Autorentreffen

Heimatkunde für Literaten

Ist der Begriff »Heimat« – hebräisch »Moledet« – noch aktuell? Foto: imago

Autorentreffen sind oft Jahrmärkte der Eitelkeiten. Das liegt in der Natur der Teilnehmer. Umso bemerkenswerter, wie unprätentiös die dritten deutsch-israelischen Literaturtage vergangene Woche in Berlin abliefen. Von Glamour keine Spur, Enthusiasmus kam nicht immer auf, und der Ansturm des Publikums war auch zu bewältigen. Doch bei aller Sprödigkeit schlugen die Diskussionen doch hin und wieder schöne Funken.

»Heimat im Heute« war der Titel der von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Goethe-Institut organisierten Veranstaltung. Heimat ist ein urdeutsches Wort. Engländer, Franzosen oder Spanier können mit dem Begriff wenig anfangen. Aber zwischen Deutschen und Israelis klappte die Verständigung darüber prima. Denn im Hebräischen ist das Wort »Moledet« mindestens genauso heikel und politisch aufgeladen wie im Deutschen. Wie also, so die Frage der Literaturtage, lässt sich Heimat unabhängig von Herkunft und ethnischer Zugehörigkeit, jenseits von Intoleranz und Aggressivität neu verorten? Wie viel Heimatseligkeit ist erlaubt in einem Land wie Deutschland, das endlich ein harmloser Koloss werden möchte? Wie viel Heimat ist möglich in einem Staat wie Israel, in dem man bei jedem Schritt einem anderen auf die Füße tritt?

versöhnt Bei der Eröffnungsdiskussion wollte die israelische Autorin und Journalistin Avirama Golan den Heimatbegriff am liebsten ganz verabschieden. Sie mag ihn nicht, und zwar weder in seiner mütterlich-heimeligen noch in seiner vaterländischen Bedeutung. Zu belastet ist er ihr, zu missbraucht und immer in der Gefahr, den Ausschluss anderer rechtfertigen zu wollen. Die in Berlin lebende Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die ihren Frieden mit ihrer schwäbischen Herkunft gemacht hat, konstatierte eine ins Versöhnliche gewendete Aufweichung des Heimatbegriffs in Europa und definierte für sich selbst: »Haus, Garten, Dackel und die pietistische Großmutter.« Verabschieden wollte Lewitscharoff den für sie harmlos gewordenen Begriff nicht: Literaten und Banker mögen sich global glänzend verstehen, meinte sie, weniger Privilegierten sei der Internationalismus als »Diktat der Vernunft« vielleicht nicht unbedingt zuzumuten.

Die Historikerin Fania Oz-Sulzberger räumte zwar ein, dass Heimat ein problematischer Begriff sei, und im Deutschen zu Recht mit dem »Unheimlichen« verbunden sei, aber der extremen Rechten wollte sie dieses Feld nicht überlassen. Heimat ergebe sich nicht nur aus der Scholle und dem Haus, sondern auch aus Sprache und Literatur. Heimat sei da, wo man mit einem Kind fünf Jahre lang lebe, im Kibbuz oder in Dschenin. Terezia Mora, die mit 19 Jahren aus Ungarn nach Berlin kam, genoss das Privileg, mit zwei Heimaten zu hadern. Deutsche hatte sie nicht werden wollen, aber sympathisch ist ihr der ungarische Nationalismus auch nicht. Mora ist in der österreichisch-ungarischen Grenzstadt Sopron aufgewachsen, die nach einer manipulierten Volksabstimmung 1923 Ungarn zugeschlagen wurde, worüber Mora sich nun sehr glücklich zeigte, denn immerhin sei die ungarische Sprache ihre Heimat geworden. Aber welche Ironien die Geschichte doch immer wieder bereithält: Fania Oz-Sulzberger erzählte, dass die Großeltern ihres Mannes, die ebenfalls aus Sopron stammten, ganz auf Seiten Österreichs standen.

