sich über die unter deutschen Juden kursierende Wiederentdeckung des Hebräischen lustig: grüßte sich etwa mit ›Schalomwiedebomm!‹« Das Jiddische gar war verboten: Wer im Hause meiner Großeltern Wörter wie »meschugge« oder »Mischpoche« verwendete, musste einen Groschen Strafe zahlen.

Nur mein Onkel Ludwig und seine Frau Lotte waren Zionisten. Und doch musste mein Vater 1935 nach Palästina, weil man ihn nirgendwo sonst haben wollte. Die Diskussionen um die Berechtigung eines jüdischen Staates erwiesen sich für die Familie Posener als abstrakt. Konkret hieß es bleiben oder sterben, wie mein etwas meschuggener Großonkel Alfred, der 1933 durch Lichterfelde radelte und alle mit einem fröhlichen »Heil Hitler!« grüßte. Zehn Jahre später wurde er nach Theresienstadt abtransportiert und starb dort kurz nach der Ankunft.

Wenn ich »Neighborhood Bully« erläutere und ankündige, merke ich ein kollektives Atemanhalten im Publikum. Ich erwarte immer eine Störung, einen Zwischenruf, einen Protest, bin auf Feindseligkeit gefasst. Aber, und das ist ermutigend: Stattdessen gibt es am Ende des Songs noch stärkeren Beifall als sonst. Und nach der konzertanten Lesung kommen immer wieder Leute zu mir, um sich gerade für diesen Song zu bedanken. Dylans Song war 1983 aktuell und notwendig, er ist über 40 Jahre später leider immer noch aktuell und nötig. Eine Ermunterung. Mehr jüdische Künstler sollten sich so äußern.

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