Glosse

Hierbleiben ist auch keine Lösung

Ayala Goldmann Foto: Ayala Goldmann

Glosse

Hierbleiben ist auch keine Lösung

Warum ich endlich nach Raanana will

von Ayala Goldmann  03.02.2024 21:18 Uhr

Neulich bei einer Geburtstagsfeier im tiefsten Berliner Winter. »Ich war gerade in Tel Aviv«, erzählte eine Frau in der Runde. »Das hat so gut getan, meiner Familie den Rücken zu stärken! Jetzt weiß ich wieder, wo ich stehe. Im Februar fliege ich wieder hin.«

Ich gebe zu, ich war ein bisschen neidisch. Auf diese Haltung und den baldigen Flug. »Du hast es gut«, sagte ich. »Ich weiß nicht mehr, wo ich stehe. Der Krieg dauert schon so lange. Und mein Flug geht erst Ende März.« »Schlechtes Timing«, meinte die Frau. »Flieg lieber jetzt, danach geht es vielleicht nicht mehr.«

Was Flüge angeht, war mein Timing schon letztes Jahr suboptimal. Unser Israel-Urlaub in den Herbstferien ist natürlich ausgefallen. Mitte Oktober war ich für einen Tag in Tel Aviv, genauer gesagt sechs Stunden, mit Bundeskanzler Scholz und 20 anderen Journalisten. Leider hat die Hamas auch den Großraum Lod mit ihren Raketen nicht verschont. Wir mussten uns auf das Rollfeld legen. Seitdem will ich nur dann nach Israel fliegen, wenn ich davon ausgehen kann, dass der Ben-Gurion-Flughafen nicht beschossen wird. Ist das zu viel verlangt?

Schon klar, es geht nicht nur um mich. Aber ich möchte meine Verwandten endlich wiedersehen! Vor allem meine Familie in Raanana, einer wohltuend langweiligen israelischen Stadt, in der es aber vor Kurzem einen Terroranschlag gab, nahe bei dem Café, in das mein Cousin und meine Cousine gern gehen, nur an diesem Tag zum Glück nicht. Vielleicht könnte ich ihnen den Rücken stärken. Oder sie mir.

Zusammen die Hamas verfluchen

Wir könnten zusammen die Hamas verfluchen. Und noch ein paar andere Leute (manche in Gaza und manche in Jerusalem). In Raanana würden wir auf der Dachterrasse Arak trinken. Es könnte sein wie vor dem 7. Oktober. Nur ein kleines bisschen so wie früher. Gibt es Israel noch? Die Sonne, das Meer und die Familie? Ich muss es mit eigenen Augen sehen, um es wirklich zu glauben.

Es war eine Sponti-Entscheidung, einen easyJet-Flug nach Tel Aviv zu buchen. Über Ostern. Einfach so. »Total billig. 312 Euro mit Aufgabegepäck!«, erklärte ich meinem Mann. Der war nicht amused. »Billig? 300 Euro für einen Flug ins Kriegsgebiet? Unser Sohn bleibt hier!«, stellte er in einem Tonfall fest, der keinen Widerspruch duldet. »Ist ja gut«, verteidigte ich meine Reisepläne, »ich habe nur für mich gebucht.« »Das will ich stark hoffen! Ich komme sowieso nicht mit!«

Aus Israel höre ich ganz andere Töne. »Du kannst die ganze Woche bei mir wohnen! Vergiss die Hisbollah! Die schießt nicht in unsere Ecke!«, verspricht meine Freundin, die in der Nähe von Jerusalem wohnt. Sie ist überhaupt sehr euphorisch.

Vielleicht, weil ihr Sohn nach drei Monaten als Soldat in Gaza aus der Armee entlassen wurde. Jetzt muss sie nicht mehr auf die schlimmste aller Nachrichten warten. Und ich nicht weiter in der »Times of Israel« die Fotos junger Männer scannen, denen ich ein langes Leben gewünscht hätte. Ein Lichtblick! Mehr davon! Hierbleiben ist auch keine Lösung. Oder?

Programm

Kultursommer, Führungen und Einstein vs. Hawking: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 31. Juli bis zum 6. August

 02.08.2026

Gesprächsband

Jenseits der Dogmen

Daniel Cohn-Bendit, säkularer und linker Jude, blickt in »Erinnerungen eines Vaterlandslosen« auf ein spannendes Leben

von Marko Martin  01.08.2026

Rezension

Von Gottesmördern und »Genozid«

Renommierte Autoren wie Eva Illouz und Jeffrey Herf wenden sich in einem Sammelband gegen die Umdeutung des 7. Oktobers

von Therese Klein  01.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Koschere Küsse und gebrochene Herzen: Jüdische RomCom mit Tiefgang

von Margalit Edelstein  01.08.2026

Medizin

Blutprobe ohne Nadel

In einer israelischen Studie analysiert Künstliche Intelligenz feinste Gefäße im Auge. Das Verfahren könnte Tests sogar ohne Labor ermöglichen

von Sabine Brandes  01.08.2026

Aufgegabelt

Süße Burekas

Rezepte und Leckeres

 01.08.2026

Sehen!

Warten auf »The Pitt«

Es könnte noch sechs Monate dauern, bis die dritte Staffel der Krankenhaus-Serie startet

von Katrin Richter  01.08.2026

New York

John Legend spielt Harry Belafonte in neuem Film

»The Road Home« bringt die Geschichte der Musiker Hugh Masekela, Miriam Makeba und Harry Belafonte auf die Leinwand. Die Soul-Größe John Legend sieht seine Rolle als Privileg

 31.07.2026

London

Nach Protesten gegen sein Lied über Israel: Boy George tritt nicht mehr im London Palladium auf

Die Hintergründe

 31.07.2026