entfremdet In einer zweiten Debatte traf der palästinensische Israeli Ayman Sikseck auf die in der DDR aufgewachsene Berliner Autorin Jenny Erpenbeck. Beide laborieren an ihrer Fremdheit im eigenen Land, was sie einander aber nicht näher brachte. Der 1984 geborene Sikseck, der als Autor und Literaturkritiker in Jaffa lebt und in seinen Geschichten von der Suche nach Identität und Anerkennung erzählt, überraschte mit der Erklärung, dass der arabische Heimatbegriff »Watan« eher mobil zu verstehen sei: Ein Haus könne man abreißen und neu bauen oder mitnehmen, man könne auch mehrere Häuser haben, entscheidend sei das Gefühl der Zugehörigkeit. Konsternation bei Erpenbeck: Ihr Erfolgroman Heimsuchung erzählt von einem Haus am Scharmützelsee, das ihre Großeltern nach dem Mauerfall an Alteigentümer zurückgeben mussten und dessen Verlust sie noch immer nicht verschmerzt hat. Nach eigenem Bekunden erfährt sie, die Ost-Berlinerin, heute noch »einen Kulturschock«, wenn sie in die nach der Wende (doch sehr behutsam) sanierten Sophiensäle kommt.

Gelassenheit Die Abschlussmatinee am Sonntag bestritten der Tel Aviver Nir Baram und der Berliner Detlef Kuhlbrodt. Beide sollten bezeugen, wie man sich den eigenen Blick auf seine vom europäischen EasyJetset heimgesuchte hippe Stadt bewahrt, sei es Tel Aviv oder Berlin. Kuhlbrodt brachte in seinen taz-Kolumnen dem Kreuzberger Alltag mit seinen Junkies, Radfahrern und Igeln so viel Zärtlichkeit entgegen, dass es Baram bei der Lesung ganz unbehaglich wurde. Er selbst, als Spross einer sozialistischen Politdynastie in Jerusalem geboren, hat in seinem auch auf Deutsch erschienenen Roman Der Wiederträumer Tel Aviv ganz umstandslos der großen Katastrophe geopfert. Was er natürlich keinesfalls als politischen Kommentar verstanden wissen wollte: Literatur sei ja nicht die Sklavin des Journalismus. Heitere Gelassenheit bei Kuhlbrodt (»Wir sind drogensüchtig und psychisch instabil, und trotzdem ganz okay«), apokalyptisches Drama bei Baram (»Die Depression wird enden, wenn der Sturm verschwindet«). Hier prallten Kontinente aufeinander. Heimat ist subjektiv.

Zahl der Woche

1:28,31 Minuten

Funfacts & Wissenswertes

 24.03.2026

Berlin

Holocaust: Ausstellung über das Mitwissen der Deutschen

Nach den beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten sagten viele, das habe man nicht gewusst. Wie glaubwürdig war das? Die Topographie des Terrors in Berlin widmet sich der Frage

 24.03.2026

Sachsen

Rund 1000 Veranstaltungen zum »Jahr der jüdischen Kultur«

Unter dem Titel »Tacheles« steht in Sachsen 2026 das jüdische Leben im Mittelpunkt. Zahlreiche Akteure beteiligten sich. Das Programm wächst noch immer

von Katharina Rögner  24.03.2026

Lebende Legende

Barry Manilow kündigt erstes Studioalbum seit fast 15 Jahren an

Stilistisch soll das Werk verschiedene Richtungen verbinden – von klassischen Balladen bis hin zu Elementen aus R&B, Rock und Gospel

 24.03.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Hollywood

»Enigma Variations«: Aaron Taylor-Johnson übernimmt Hauptrolle in neuer Serie

Im Zentrum der Handlung steht eine Figur namens Paul, deren Leben durch verschiedene Beziehungen geprägt wird. Die Geschichte beleuchtet Fragen von Identität, Begehren und Liebe

 23.03.2026

Filmklassiker auf der Bühne

Premiere in Hamburg: »Zurück in die Zukunft« als Musical

In den 1980er-Jahren war der Film ein Riesenerfolg. Als Musical feierte die Komödie am Wochenende in Hamburg Premiere. Bob Gale, der jüdische Co-Autor der Filmtriologie, schrieb das Musical

 23.03.2026

Jubilar

»Mikrofon für die Seele«: Klezmer-Musiker Giora Feidman wird 90

Giora Feidman hat die jüdische Klezmer-Tradition in den Konzertsaal gebracht. In einfachen Liedern findet er große spirituelle Tiefe. Mit seiner Musik will der Klarinettist Menschen verbinden – und pflegt bei seinen Konzerten ein bestimmtes Ritual

von Katharina Rögner  23.03.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Mit Fran Lebowitz und Larry David in der Ringbahn – ein Traum

von Katrin Richter  22.03.2026