Kino

»Helen Mirren ist ein fantastischer Anker«

Marc Forster wurde 1969 in Ulm geboren. Foto: picture alliance / TT NEWS AGENCY

Der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster erzählt in seinem neuen Drama »White Bird« von einem jüdischen Mädchen namens Sara in Frankreich, das nach der Deportation der Eltern von einem Klassenkameraden versteckt wird. Als Vorlage diente das gleichnamige Jugendbuch von Raquel J. Palacio.

Herr Forster, Ihre Interessen als Filmemacher sind vielfältig. Was war es, dass Sie an der Geschichte von »White Bird« reizte?
Ich las die Graphic Novel von Raquel J. Palacio in den ersten Pandemie-Wochen 2020, als wir alle zu Hause festsaßen. Die Geschichte ging mir sehr zu Herzen, und ich spürte, dass es wichtig wäre, sie auch im Kino zu erzählen. Denn gerade während sich die Welt da draußen veränderte, wirkte sie immer noch bemerkenswert aktuell. Dabei wollte ich als jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist, eigentlich nie einen Film über den Zweiten Weltkrieg oder Nazis drehen.

Wie würden Sie besagte Aktualität genau beschreiben?
Ganz abgesehen davon, dass ich glaube, dass ein junges Publikum heute sich vermutlich nicht so intensiv mit dem Dritten Reich auseinandergesetzt hat wie unsereins früher, erschien mir der Stoff nicht nur im historischen Sinne lehrreich. Auf der ganzen Welt beobachten wir aktuell starke Rechtsbewegungen, überall ist die Demokratie bedroht. Auch hier in den USA, wo ich lebe. Vieles, was wir uns nach dem Zweiten Weltkrieg erkämpft haben, nehmen wir als selbstverständlich hin. Da sind wir etwas faul geworden und müssen mehr vor Augen führen, wie schnell es mit diesen Freiheiten auch wieder vorbei sein kann.

Trotzdem erzählt »White Bird« letztlich eine positive, hoffnungsvolle Geschichte …
Ja, es war mir wichtig, das Publikum am Ende des Films mit Hoffnung zu entlassen. Und das ist jetzt, wo er in die Kinos kommt und an mehreren Orten auf der Welt Krieg herrscht, wichtiger denn je. Ich jedenfalls bin ein sehr positiver Mensch – und vielleicht auch ein bisschen naiv. Aber ich habe das Gefühl, dass der Mensch doch noch zur Vernunft kommen wird und wir schlussendlich einen Weg des Friedens finden werden.

Wenn man hoffnungsvoll und mit dem Fokus auf die Emotionen junger Menschen erzählt, lauert um die Ecke oft die Kitschgefahr, was gerade in Geschichten über die Nazi-Zeit heikel ist. Wie sind Sie damit umgegangen?
Klar, das ist immer eine Gratwanderung. Zumal wir auch mit Fantasy- oder magischen Elementen arbeiten und man da genau abwägen muss, wie man das visuell umsetzt. Ich vertraue da auf meine Sensibilität. Aber das Wichtigste ist ohne Frage, dass man wirklich glaubwürdige Schauspieler hat, die die Geschichte tragen können. Ich hatte großes Glück, mit Ariella Glaser und Orlando Schwerdt zwei tolle junge Hauptdarsteller zu finden, die bemerkenswert überzeugend waren und echte Chemie miteinander hatten. Und Helen Mirren, die in der Rahmenhandlung die alte Sara spielt, ist für den Film ein fantastischer Anker.

Apropos Helen Mirren, die in Kürze auch als Golda Meir in den deutschen Kinos zu sehen ist. An ihr entzündete sich kürzlich die Debatte, ob jüdische Rollen nicht besser auch mit jüdischen Schauspielern besetzt werden sollten. Wie stehen Sie dazu?
Letztlich glaube ich an die künstlerische Freiheit, und nicht umsonst heißt der Beruf »Schauspieler«. Da geht es darum, eine Rolle zu spielen und nicht bloß darzustellen, was man selbst ist. Ich verstehe schon, warum solche Debatten rund ums Thema Authentizität und Identität geführt werden. Und sie haben in meinen Augen auch eine gewisse Berechtigung. Aber ich wünschte, man würde sie nicht immer so übertrieben ins Extrem pushen. Wenn jemand von Helens Qualität wirklich eintaucht in eine Rolle und sie mit Wahrhaftigkeit verkörpert, dann habe ich damit kein Problem. Im Umkehrschluss hätte ich ja auch nie einen Film wie »Monster’s Ball« drehen dürfen, weil ich eben nicht aus den Südstaaten der USA komme. Der Gedanke, dass ich nur deutsche Filme drehen darf, ist doch aber auch absurd, oder?

Das Gespräch führte Patrick Heidmann. Der Film läuft ab 11. April im Kino.

Köln/Murwillumbah

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