Studie

Historische Grundkonstante

Europa gegen die Juden – auch ohne einschränkende Jahreszahlen vermittelt der Titel des Buches eine traurige Wahrheit: Judenhass tritt in allen Perioden europäischer Geschichte als gesellschaftliche Größe in Erscheinung, man könnte ihn eine historische Grundkonstante Europas nennen.

Der Berliner Historiker Götz Aly hat sich der Aufgabe verschrieben, den Judenhass der Moderne zu untersuchen. Er folgt dabei seiner These, die er bereits in dem 2011 erschienenen Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? vertreten hat, nun erweitert auf andere europäische Nationen: »Die trägen Nicht-Juden sahen ihnen mit Neid und Missgunst hinterher. Aus Schwäche erwuchsen zuerst Sehnsucht nach kollektiver Stärke, dann Rassendünkel und am Ende mörderischer Antisemitismus.«

Assimilation Seit Jahren beschäftigt ihn die Frage, warum die europäischen Juden einerseits so erfolgreich mit der Moderne zurechtkamen, zum Segen der Länder, in denen sie sich assimiliert hatten, andererseits dafür gehasst und verfolgt wurden. Es handele sich dabei, wie Aly erklärt, um ein komplexes Phänomen, dessen Analyse gründlicher wissenschaftlicher Forschung bedürfe: »Wer beansprucht, aus dem Holocaust im präventiven Sinn zu lernen, muss auf die differenzierte Aufklärung jener verästelten Vorgeschichten dringen, auf deren Grundlage die monströse Untat begangen wurde.«

Dieses Zitat deutet auf die zwei unübersehbaren Schwächen des Buches, erstens auf den kaum erfüllbaren, schließlich vom Autor selbst angezweifelten Vorsatz, »aus dem Holocaust im präventiven Sinn zu lernen«, zum anderen darauf, dass Aly gerade die »differenzierte Aufklärung jener verästelten Vorgeschichte« zugunsten seiner sozialwissenschaftlichen These vernachlässigt hat. Seine These scheint ihm selbst aufregender, als sie ist.

Er geht – zu Recht – davon aus, dass der mit der sogenannten »Emanzipation der Juden« im frühen 19. Jahrhundert einsetzende rasante soziale Aufstieg der bisher marginalisierten Minderheit massiven Sozialneid bei denen ausgelöst habe, die sich benachteiligt und »abgehängt« fühlten, vor allem bei weniger gebildeten, zurückgebliebenen, von der modernen industriellen Entwicklung überforderten Schichten der europäischen Bevölkerungen.

motivation Doch diese sozialwissenschaftliche These allein bietet nicht die »differenzierte Aufklärung« des Phänomens. Sie ist nur eine Facette der »verästelten Vorgeschichte«, nur eine von vielen gesellschaftlichen Motivationen des europäischen Judenhasses. Zunächst ist es ein Irrtum, sozial motivierten Judenhass als neuartiges oder mit der Moderne verbundenes Phänomen anzusehen.

Schon vor 2000 Jahren kritisierte der römische Philosoph Seneca die Juden – nach dem Zeugnis des frühchristlichen Autors Augustinus – vor allem für die Einhaltung des Schabbat, was keinen religiösen Vorbehalt meinte, sondern einen sozialen: Da die Juden bekanntlich »Landfremde« und Sklaven in ihre Schabbat-Freiheit einbeziehen, fürchtete Seneca, einer der reichsten Sklavenhalter Roms, den enormen Verlust an Profit und Arbeitskraft, falls das jüdische Vorbild Schule machte.

Vorwände Das Beispiel zeigt, wie alt und mannigfach die sozial motivierten Vorwände für Judenhass in Europas Geschichte sind, sie wurden nicht erst von der europäischen Linken instrumentalisiert (wobei Alys Analyse des oft vernachlässigten Antisemitismus der Linken zu den Stärken des Buches gehört), und wie komplex sich das Phänomen erweist, wenn man seine vielen weiteren Legitimationsmuster in Betracht zieht, rassistische, religiöse, pseudo-juristische, kulturhistorische und andere.

Für eine »differenzierte Aufklärung« der Vorgeschichte des Holocaust müsste das konzertierte Ineinanderwirken der verschiedenen Legitimationsmuster des »modernen Antisemitismus« im gesellschaftlichen Bewusstsein Europas untersucht werden. Doch Aly lehnt es ausdrücklich ab, die unterschiedlichen Motivationslagen des europäischen Antijudaismus in ihren Zusammenhängen zu sehen und etwa »den modernen Antisemitismus auf den jahrhundertealten christlichen Antijudaismus zurückzuführen«.

Letzterer wird aus seiner Studie ganz ausgeblendet, als hätte er nicht rund 2000 Jahre das Verhältnis europäischer Mehrheiten gegenüber den Juden bestimmt – ein traditionelles Depot des Hasses, das auch im 20. Jahrhundert, trotz schwindender Kraft der Kirche als Institution, nichts von seiner Vehemenz verloren hatte. Alys historischer Blick geht nicht in die Tiefe, schafft wenig Überblick, bleibt ganz auf die Details der Moderne fixiert, auf die einseitige These vom Sozialneid breiter Volksschichten als dem entscheidenden antijüdischen Impuls.

Ursachen Zu den Besonderheiten des Buches gehört, dass Aly selbst diese These am Ende infrage stellt. Auf der buchstäblich letzten Seite seines Textes findet er zu der »schwer erträglichen Einsicht«, dass die Überwindung der von ihm herausgearbeiteten sozialen Ursachen des modernen Antisemitismus keineswegs zu dessen Ende führt, ja dass dieser »nicht allein aus dem Bösen, sondern auch aus dem prinzipiell Guten« heraus entstehen könne, aus den »bewahrenswerten politischen Ideen der europäischen Neuzeit (….) Demokratie, Volksfreiheit, Selbstbestimmung und soziale Gleichheit«.

Dem Buch liegt beeindruckende Quellen- und Archivarbeit zugrunde, doch wegen des Mangels an historischem Zusammenhang ist es weniger ein Buch über Antijudaismus als über Aktionismus gegen Juden. Ausführlich beschrieben werden Pogrome, Mordorgien, massenhysterische Aufwallungen, behördliche Diskriminierung und Verdrängungsprozesse.

Aufgrund des umfangreichen Materials, das Aly recherchiert hat, erweist sich das Buch dennoch als lohnende Lektüre. Es belegt zwar nicht die Theorie des Autors, doch es gewährt einen beklemmenden Einblick in die Schrecken des Hasses und der Verfolgung.

Götz Aly: »Europa gegen die Juden. 1880–1945«. S. Fischer, Frankfurt/M. 2017, 432 S., 26 €

Programm

Vernissagen, Workshops und eine Zeitreise ins Berlin von »Babylon Berlin«: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 17. September bis zum 30. September

 16.09.2026

Gaza-Krieg

Der falsche Genozidvorwurf

Der US-Historiker Jeffrey Herf widerspricht seinem viel zitierten israelischen Kollegen Omer Bartov. Eine Klarstellung

von Jeffrey Herf  16.09.2026

Gegen Vorurteile

Über Tattoos, Sport und die Frage, was eigentlich koscher ist - Neuauflage eines Projekts zu jüdischem Leben

Vorne Fotos, hinten Erklärtexte und QR-Codes: Eine neue Box mit Material zu jüdischem Leben in Deutschland ist erschienen. Gedacht ist sie für Schule oder Erwachsenenbildung - und als Beitrag gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  16.09.2026

New York

Jetzt äußert sich Ed Sheeran zum Macklemore-Aus

Wegen israelfeindlichen Aussagen wurde US-Rapper Macklemore von Sheerans Tour ausgeschlossen. Nun schildert der Popstar seine Sicht der Dinge

 16.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Kino

»David« - Familienfreundliches Musical nach Motiven aus der Bibel

Ein kleiner Junge besiegt einen furchteinflößenden Riesen mit der Steinschleuder. Die Geschichte von David und Goliath kennen auch viele, die sonst nicht so bibelfest sind. Und sie bietet viel Stoff für eine Verfilmung

von Martin Ostermann  15.09.2026

Israel

Wie Quentin Tarantino Israelis den Kinobesuch vermiest

Berichte über Quentin Tarantinos Kinobesuche gehen in Israel viral. Eine Frau hätte ihn beinahe angebrüllt

von Sophie Albers Ben Chamo  15.09.2026

Dearborn

Henry Fords antisemitische Vergangenheit in Ausstellung behandelt

Im nächsten Jahr öffnet Fair Lane, das frühere Anwesen von Henry Ford, wieder für Besucher. Die Einrichtung stellt sich nun einer Vergangenheit, die in der Region lange nur unzureichend thematisiert wurde

 15.09.2026

Tel Aviv

IDF-Chef prüft rechtliche Schritte gegen Film »Naza«

Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnet bisher bekannt gewordene Teile der Doku als »Ritualmordlegenden, bewusste Verzerrungen der Realität und falsche Anschuldigungen gegen IDF-Soldaten«

 15.09.2026